Center for Interdisziplinary Research
 
 

Communication Citizenship in Decision Making Procedures

Towards an Interdisciplinary and Cross-Cultural Perspective

Termin: 27. - 30. Juni 2001
Leitung: Alfons Bora (Bielefeld) und Heiko Hausendorf (Dortmund)

Auf der Arbeitstagung wurde danach gefragt, wie Bürgerschaft (citizenship) in Kommunikationsprozessen hergestellt, reproduziert und modifiziert wird und unter welchen rechtlichen und politischen Bedingungen sich welche Formen von Bürgerrollen ausbilden. Die Arbeitstagung bildete den Auftakt für das EU-Forschungsprojekt PARADYS (Participation and the Dynamics of Social Positioning), ein aus zehn Teilprojekten in sieben europäischen Ländern bestehender Projektverbund, in dem diesen Fragen am Beispiel jeweils länderspezifischer Genehmigungsverfahren zur Freisetzung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen nachgegangen werden soll.
Im Hinblick auf die theoretischen Grundlagen der geplanten Studien wurde insbesondere das für den Forschungszusammenhang zentrale Konzept Communicating Citizenship kritisch diskutiert, konkretisiert und ergänzt. Die Grundidee dieses Konzeptes ist, anders als in der soziologischen Diskussion bisher üblich, die verschiedenen Formen von Bürgerschaft und Bürgerrollen so nachzuzeichen, wie sie im kommunikativen Prozess von den Beteiligten selbst hergestellt werden. Diese Herangehensweise an das Phänomen von Bürgerschaft eröffnet nicht nur eine neue theoretische Perspektive auf den Gegenstand, sie versucht außerdem eine Antwort auf die in diesem Zusammenhang intensiv diskutierte methodische Frage zu geben, wie die Mikroanalyse der sprachlichen Oberfläche singulärer kommunikativer Ereignisse einerseits und die den gesamten Prozess rahmenden rechtlich-politischen Bedingungen andererseits analytisch aufeinander bezogen werden können.
Einen der thematischen Schwerpunkt der Arbeitstagung bildete die Frage der rechtlichen Situation in den einzelnen Ländern. Die dazu vorgetragenen Informationen besonders im Hinblick auf Öffentlichkeitsbeteiligung am Verfahren und Transparenz erlaubten eine grobe Einteilung der in PARADYS vertretenen Länder in drei Gruppen:

  • den Standardtyp, dessen Charakteristika eine obligatorische Information der Öffentlichkeit und Bürgerbeteiligung, aber wenig Transparenz sind;
  • den Italienischen Typ, der sich durch fehlende Information der Öffentlichkeit, fehlende Beteiligungsmöglichkeiten und fehlende Transparenz auszeichnet, und schließlich
  • den Schwedischen Typ, der durch sehr hohe Transparenz des Verwaltungshandelns bei fast vollständig fehlender Möglichkeit der aktiven Bürgerbeteiligung gekennzeichnet ist.
Schließlich wurden während der Tagung – ausgehend von einem einschlägigen Datenkorpus (Transkription einer öffentlichen Diskussion im Rahmen einer geplanten Freisetzung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in Norddeutschland) – zentrale methodologische und methodische Fragen exemplarisch aufgegriffen. In ersten Analysen wurde konkret entwickelt, welche sprachlichen und pragmatischen Elemente für die Fragestellung relevant sind, wie sich Bürgerrollen an der sprachlichen Oberfläche kommunikativer Ereignisse manifestieren können, welche Typen oder Formen der Beteiligung an solchen öffentlichen kommunikativen Ereignissen potentielle Kandidaten für Formen von Bürgerschaft sind usw. Dabei zeigte sich auch, dass die Ansätze der verschiedenen Teilprojekte trotz unterschiedlicher methodologischer Ausgangspunkte bei der konkreten Analyse zu vergleichbaren Ergebnissen kamen.
Außerdem wurden durch die Diskussionen auch die Umrisse von Feldzugang und Datenerhebung geschärft. Deutlich wurde dabei vor allem, dass neben der Aufzeichung von Gesprächsdaten, wie sie u. a. nach konversationsanalytischen Standards erfolgt, auch ethnographische Erhebungen mit einbezogen werden müssen.


Print
ZiF - Center for Interdisciplinary Research - Homepage > List of ZiF Workshops > 2001 >