Center for Interdisziplinary Research
 
 

Welt und Wissen - Monde et Savoir - World and Knowledge

Über die Konstruktion wissenschaftlicher Erkenntnisse / A propos de la construction des savoirs scientifiques / On the construction of scientific truths

Termin: 18. - 20. Juni
Leitung: Philippe Blanchard (Bielefeld), Martin Carrier (Bielefeld), Jochen Hoock (Paris), Günter Küppers (Bielefeld) und Johannes Roggenhofer (Bielefeld)

Treffen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften objektiv zu – und sei es auch nur näherungsweise, oder sind sie bloße soziale Konstruktionen, Projektionen der historisch-kulturell bedingten Gesellschaftszustände? Diese Frage ist das umkämpfte Terrain der sog. 'Wissenschaftskriege' zwischen dem Relativismus der 'postmodernen' Sozial- und Geisteswissenschaften und dem Realismus (Objektivismus) der spätestens hierdurch klassisch gewordenen 'modernen' Naturwissenschaften. Die jüngste, von den Beteiligten vielfach mit großem Betroffenheitsgestus ausgefochtene Runde dieser Auseinandersetzungen wurde durch den 1996 in Social Text erschienenen Beitrag des US-amerikanischen Physikers Alan Sokal Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity eingeläutet, als dieser seinen von den postmodernen Denkern als Bestätigung ihrer Relativismus-These aufgefassten Artikel als physikalisch sinnlose Parodie enttarnte (Sokal’s hoax) und zum Kronzeugen für die physikalisch-mathematische Unbedarftheit führender postmoderner Intellektueller und mithin der Absurdität der Relativismus-Hypothese nahm.
Wie zutreffend die Kritik von Alan Sokal und seinem engstem Mitstreiter Jean Bricmont an der sinnentstellten und missbräuchlichen Verwendung physikalischer Termini durch die Postmoderne auch immer sein mag, so leistet sie doch kein zwingendes Argument gegen den Relativismus. Die ZiF-Tagung setzte erneut beim zugrundliegenden Sachproblem an, vorsätzlich jenseits der wechselseitigen Polemiken im Gefolge von Sokal’s hoax.
Drei alternative Konzeptionen des Verhältnisses zwischen Welt und Wissen, zwischen Realität und naturwissenschaftlicher Erkenntnis wurden zur Diskussion gestellt. Alan Sokal und Howard Sankey vertraten die Position des wissenschaftlichen Realismus, wonach das Ziel der Naturwissenschaft die gesetzmäßige Beschreibung der objektiven Wirklichkeit unabhängig von menschlichen und gesellschaftlichen Vorgaben ist. Es ist dabei nicht wichtig, ob dieses Ziel abschließend erreicht wird, entscheidend ist, dass sich die Wissenschaft diesem Ziel im Wechselspiel von Experiment und Theoriebildung vielleicht nicht immer geradlinig, aber letztlich unaufhaltsam annähert. Folglich macht es auch Sinn, von einem 'Fortschritt der Wissenschaften' zu sprechen.
Die Position des wissenschaftlichen Pragmatismus (oder Instrumentalismus), die in der Tagung durch Holm Tetens vertreten wurde, bestreitet nicht das Streben der Wissenschaft um die Erfassung der objektiven Realität, wohl aber die grundsätzliche Möglichkeit des Erfolgs dieser Unternehmung. Die Kluft zwischen menschlicher Erkenntnis und der Welt an sich ist unüberbrückbar, deshalb wird in der Entwicklung der Wissenschaften immer wieder das Scheitern an der Erfassung der Wirklichkeit erfahren. Ihre tatsächliche Geltung beziehen die Systeme wissenschaftlicher Erkenntnis aus ihrem Vermögen, Lösungen für die jeweiligen wissenschaftsimmanenten Fragen und Problemstellungen, von denen die Forschung induziert wird, zu produzieren.
