Center for Interdisziplinary Research
 
 

Adelsgeschichte als Gesellschaftsgeschichte.

Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert: Themen - Ergebnisse - Perspektiven

Termin: 5. - 7. März
Leitung: Eckart Conze (Tübingen) und Monika Wienfort (Bielefeld)

Die deutsche Adelsforschung zum 19. und 20. Jahrhundert - lange Zeit vernachlässigt - erlebt heute eine Renaissance. Die Tagung zur Adelsgeschichte als Gesellschaftsgeschichte diente zunächst dem Bemühen um eine Standortbestimmung in international vergleichender und in interdisziplinärer Perspektive. Kultur- und mentalitätsgeschichtlich ausgerichtete Fragestellungen der modernen Geschichtswissenschaft wurden vor allem mit soziologischen und linguistischen methodischen Ansätzen konfrontiert.
Die international vergleichende Perspektive enthüllte zunächst verschiedene ›Strategien des Obenbleibens‹ derjenigen Adelsgruppen, die sich auch im 19. und 20. Jahrhundert entweder im Landbesitz oder in den nationalen Eliten behaupten konnten. Solche Strategien bestanden etwa in der politischen Annäherung an das Bürgertum, in der Beanspruchung einer Rolle als Hüter des nationalen Kulturerbes oder in der Mitgliedschaft in einem Ritterorden.
Die große Spannbreite der Definitionen von Adel und Adeligkeit als Verhaltensmuster stand ebenfalls im Mittelpunkt der Tagung. Eine Aneignung und Umdeutung des Adelsbegriffes konnte im 20. Jahrhundert zum erfolgversprechenden Politikmodell werden. Frauen behaupteten sich in der Verwaltung einer immer stärker bürokratisierten adeligen Wohltätigkeit. Adelige Männlichkeit ließ sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch gegen das herrschende Klischee von Adel als personifizierter Härte und Pflicht als Bild von miteinander tanzenden Offizieren entwerfen. In diesem Zusammenhang erscheint die Besonderheit eines adeligen Körperverhaltens von Interesse, das erst mit dem Siegeszug von Sprache und bürgerlicher Kultur allmählich an Bedeutung verlor, ohne offensichtlich vollständig zu verschwinden.
Schließlich spielte der Begriff der Erfahrung im Zusammenhang einer modernen Adelsgeschichte eine wichtige Rolle. Dieser Begriff lässt sich als Leitbegriff eines stärker kulturwissenschaftlichen Zugriffs verstehen, der die lange vorherrschende sozialgeschichtliche Sichtweise auf den europäischen Adel im 19. und im 20. Jahrhundert sinnvoll ergänzen kann. Der Erfahrungsbegriff lenkt die Aufmerksamkeit dabei besonders auf die Krisen und Kriege als Katalysatoren des Wandels von Erfahrungen im Zusammenspiel von sozialer Gruppe und Individuum. Die Beobachtung adliger Praktiken und Personen könnte sich damit als Sonde einer modernen Gesellschaftsgeschichte auch des massenmedialen Zeitalters erweisen.



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