Center for Interdisziplinary Research
 
 

Kunst, Geschlecht, Politik

Männlichkeitskonstruktionen in der Moderne

Termin: 28. - 29. Juni
Leitung: Martina Kessel (Bielefeld)

Kunst, Geschlecht und Politik hängen auf vielfältige, gebrochene Art und Weise miteinander zusammen. Wichtig für den Entwurf der modernen Gesellschaft ist u. a. die männlich konnotierte Figur des Künstlers als dem Prototyp des singulären, kreativen Individuums sowie der Anspruch, durch die diskursive und symbolische Verknüpfung von Männlichkeit und künstlerischer Schöpferkraft Autorschaft auch im gesellschaftspolitischen Bereich reklamieren zu können. Die Tagung diskutierte die komplexen Zusammenhänge zwischen Männlichkeitskonstruktionen und verschiedenen Kunstformen vornehmlich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, einem Zeitraum, in dem Geschlechtergrenzen sich zum einen durch die wachsende Präsenz von Frauen in verschiedenen Funktionsbereichen wie Erwerbswelt und Bildungsbereich verschoben, zum anderen aber auch durch den offensiveren Zugriff von Frauen auf die Definition von Kunst.
Beiträge aus der Musikwissenschaft, der Kunstgeschichte, der Medien- und der Geschichtswissenschaft diskutierten unterschiedliche Entwürfe des Künstlers, Konstruktionen von Männlichkeit in der Kunst sowie die Repräsentation des Politischen und den Zugriff auf das Politische in und durch Kunstformen und Künstlerentwürfe. Aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven wurde zum einen sichtbar, daß es konkurrierende Männlichkeitsentwürfe gab, die immer auch über ihre Relationalität erfaßt werden müssen, d. h. über ihr Verhältnis zu anderen Entwürfen von Männlichkeit oder auch zu einem feminisierten kolonialen Anderen im imaginierten Orient als Folie für die westliche, künstlerische Zivilisation. Die Bedeutung der Relationalität zeigte sich darüber hinaus bei Institutionen wie den Akademien, die ähnlich wie höhere Bildungsanstalten gegen Partizipationsansprüche von Frauen kämpften, während Medien wie die Photomontage vor und nach dem Ersten Weltkrieg oder auch der frühe Stummfilm der Weimarer Republik Ängste und Phantasien bezüglich der Geschlechterverhältnisse thematisierten, die als gefährdet wahrgenommen wurden. Zum anderen zeigte sich gerade mit Blick auf den Künstlermythos der Moderne der Versuch, ein "ganzheitliches" Männlichkeitskonstrukt zu entwerfen, das Elemente wie Rationalität und Einfühlungsvermögen in sich vereinte, die im polaren Geschlechtermodell in hierarchischer Manier auf Männlichkeit und Weiblichkeit zugewiesen wurden. Hier stand jedoch, z. B. bei den Surrealisten im Frankreich der Zwischenkriegszeit, weniger die Überwindung von Geschlechterkonstruktionen als hierarchisch strukturierender Kategorie zur Debatte als die Auseinandersetzung mit traditionellen Männlichkeitsbildern, ohne die Differenz zu Weiblichkeit bzw. alleinige Ansprüche auf politische Gestaltungskraft aufgeben zu wollen.



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