Center for Interdisziplinary Research
 
 

Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel

DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich

Termin: 12. - 14. September 2001
Leitung: Prof.Dr. Heinz-Gerhard Haupt, Dr. Jörg Requate (beide Bielefeld)

Die Tagung ging von der These aus, die 1960er Jahre seien systemübergreifend in besonderer Weise von einer Aufbruchstimmung geprägt, die eng mit der Vorstellung verknüpft war, die Zukunft der Gesellschaft planen und gestalten zu können, aber auch zu müssen. In engem Zusammenhang damit standen Fragen danach, ob, in welchem Ausmaß und für welche Dauer diese Planungseuphorie und Zukunftsorientierung als Signatur der 1960er Jahre gelten können und in welchem Verhältnis dieser technokratische Planungsansatz zum Streben nach zunehmender Partizipation und Demokratisierung auf der einen und einem kulturellen Aufbruch auf der anderen Seite stand.
Als gemeinsamer Fokus der Frage nach den Ähnlichkeiten diente die Tatsache, dass man sich in beiden Systemen in den 60er Jahren in einer sogenannten "wissenschaftlich-technischen Revolution" sah, mit deren Hilfe die Zukunft der Gesellschaft steuerbar würde. Der Boom der Zukunftsforschung oder auch der Optimismus, mit dem man die Kernenergie als zukunftsweisende Technologie feierte, zeugen in beiden Systemen von dieser fortschrittsorientierten Zunkunftsplanung und wurden in verschiedenen Beiträgen diskutiert. Weiter wurde davon ausgegangen, dass sich die gesellschaftliche Aufbruchstimmung in hohem Maße auch im kulturellen Bereich niederschlug. Sowohl im Vergleich zwischen den einzelnen Ostblockstaaten als auch im Vergleich zwischen Ost und West ist hier das Verhältnis zwischen der kulturellen und der gesellschaftlichen Dynamik diskutiert worden. Die unterschiedlichen Themenfelder sind auf vier Sektionen verteilt worden: Wirtschaft, Technokratie und Zukunftsplanung, Verwissenschaftlichung und "Humankapital" sowie Kultur.
In der ersten Sektion zu den Wirtschaftsfragen wurde für die einzelnen Länder zunächst gesondert nach den Ursachen für die Reformansätze im Wirtschaftsbereich und insbesondere im Vergleich zwischen der DDR und der CSSR nach den Gründen für den unterschiedlichen Verlauf der Debatten und der tatsächlichen Reformen gefragt. Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Rhetorik vom Zusammenwachsen von Markt und Plan und der damit im Zusammenhang stehenden Konvergenztheorie wurden jedoch vor allem die bleibenden Systemunterschiede hervorgehoben. In den beiden Sektionen zur Verwissenschaftlichung und zur Technokratie und Zukunftsplanung wurde diskutiert, in welchem Maße sich insbesondere für die Bundesrepublik mit einem Aufstieg der Experten, dem Versuch der Einbeziehung der Wissenschaften, der Implementierung einer Politikberatung und anderem mehr der Trend zur Verwestlichung weiter fortsetzte oder ob es sich dabei um systemübergreifende Phänomene handelte. Zudem wurde die Frage behandelt, in welchem Maße in den östlichen Systemen Beratung durch tendenziell unabhängige Experten Raum hatte. Auch für den kulturellen Bereich wurde zum einen vor allem für die sozialistischen Regime die Frage nach dem Verhältnis zur Politik verfolgt. Dabei lag in der Diskussion besonderes Gewicht auf der unterschiedlichen Entwicklung in der DDR und der CSSR, wo es zu einem vielfältigen Aufbruch im Bereich der Literatur, des Films und der bildenden Kunst kam, während in der DDR eigenständige Entwicklungen schon sehr früh unterbunden wurden. Zum anderen wurde systemübergreifend nach Ähnlichkeiten und Unterschieden der literarischen und filmischen Verarbeitung von Zukunftsvorstellungen gefragt. Hier schloss die Debatte dann noch einmal unmittelbar an die Sektion zur Zukunftsplanung an.



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