Center for Interdisziplinary Research
 
 

Fakten statt Normen?

Zur Rolle einzelwissenschaftlicher Argumente in einer naturalistischen Ethik

Termin: 14. - 15. Mai
Leitung: Prof. G. Vollmer (Braunschweig), Prof. K. Homann, Dr. Ch. Lütge (beide München)

In Natur- und Sozialwissenschaften lassen sich Theorien - zumindest im Prinzip - empirisch prüfen. Ethische Theorien sind hingegen weder verifizierbar noch falsifizierbar. Daher arbeiten Ethiker umso intensiver an Begründungsproblemen. Lassen sich moralische Normen begründen? Naturalisten sind hier besonders vorsichtig: Sie halten nichts von Letztbegründungen, sind skeptisch gegenüber Metaphysik und kennen keinen privilegierten Zugang zu Wahrheit oder Geltung. Sie nehmen Ergebnisse und Methoden der Wissenschaften in Anspruch, um den Bestand an Normen in der Ethik und damit den Begründungsbedarf zu verringern.
Lassen sich Normen wenigstens teilweise durch Fakten ersetzen? Zu dieser Frage sollten Philosophie, Ökonomik, Soziologie, Psychologie, Soziobiologie, Rechtswissenschaft und Spieltheorie zu Wort kommen. Wir hofften besonders auf kontraintuitive Thesen und Ergebnisse, die der Ethik neue Impulse geben können.
Die Tagung verlief im Wesentlichen wie geplant. Besonders erfreulich war die Entdeckung, dass Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen sich eben doch miteinander verständigen können. Dazu trugen nicht nur der gute Wille und die vielen informellen Gespräche, sondern auch die Kompetenz der Teilnehmer bei. Auch die Beteiligung einiger Examenskandidaten der Philosophie war eine Bereicherung.
Ein Beispiel für ein kontraintuitives Ergebnis ist das von Eckart Voland vorgetragene Handicap-Prinzip. Es erklärt Normentreue in Fällen, in denen Reziprozität nicht erwartet werden kann, etwa wenn erfolgreiche Jäger ihre Jagdbeute teilen (müssen). Sie nehmen dabei einen Nachteil (ein Handicap) in Kauf, signalisieren dadurch aber Tüchtigkeit, wie etwa ein aufwendiges Prachtgefieder Gesundheit signalisiert. Dadurch gewinnen sie Ansehen, das ihre Chancen bei der Partnerwahl und damit letztlich ihren Reproduktionserfolg erhöht.
Freilich erwies es sich nach wie vor als schwierig, die Kluft zwischen Beschreiben und Vorschreiben zu überwinden. Das ist nicht nur ein logisches Problem - als solches wurde es von Gerhard Schurz analysiert -, sondern auch eines für die Verständigung zwischen (beschreibenden) Wissenschaftlern und (vorschreibenden) Ethikern: Erfahrungswissenschaftlern fällt es nicht leicht, den Weg von der Beschreibung und Erklärung von Fakten zur Begründung von Normen als sinnvoll und möglich zu erkennen und dann auch zu gehen.
Insgesamt stellte sich heraus, dass es überraschend viele Möglichkeiten gibt, moralisches Verhalten als natürliches Verhalten aufzufassen. Das wiederum erhöht die Chancen, ethische Prinzipien auch ohne metaphysische Begründungsinstanzen und ohne drakonische Strafandrohungen durchzusetzen.



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