Center for Interdisziplinary Research
 
 

Female Adolescence in Historical Perspective

Europe 1750 – 1970

Termin: 18. - 20. Oktober
Leitung: Christina Benninghaus (Bielefeld), Mary Jo Maynes (Minneapolis, MN) und Brigitte Søland (Columbus, OH)

Wie die Geschlechter sind auch Lebensphasen und Generationenverhältnisse als soziale Konstrukte dem historischen Wandel unterworfen. In Anlehnung an und in Auseinandersetzung mit soziologischen, psychologischen, pädagogischen und ethnologischen Studien und Konzepten untersucht die historische Jugendforschung, wie sich gesellschaftliche Jugendvorstellungen und die auf Jugendliche gerichteten Sozialisationsbemühungen veränderten. Sie fragt nach den Lebensweisen und Erfahrungen von Jugendlichen und nach der Bedeutung der Lebensphase ›Jugend‹ im Lebenslauf. In den letzten Jahren haben geschlechtergeschichtliche Fragestellungen dabei an Bedeutung gewonnen, ohne daß das eklatante Defizit an Studien zur weiblichen Jugend allerdings behoben worden wäre. Ziel der Tagung war es, einschlägige Forschungsergebnisse aus dem Bereich der historischen Mädchenforschung im Kontext einer europäisch vergleichenden Geschlechtergeschichte der Jugend zu diskutieren.
Geographisch konzentrierten sich die Tagungsbeiträge auf Nord- und Westeuropa und damit auf die Region, für die die historische Demographie ein spezielles Heiratsverhalten, das sogenante western european marriage pattern festgestellt hat. Ein im internationalen Vergleich hohes Heiratsalter führte dazu, daß viele der in den betroffenen Gesellschaften lebenden Menschen eine ungewöhnlich lange Jugendphase durchlebten und daß Jugendliche innerhalb der jeweiligen Gesamtbevölkerung eine große soziale Gruppe darstellten. Ausgehend von dieser strukturellen Gemeinsamkeit fragten die Tagungsbeiträge nach regionalen, nationalen, zeit- und schichtenspezifischen Unterschieden in der Geschichte weiblicher Jugend.
Schwerpunkte der Tagung waren, erstens, die Erwerbsarbeit weiblicher Jugendlicher. Diese war vor der zunehmenden Verschulung der Jugendphase in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein zentraler Bereich des Alltagslebens vieler Mädchen. Eine Reihe von Papieren untersuchte daher im Kontext von beruflicher Ausbildung und Erwerbsarbeit stattfindende Sozialisations- und Aushandlungsprozesse. Andere Beiträge zeigten, daß weibliche Jugendliche in gesamtgesellschaftlicher Perspektive ein wichtiges Arbeitskräftepotential im Prozeß der Industrialisierung und der Herausbildung der Dienstleistungsgesellschaft darstellten.
Zweitens beschäftigte sich eine Reihe von Beiträge mit der Kontrolle der Sexualität der Mädchen. Geschlechtsverkehr wurde weiblichen Jugendlichen bis in die Nachkriegszeit allenfalls im Vorfeld einer geplanten oder zumindest erwartbaren Eheschließung zugestanden, die Mechanismen und Instanzen der Kontrolle variierten allerdings sehr stark, wobei mehrere Tagungspapiere schichtenspezifische und konfessionelle Unterschiede herausarbeiteten.
Drittens untersuchten zahlreiche Tagungsbeiträge, wie sich die Definition von Jugend im historischen Prozeß veränderte. Dabei läßt sich vor allem für die Zeit seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine zunehmende Bedeutung von Expertendiskursen, eine Professionalisierung dieser Experten und die Schaffung neuer Institutionen der Jugendpflege und Jugendfürsorge feststellen.
Insgesamt machte die Tagung deutlich, daß sich Konzepte und Ergebnisse der historischen Jugendforschung nicht bruchlos auf weibliche Jugendliche anwenden lassen, sondern der Modifikation und häufig auch der Historisierung bedürfen. In Hinblick auf die Geschlechtergeschichte können Studien zu weiblicher Jugend dazu beitragen zu zeigen, daß »Weiblichkeit« als eine nicht nur schichten- und zeit-, sondern auch lebensphasenspezifische Konstruktion zu verstehen ist.

Tagungsprogramm



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