Center for Interdisziplinary Research
 
 

Der Materialsimus-Streit

Naturwissenschaft, Philosophie und Weltanschauung im 19. Jahrhundert

Termin: 21. - 23. November
Leitung: Prof. K. Bayertz (Münster) und Prof. W. Jaeschke (Bochum)

Die neuzeitlichen Naturwissenschaften standen von Beginn an in einem spannungsreichen und konfliktgeladenen Verhältnis zum traditionellen Weltbild, insbesondere zur etablierten christlichen Religion. Im 19. Jahrhundert spitzten sich diese Spannungen in mehrerer Hinsicht zu. Zum einen drangen naturwissenschaftliche Kenntnisse in einem bis dahin unbekannten Maße über die engen Kreise der akademisch Gebildeten ins allgemeine Publikum vor und begannen Einfluß auf das Weltbild der Massen zu nehmen. Zum anderen traten in Gestalt des Positivismus und des naturwissenschaftlichen Materialismus geistige Bewegungen auf, die im Namen der Naturwissenschaft Religion und Philosophie nicht mehr nur punktuell kritisierten, sondern als grundsätzlich überholte Formen des Denkens verwarfen. Die Denkweise und die Resultate der Naturwissenschaften wurden in diesem Zusammenhang als "Ideologie", d. h. geistiges Mittel der gesellschaftlicher Veränderung sowohl angegriffen als auch propagiert.
In Deutschland wurde dies vor allem im Gefolge des Materialismus-Streits der 50er Jahre allgemein bewußt. In diesem Streit schien es zunächst nur um die weltanschauliche Autonomie der Naturwissenschaften zu gehen: Um ihr Recht, zu anderen Ergebnissen zu kommen, als es von der herrschenden religiösen und philosophischen Lehre vorgesehen war. Doch schon bald ging es um wesentlich mehr: Um ihre weltanschauliche Autorität, d. h. um ihre Rolle als verbindliche Quelle der "modernen" Welt- und Lebensanschauung. Diese weltanschauliche Autorität ist bekanntlich ein bis heute umstrittenes Problem.
Die Arbeitsgemeinschaft hat sich vor allem mit den historischen Aspekten des Themas befaßt, dabei aber auch systematische Fragen nach dem Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Weltanschauung nicht unbeachtet gelassen. Zunächst wurde das Verhältnis des naturwissenschaftlichen Materialismus zur philosophischen Tradition sowie der historisch-politische Kontext des Materialismus-Streits analysiert. Ein zweiter Komplex von Themen betraf die Beziehungen zur zeitgenössischen Wissenschaft, insbesondere zur Anthropologie und Hirnforschung. Schließlich wurde auch die kulturelle, vor allem literarische Rezeption von Materialismus und Naturforschung thematisiert.

Tagungsbeiträge
Günther Mensching: Philosophie zwischen Weltanschauung und Wissenschaft. Der Materialismus im 19. Jahrhundert und seine Geschichte.
Christian Jansen: "Revolution" - "Realismus" - "Realpolitik". Der Paradigmawechsel im politischen Diskurs der Opposition im Kontext der historischen Entwicklung im Deutschen Bund zwischen 1840 und 1866.
Reinhard Mocek: Materialismus und Anthropologie im 19. Jahrhundert.
Michael Hagner: Hirnforschung und Materialismus.
Monika Ritzer: Faktum - System - Substanz. Die Ausprägung naturwissenschaftlichen Denkens zwischen 1830 und 1855 im Spiegel der Literatur.

Teilnehmende
Andreas Arndt (Berlin), Kurt Bayertz (Münster), Myriam Gerhard (Hannover), Michael Hagner (Berlin), Walter Jaeschke (Bochum), Christian Jansen (Bochum), Gudrun Kühne-Bertram (Bochum), Günther Mensching (Hannover), Francesca Michelini (Genua), Reinhard Mocek (Halle an der Saale), Sybilla Nikolow (Bielefeld), Michael Pauen (Magdeburg), Helmut Pulte (Bochum), Monika Ritzer (Leipzig), Armin Schwibach (Rom), Larisa Shumeiko (Marburg), Marek Trojanowski (Zielonka Góra), Renate Wahsner (Berlin)

Exposé zur Veranstaltung (PDF, 28kB)



Print
ZiF - Center for Interdisciplinary Research - Homepage > List of ZiF Workshops > 2002 >