Center for Interdisziplinary Research
 
 

Vertrauen als historische Kategorie

Termin: 6. - 8. De4zember 2001
Leitung: Ute Frevert (Bielefeld)

Vertrauen ist ein häufig gebrauchter Begriff der zeitgenössischen Sprache, taucht in Talkshows und politischen Reden, aber auch in der Produktwerbung, im Wertpapierhandel und im persönlichen Umgang auf und hat sich zu einem Kernbegriff der Alltagssprache entwickelt. Dass Vertrauen eine kommunikative und emotionale Fähigkeit von Menschen ist, um soziale Beziehungen zu bilden und zu stabilisieren, rückt immer deutlicher in den Blick. Vertrauen gilt als eine wichtige Bedingung für die Entstehung und das Funktionieren hochkomplexer und international verflochtener Gegenwartsgesellschaften.
Doch bereits in der Gründungsphase der Soziologie und darüber hinaus in den Schriften frühneuzeitlicher Philosophen, Juristen und Staatswissenschaftler finden sich Ausführungen über die soziale und politische Funktion von Vertrauen. Vertrauen wurde spätestens seit Beginn der Moderne als eine wichtige Ressource politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Kommunikation begriffen, man hat sich über die Bedingungen seiner Erzeugung und Nutzung Gedanken gemacht und das Risiko seines Verschwindens bedacht. Vertrauen ist somit weder als Phänomen noch als Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion ein vornehmlich zeitgenössisches Produkt.
Wie aber lässt sich Vertrauen historisch konzeptualisieren? Zwar wird in der aktuellen sozialwissenschaftlichen Forschungsliteratur zum Vertrauensthema mitunter mit historischen Bildern hantiert, jedoch werden sie selten expliziert. Besonders beliebt ist die Vorstellung, dass es in der Vergangenheit Vertrauen im Überfluss und überall gegeben habe, während es in der Gegenwart rapide im Schwinden begriffen sei. Diese Vorstellung basiert auf der Annahme, dass Vertrauen eine anthropologische, überzeitliche Konstante sei, ein universales Phänomen gleichsam. Dagegen ist jedoch einzuwenden, dass Vertrauen auch und vor allem eine qualitative Dimension besitzt. Eine kulturwissenschaftliche Analyse hat davon auszugehen, dass das, was als "Vertrauen" bezeichnet wird, in unterschiedlichen Zeiten und Räumen je Unterschiedliches bedeutet.
Bei der Erschließung von Vertrauen als historische Kategorie wird nicht die Moderne als Verlust- und Krisengeschichte konstruiert und ihr eine heile Welt stabiler, intakter Vertrauensbeziehungen gegenübergestellt. Vielmehr kommt es darauf an, die unterschiedliche und sich verändernde Qualität von Vertrauen, seine verschiedenen Entstehungskontexte und Gebrauchsweisen zu untersuchen.
Die Arbeitsgemeinschaft führt Forscherinnen und Forscher aus den Disziplinen Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Ethnologie und Literaturwissenschaft zusammen, um den interdisziplinären Austausch über theoretisch-systematische und empirische Zugänge zu Vertrauen (und Misstrauen) als historischer Kategorie anzuregen. Im Mittelpunkt steht die historische, sozial- und literaturwissenschaftliche Kritik an der Universalität von Vertrauen, die sich konstruktiv als Frage nach der Historizität von Vertrauen, nach seiner jeweiligen sprachlich-symbolischen und sozial-politischen Produktion und Kodierung wenden lässt. Diese Frage wird in vier Problemfeldern aufgespannt: Sie betrifft sowohl das Verhältnis von Vertrauen und Kommunikation, von Vertrauen und Wissen als auch die Rolle von Vertrauen interpersonalen Beziehungen und in politischen Partizipationsprozessen.



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