Center for Interdisziplinary Research
 
 

Justice, Pluralism, and Social Criticism

ZiF:Autorenkolloquium mit Michael Walzer

Termin: 9. - 10. Januar
Leitung: Prof. A. Honneth (Frankfurt/Main)

In dem Autorenkolloquium, das sich mit dem Werk des politischen Philosophen Michael Walzer beschäftigte, sollte der Versuch unternommen werden, die systematische Bedeutung seiner theoretischen Erneuerungen in drei verschiedenen Bereichen zu diskutieren; dabei war von Anfang an klar, dass der Klärungsprozess zwischen der Betrachtung des historischen Einzelfalls und verallgemeinernden Überlegungen hin- und hergehen musste, um dem hermeneutischen Begründungscharakter der Theorie Walzers gerecht zu werden. Besonders deutlich wurde dieser markante Grundzug seiner Arbeiten bereits in dem ersten Schwerpunkt, in dem es um die Frage ging, wie eine liberale Ordnung mit dem Tatbestand des kulturellen Pluralismus vereinbart werden kann; in der Debatte der Vorschläge, die hier in Richtung von Toleranzgeboten oder stärkeren Minderheitsrechten gemacht wurden, kam immer wieder zum Vorschein, dass politische Lösungen nur mit Blick auf die jeweilige Besonderheit der kulturellen Minderheit begründet werden können. Eindrucksvoll wurden auch die Gründe deutlich, die Michael Walzer überzeugt sein lassen, dass eine zu starke Verrechtlichung von Ansprüchen kultureller Minderheiten stets wieder negative Effekte auf die soziale Integration dieser Gruppen selber haben; denn mit der Gewährung von kulturellen Sonderrechten wächst, wie er anschaulich deutlich machte, immer auch die Eingriffsdichte der staatlichen Kontrollorgane, so dass es zu einer gleichsam bürokratischen Auszehrung der vitalen Traditionsbestände solcher Minderheiten kommen kann.
Waren der Diskussion im ersten Schwerpunkt daher enge Grenzen gezogen, weil der empirische Einzelfall im Vordergrund stand, so nahm die Auseinandersetzung im zweiten Schwerpunkt dagegen schnell einen stärker systematischen Verlauf. Hier ging es im wesentlichen um die Frage, wie das Gerechtigkeitskonzept einzuschätzen und zu beurteilen ist, das Michael Walzer in seiner sozialen Sphärentheorie entwickelt hat. Neben dem Bedenken, dass Walzer in seiner Vorstellung sphärenspezifischer Verteilungsregeln nur der Distribution positiver Güter, nicht aber derjenigen negativer Güter Rechnung tragen kann, kam im Verlauf der Diskussion vor allem ein zweiter Vorbehalt zum Tragen, der die Komposition seiner Gerechtigkeitstheorie im Ganzen betraf: unklar schien es einer Reihe von Beteiligten, ob die Differenzierung unterschiedlicher Verteilungsregeln ihrerseits als ein selbst schon normatives Unternehmen oder nur als ein hermeneutisches Verfahren gedeutet werden muss. Die Schwierigkeiten, die mit den beiden Deutungsalternativen jeweils intern verknüpft sind, kamen in der Diskussion äußerst klar zum Vorschein, so dass am Ende wohl die Zweifel insgesamt überwogen.
In dem letzten Schwerpunkt schließlich, der der Frage nach dem methodischen Zuschnitt einer angemessen Form von Gesellschaftskritik gewidmet war, prallten die Meinung sicherlich am stärksten aufeinander. Die Diskussion machte zunächst deutlich, dass Michael Walzer mindestens drei verschiedene Gründe hat, um ein bloß internes, an den jeweils gegebenen Normen anknüpfendes Kritikverfahren gegenüber einem externen, stärker theoretisch ausgerichteten Modell der Kritik zu bevorzugen: neben der praktischen Erwägung, dass eine solche immanente Form der Gesellschaftskritik aufgrund der leichteren Verstehbarkeit größere Durchsetzungschancen besitzt, spielen in seiner Begründung zugleich auch epistemologische und moraltheoretische Überlegungen eine Rolle, die nicht immer leicht voneinander zu unterscheiden sind. Sowohl gegenüber dem epistemologischen Argument, in dem die Möglichkeit einer prinzipienorientierten Moral überhaupt angezweifelt wird, als auch gegenüber dem moralphilosophischen Argument, in dem auf die ethische Verhaftung aller moralischen Normen hingewiesen wird, wurden im Verlaufe der Debatte erhebliche Einwände geltend gemacht; aber die Differenzierung der drei Ebenen erlaubte eine ungemein fruchtbare Diskussion, die erwartungsgemäß zwar nicht mit einem Konsens endete, aber doch zu einer methodologischen Klärung über die verschiedenen Kriterien beitrug, denen eine überzeugende Gesellschaftskritik zu genügen hat.



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