Center for Interdisziplinary Research
 
 

Verfahrensgerechtigkeit und Zeugenbeweis

Fairness für Opfer und Beschuldigte

Termin: 19. - 20. September 2001
Leitung: Stephan Barton und Otto Backes (beide Bielefeld)

Die opferorientierten Wissenschaften haben die mit der Straftat und dem Strafverfahren verbundenen psychosozialen Belastungen für Opferzeugen eindringlich belegt. Die Rechtspolitik hat daraus Konsequenzen gezogen und die Opferschutzrechte ausgebaut, zuletzt mit den erweiterten Möglichkeiten zu Videovernehmungen; weitere Reformen werden vom Bundesjustizministerium geplant. Parallel zu den Reformgesetzen ist die Situation der Opferzeugen auch durch ein psychosoziales Betreuungsangebot verbessert worden. Das führt nicht nur zu neuen interdisziplinären Herausforderungen für die Prozessbeteiligten, sondern kann auch mit neuen Fehlerquellen im Strafprozess, insbesondere mit einer Schwächung der Beschuldigtenposition, verbunden sein.
Vornehmlicher Gegenstand der "Ersten Bielefelder Verfahrenstage" war die Frage, bei welchen opferschützenden Maßnahmen diese besonderen Gefahren bestehen und wie diese ausgewogen behoben oder zumindest reduziert werden können. Teilnehmer waren Juristen, Psychologen, Soziologen und Psychotherapeuten aus Wissenschaft und Praxis, Praktiker aus der Opferhilfe und der Polizei, die im Rahmen einer intensiven interdisziplinären Diskussion die Gelegenheit zum Austausch kontroverser Standpunkte über die aktuellen Probleme des Opfer- und Beschuldigtenschutzes unter Berücksichtigung des Gedankens der Verfahrensgerechtigkeit nutzten. In den drei angebotenen Arbeitsgemeinschaften wurden die neueren Erkenntnisse zur Glaubhaftigkeitsbeurteilung, zur Zeugenbetreuung und zu Video-Vernehmungen vorgestellt und einem intensiven Diskurs unterzogen. Die Relevanz und das gleichzeitige Manko einer spezifischen Professionalität seitens der Akteure (Sachverständige, Richter, Betreuer) zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Spezifische fachliche und soziale Kompetenz im Umgang mit Opferzeugen, aber auch mit den Beschuldigten, ist nicht nur für das Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch für das Belastungsempfinden von essentieller Bedeutung und würde das Vertrauen gegenüber der Justiz bestärken können. Wenn Opferschutz effizient und unter ausgewogener Berücksichtigung der Beschuldigteninteressen auf die Bedürfnisse der Opfer zugeschnitten sein soll, wird man sich stärker an den aktuellen interdisziplinär gewonnenen Forschungsergebnissen orientieren und auch die Forschung fördern müssen. Nur so kann zugleich gesichert werden, dass die Rechtsstellung des Beschuldigten keinen Schaden nimmt.
Die einzelnen Beiträge werden in der Reihe Interdisziplinäre Studien zu Recht und Staat durch die Nomos Verl.-G. im Frühjahr 2002 unter der Herausgeberschaft von Stephan Barton veröffentlicht.



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