Center for Interdisziplinary Research
 
 

Französisches Staatsdenken

Termin: 30. Mai - 1. Juni 2001
Leitung: Constance Grewe (Straßburg) und Christoph Gusy (Bielefeld)

Das französische Staatsdenken ist in Deutschland ein Themenkomplex, mit dem sich nur vereinzelte Wissenschaftler auseinander setzen. In einem zusammenwachsenden Europa jedoch stellt der Dialog zwischen französischen und deutschen StaatsrechtslehrerInnen eine Notwendigkeit dar.
Eine besondere Herausforderung dieses wissenschaftlichen Austausches stellen normalerweise schon die sprachlichen Verständnisschwierigkeiten dar. Die bloße Übersetzung der Begriffe reicht nicht aus, um sie auch mit bedeutungsgleichem Inhalt zu füllen. Hinzu kommt die partielle Verortung des französischen Staatsdenkens in der Politikwissenschaft und die schwere Übertragbarkeit französischer Lösungen auf deutsche Probleme. Die dem Dialog im Wege stehenden Barrieren wurden im Bielefelder ZiF erfolgreich überwunden und auf hohem Niveau die unterschiedlichen Ansätze und Grundlagen des Staatsdenkens erörtert. Es kristallisierte sich heraus: Staatsdenken ist mehr als die rechtliche Verfasstheit der Gesellschaftsordnung.
Die Betrachtung der "Merkwürdigkeiten" des französischen Staatsdenkens war Ausgangspunkt der Diskussion, die jedoch recht schnell deutlich machte, dass die Innenperspektive und eine hinreichende Differenzierung zu einer anderen Bewertung führen. Nach der Betrachtung kam der Perspektivenwechsel hin zum Austausch. Prominente französische Staatsrechtswissenschaftler referierten und deutsche Kollegen kommentierten aus ihrer Sicht. Im Mittelpunkt standen dabei aktuelle Probleme vor dem Hintergrund des französischen Staatsverständnisses: Es ging um die Rolle der Republik, die Raison d'Etat als Rechtfertigungsgrund für staatliches Handeln, den Umgang mit dem Pluralismus als Gefahr für die Einheit des Staates und das Zusammenspiel von Europarecht und nationalem Recht in Frankreich.
Die Tagung schaffte Aufklärung und Korrektur vieler in Deutschland herrschender überholter und unzutreffender Auffassungen über die französische Verfassung und die französische Verfassungspraxis. Die Wahrnehmung des Nachbarn wurde geschärft und vor dem Hintergrund der französischen Probleme und internen Meinungsstreitigkeiten differenzierter.



Print
ZiF - Center for Interdisciplinary Research - Homepage > List of ZiF Workshops > 2001 >