Für die Position des wissenschaftlichen Sozialkonstruktivismus, von Barry Barnes und Trevor Pinch in Bielefeld vertreten, stellt sich das Verhältnis von Welt und Wissen ganz anders dar: die Entwicklung des wissenschaftlichen Wissens korrespondiert eng der Entwicklung der kulturellen Verhältnisse, die Ergebnisse des Forschungsprozesses sind von den (historisch-kulturell bestimmten) Bedingungen ihrer Genese nicht ablösbar. Nur so kann erklärt werden, warum immer wieder wissenschaftliche Theorien sehr erfolgreich sein können, die sich später als völlig unzutreffend herausstellen und z. T. sogar Chimären in die Wirklichkeit projizieren wie etwa den lange Zeit für existent gehaltenen Wärmestoff (das Phlogiston), der u. a. zur Erklärung der physikalisch meßbaren Vorgänge bei der thermischen Verbrennung postuliert wurde.
Ergänzt wurden diese Grundpositionen um perspektivische Beiträge aus der Evolutionsbiologie (Jean Gayon) und Neurobiologie (Holk Cruse) sowie der Ethnologie (Maurice Godelier, Georg Elwert). Betrachtet man wissenschaftliche Erkenntnis unter den Gesichtspunkten ihrer biologischen (evolutionsgeschichtlichen und neurophysiologischen) Fundiertheit oder untersucht man, wie vorwissenschaftliche Kulturen mit neuer Evidenz oder neuen Deutungsmodellen umgehen, die den bisherigen Weltmodellen zuwider laufen, so ergeben sich überraschende Konsequenzen für die Frage nach Rekonstruktion oder Konstruktion der Welt durch Wissen. Vorwissenschaftliche Kulturen ändern in Gegenwart schlagender Evidenz (empirischer Erfahrung) die dazu im Widerspruch stehenden Weltmodelle, verbleiben also nicht einfach in den bisherigen sozial konstruierten Strukturen ihrer Mythen. Das menschliche Gehirn leistet seine Arbeit in spezifischer, physiologisch und evolutionär bedingter Weise. Es ist deshalb zu fragen, inwieweit dies auch auf die Hervorbringung wissenschaftlicher Erkenntnissysteme durchschlägt und damit den Objektivitätsanspruch im Sinne des Realismus relativiert.
Einen stärker kulturwissenschaftlich geprägten Ansatz führte Mara Beller am Beispiel der Relativitäts- und Quantentheorie in die Debatte ein und plädierte dabei für einen dritten Weg jenseits von Realismus und Relativismus, der – ohne die Frage des Objektivitätsanspruchs vor allem in der methodischen Gewinnung wissenschaftlicher Daten und Erkenntnisse abschließend zu entscheiden – den Ideologie- und Interessenrahmen, in dem eine Deutung einer Theorie vorgenommen wird, sichtbar und in seinem Einfluss auf die gewählte Deutung nachvollziehbar machen will.
Jochen Hoock interpretierte die 'Wissenschaftskriege' als Spezialfall einer rekurrenten Debatte über die Einheit der Wissenschaft bzw. einen fundamentalen Gegensatz zwischen Natur- und Kulturwissenschaften und maß ihnen – neben der Produktion etlicher Polemik und unangemessen militärischer Rhetorik gerade auch in der Berichterstattung – in erster Linie die Funktion bei, die ganze Bandbreite der möglichen Beziehungen zwischen Welt und Wissen erneut zur Disposition zu stellen.
Selbstverständlich führte die Tagung nicht zur pax aeterna einer Einheitsdeutung des Realismusproblems in den Naturwissenschaften, doch wurde das Ziel einer engagierten, aber weitgehend entpolemisierten Sachdiskussion auf den Panels und in den Plenumsrunden erreicht. Neu war die Einbeziehung philosophischer Wissenschaftstheoretiker in die bislang vorwiegend von Fachwissenschaftlern (Physikern, Soziologen, ...) geprägten Debatte und neu war die Einsicht, dass sich mit der Weiterentwicklung der Naturwissenschaften und der zunehmend stärkeren Rolle der Biowissenschaften für das Verständnis von 'Naturwissenschaft' ganz neue Seiten der Fragestellung ergeben. Mit ausführlichen Besprechungen u. a. in FAZ, SZ und den Physikalischen Blättern fand die Tagung auch ein großes und positives Echo in einer breiteren Öffentlichkeit.

Die Tagung fand statt mit freundlicher Unterstützung S.E. des Botschafters der Republik Frankreich in Deutschland und des C.H.Beck-Verlages, München.



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