Center for Interdisziplinary Research
 
 

Vergewaltigung - Brüche und Kontinuitäten in der kulturellen Codierung sexueller Gewalt in drei Jahrhunderten (18. - 20. Jahrhundert)

Termin: 4. - 6. Juli
Leitung: Tanja Hommen (Frankfurt am Main) und Christine Künzel (Hamburg)

Es handelte sich um eine interdisziplinäre Arbeitstagung, deren Ziel es war, einen möglichst multiperspektivischen Blick auf Vergewaltigung und ihre Beurteilung in der Rechtspraxis zu ermöglichen. Die Entwicklung verschiedener Diskurse, die an der Bildung von Vergewaltigungsmythen beteiligt waren / sind, wurde über drei Jahrhunderte hinweg verfolgt, so dass Brüche und Kontinuitäten sichtbar wurden. Dabei wurden u. a. unterschiedliche Diskursschichten freigelegt, die die jeweiligen Rechtsdiskurse begleiten bzw. überlagern. Die Tagung hat dazu beigetragen, dass die Ahnungen bzw. Hypothesen über mögliche Brüche und Kontinuitäten im Verhältnis zwischen den jeweiligen Formulierungen in den unterschiedlichen Gesetzescodierungen und der Rechtspraxis, sprich Rechtsprechung, dahingehend konkretisiert werden konnten, dass, obwohl es immense Brüche, sprich Veränderungen, in der gesetzlichen Zuordnung und Formulierung des Tatbestandes bzw. der Tatbestände in den drei Jahrhunderten gegeben hat, bestimmte (opferfeindliche) Aspekte in der Rechtspraxis tradiert worden zu sein scheinen, die sich - obwohl unter jeweils anderen Etikettierungen - als Kontinuitäten darstellen.
So hat etwa die Diskussion im Anschluss an den Vortrag von Ilse Reiter-Zatloukal ergeben, dass sich das Moment der "Geschlechtsehre" in den hier untersuchten Jahrhunderten lediglich auf andere Diskursebenen verschoben zu haben scheint: Der Aspekt der (weiblichen) "Geschlechtsehre", der in der frühen Neuzeit und noch bis weit in das 18. Jahrhundert explizit genannt und deren Beweis eingefordert wurde (Leumund), verschiebt sich dann in den Diskurs um den von der Frau geleisteten Widerstand, an dessen Stärke sich die "Geschlechtsehre" quasi manifestiert; Spuren davon scheinen sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Diskurs der Glaubwürdigkeitsbegutachtung, die hauptsächlich weibliche Opfer von Sexualdelikten betrifft, wiederfinden zu lassen. Auch die strafrechtliche Einordnung der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zwischen Straftaten gegen den Personenstand, die Ehe und die Familie und Beleidigung (wie übrigens auch im österreichischen Sexualstrafrecht; so dargelegt von Elisabeth Holzleithner), verweist noch auf die historische Entwicklung des Deliktes vom Frauenraub über die Notzucht zum Sittlichkeitsverbrechen und schließlich zur Position in der aktuellen Fassung des StGB, in dem das Delikt nicht der Kategorie der klassischen Gewaltdelikte zugeordnet, sondern das durch das Verbrechen entstandene Unrecht zwischen der Verletzung einer sozialen (familialen) Ordnung und dem einer Ehrverletzung (Verleumdung etc.) verortet wird.
Ein weiteres Ziel der Tagung war es, demgegenüber den Gewalt- bzw. Machtaspekt des Deliktes zu betonen, indem versucht wurde, das der Vergewaltigung zugrunde liegende Moment der Gewalt / Macht auf einer symbolischen Ebene als einen Prozess der gewaltsam-sexistischen Zuschreibung von Geschlecht (gender) zu beschreiben. Dieser Aspekt, die Vergewaltigung von einem kulturwissenschaftlichen Standpunkt her als Strategie bzw. Technik der gewaltsamen Etablierung einer (Geschlechter-)Hierarchie zu betrachten, durch den ein bestimmter Männlichkeitsdiskurs seine Macht etabliert, ist insbesondere durch den Vortrag von Gerlinda Smaus, der sich mit der Vergewaltigung von Männern durch Männer auseinandersetzte, hervorgehoben worden.



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