Center for Interdisziplinary Research
 
 

ZiF:Autorenkolloquium mit M. Theunissen

Termin: 22. – 24. November
Leitung: Emil Angehrn (Basel)

Michael Theunissen (geb. 1932), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen der Gegenwart, war Professor für Philosophie an den Universitäten Bern (1967 – 1971) und Heidelberg (1971 – 1980) und an der Freien Universität Berlin (1980 – 1998). Hauptbereiche seiner Forschungen und Publikationen sind die Philosophie Hegels und Kierkegaards, die moderne Sozialphilosophie und Phänomenologie, die Philosophie der Zeit, Pindar und die archaische Lyrik.
Das Autorenkolloquium konzentriert sich auf die Werke des letzten Jahrzehnts, in deren Zentrum das Thema Zeit steht. Hauptbezugspunkte der Diskussion sind die beiden Bände Negative Theologie der Zeit (1991) und Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit (2000). In diesen Schriften verfolgt Theunissen die Frage nach der existentiellen und metaphysischen Bedeutung menschlicher Zeiterfahrung in Auseinandersetzung mit Positionen der Philosophiegeschichte, mit Befunden der Psychopathologie sowie mit Zeugnissen der altgriechischen Dichtung.
Die zuletzt vorgelegte, umfassende Studie Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit sucht in der Fremdheit und Unzeitgemäßheit der frühen griechischen Dichtung Grundlagen für eine Selbstverständigung des modernen Denkens zu gewinnen. Dabei geht es in der Zuwendung zur Dichtung nicht um ein schlechthin Anderes der Philosophie: Das Interesse gilt vielmehr den denkgeschichtlichen Voraussetzungen und Erfahrungen, die in die Entstehung der Metaphysik in Griechenland eingegangen und von ihr zugleich verdeckt worden sind. Wie Heidegger (und vor ihm Hölderlin und Nietzsche) sieht Theunissen im Rückgang auf das archaische Griechentum eine Möglichkeit, die Grundentscheidungen, die das abendländische Denken und aus ihm heraus die Moderne bestimmt haben, bewußt zu machen und zu reflektieren. Damit geht eine Korrektur des Bildes einher, das christliche Interpreten, aber auch Heidegger, vom griechischen Denken (und damit von der philosophischen Überlieferung) entworfen haben: das eines zeit- und geschichtsvergessenen Seinsdenkens. Die Lyrik Pindars und seiner Vorgänger ist nach Theunissen zutiefst geprägt von einer sich theologisch artikulierenden Zeiterfahrung: In seiner Zeitunterworfenheit begegnet dem Menschen das Göttliche, das sein Leben beherrscht und unvorhersehbar in es eingreift. In der Transformation und Interpretation dieser Zeiterfahrung bietet die frühgriechischen Dichtung eine Folie für die Verständigung über den Menschen wie über das philosophische Denken und dessen Geschichte.
Leitfragen, unter denen das Kolloquium die Schriften Theunissens behandelt, betreffen u. a.:

  • das Konzept einer Protophilosophie und das methodische Problem einer Umsetzung und Freilegung von Dichtung in Philosophie
  • den Dialog zwischen Philosophie und Theologie im Medium der Dichtung
  • die Verbindung von methodischem Negativismus und Zeitphilosophie
  • das Verhältnis von theologisch interpretierter Zeiterfahrung und Geschichtszeit
  • das Verhältnis zwischen psychopathologischen, existenzphilosophischen, metaphysischen und theologischen Ansätzen der Zeitreflexion
  • Ansätze zu einer Theorie der Moderne im Rückgang auf das archaische Griechentum
Am 22. November fand ein Öffentlicher Vortrag von Michael Theunissen zum Thema Zwischen Mythos und Philosophie. Chaos, Nacht und Zeusherrschaft in Hesiods Theogonie statt.

Tagungsprogramm (PDF-Datei, 25kB)



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