Center for Interdisziplinary Research
 
 

Autorenkolloquium mit Amartya K. Sen

Termin: 22. - 23. June
Leitung: W. Gaertner (Osnabrück) and W. Hinsch (Saarbrücken)

Im Jahre 1998 wurde Professor Amartya Sen mit dem Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften begründete diese Auszeichnung mit Sens grundlegenden Beiträgen zur Wohlfahrtsökonomik. Erwähnung fanden insbesondere seine Arbeiten über die Theorie kollektiver Entscheidungen (social choice theory), seine Beiträge zur Messung von Ungleichheit und Armut sowie seine zahlreichen empirischen Untersuchungen im Bereich der Entwicklungstheorie und -politik. Diese kurze Aufzählung vermittelt nicht nur einen ersten Eindruck von der beeindruckenden Breite des wissenschaftlichen Œuvres Sens, sie lieferte auch, ergänzt durch zahlreiche philosophische Arbeiten des Autors, ein Raster für die Vorträge und Diskussionen im Verlaufe des Kolloquiums.

Die normative Ökonomik (Wohlfahrtsökonomik) beschäftigt sich u. a. mit effizienten Allokationsverfahren und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, mit Problemen der Verteilungsgerechtigkeit sowie mit Fragen individueller Rechte und Freiheiten. Dass in diese Analysen Werturteile sehr verschiedener Art einfließen, ist geradezu selbstverständlich. Diese ›wertebeladenen‹ Standpunkte einer rationalen Diskussion zugeführt zu haben, indem deren logische Implikationen aufgezeigt worden sind mit der Konsequenz, dass eine Grundlage für Empfehlungen an Politiker bereitgestellt werden konnte, ist eine der wesentlichen Leistungen der axiomatisch fundierten Theorie kollektiver Entscheidungen. Natürlich ist dieses Terrain ein Gebiet voller Fußangeln. Welches Ausmaß an Rationalität sollte sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft gelten? Spielen Normen eine Rolle, die sich nicht unbedingt unter der Prämisse der Maximierung des Eigennutzes subsumieren lassen? Wie ist die Wohlfahrt des einzelnen Individuums überhaupt adäquat zu erfassen?

Die interdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmerrunde ermöglichte es, diese und andere Fragen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu erörtern. In den Diskussionen wurde deutlich, dass eine Anreicherung des Rationalitätskonzepts durch individuelle oder soziale Normen Verhaltensweisen zu erklären vermag, die außerhalb der Welt des ›rationalen Narren‹ (Sen) liegen. Wohlfahrt bzw. Wohlergehen des einzelnen und der Gesellschaft sollte sich nicht auf die Messung und den Vergleich von Sozialproduktsdaten beschränken. Fähigkeiten und deren tatsächliche Ausübung sind ganz entscheidend für die Entwicklung des Menschen – und zwar über alle Kulturen hinweg, und sollten eine der Grundlagen einer Theorie sozialer Gerechtigkeit bilden. Die Frage, welche institutionellen und verfassungsmäßigen Regelungen hierfür am geeignetsten erscheinen, stand im Zentrum mehrerer Beiträge.

Tagungsprogramm



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