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Wege zu einer Geschichte des Politischen in der Vormoderne

Termin: 6. - 7. Dezember
Leitung: Prof. N. Bulst (Bielefeld), Prof. R. von Friedeburg (Rotterdam), Prof. B. Jussen, Prof. W. Mager, Prof. A. Suter (alle Bielefeld)

Die Teilnehmer der Tagung lieferten empirische und konzeptionelle Beiträge, um aus der Perspektive der Vormoderne den problematischen Begriff des 'Politischen', der den Bielefelder Sonderforschungsbereich 1831 konstituiert, zu reformulieren. Neithard Bulst, Robert v. Friedeburg und Wolfgang Mager trugen dabei Erkenntnisse aus laufenden SFB-Projekten vor. In deren Zusammenschau zeichnet sich eine Entwicklungsperspektive vormoderner politischer Kommunikation ab, die sich durch die Ausführungen anderer Tagungsteilnehmer flankieren und stützen läßt.
In den Stadtgesellschaften des Spätmittelalters gelang den Obrigkeiten die Monopolisierung des Wissens um die geltenden Rechtsnormen, wie sich anhand der zwischenstädtischen Korrespondenz über Gesetze und Recht nachweisen läßt (Bulst). Den vom Regiment ausgeschlossenen Bürgern war es infolgedessen grundsätzlich verwehrt, an der Verständigung über die gesellschaftliche Ordnung teilzunehmen. Auch in ländlich bestimmten Herrschaftsgebieten kann man zu dieser Zeit eine Professionalisierung der Rechtsfindung und damit die Verobrigkeitlichung der Rechtssetzung konstatieren (Simon Teuscher).
Zweihundert Jahre später ist zu beobachten, wie die Stände eines Territorialstaates eine Legitimationsformel der Herrschaft, nämlich den Rekurs auf das territoriale 'Vaterland', usurpieren und gegen den Inhaber des Thrones kehren konnten (Friedeburg). Gleichzeitig aber werden die Grenzen dieser Grenzüberschreitung sichtbar: Die Untertanen, so Friedeburg, waren bestenfalls Rezipienten, keinesfalls aber Akteure solcher politischer Kommunikationsprozesse; die Grenzen der Exklusion bestanden fort. Dieser Befund steht im Einklang mit den Ausführungen Andreas Suters, welcher in methodisch wichtiger Ergänzung den Blick "von unten" auf die Herrschaftsverhältnisse des 17. und frühen 18. Jahrhunderts warf und dabei ebenfalls zu dem Ergebnis kam, daß "politische Kommunikation", also Kommunikation, die nach der Definition des SFB-Antrags "am Status quo gesellschaftlicher Ordnung rührt", von Herrschaftsunterworfenen nicht geführt werden konnte.
Das Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts hingegen bietet ein Bild tiefgreifenden Wandels: Die massenwirksame Publizität des Unigenitus-Streits schuf eine breite Öffentlichkeit mit spezifischem Interesse für die tiefgreifende Frage, wie die Kirche verfasst sein sollte und wer über diese Verfassung zu bestimmen habe (Mager). Hier, so Mager, lagen die entscheidenden Wurzeln der Revolution; denn die aufgeklärte Staatskritik knüpfte ebenso inhaltlich an ekklesiologische Argumente an, wie sie ihre Breitenwirkung erst dank dieser vorgängigen gesellschaftlichen Sensibilisierung entfalten konnte.
Daß es ausgerechnet eine religiöse Debatte war, die diese grundlegenden Wandlungen im politischen Kommunikationsraum des Ancien Régime katalysierte, deutet auf eine zentrale Erkenntnis der Tagung hin: Religion war der entscheidende Fluchtpunkt für das Selbstverständnis und die Selbstverständigung vormoderner Gesellschaften, sie war letztlich das 'Politische' - als der im Antrag so genannte "Belang von Wichtigkeit" - schlechthin. Mehr noch: Sie war der einzige Belang, der ständeübergreifende Kommunikationsprozesse generieren konnte. Dies wurde durch einen Beitrag zur religiösen Flugschriftenliteratur als Quelle der säkularen Öffentlichkeit unterstrichen (Philip Soergel).
Die Tagung offenbarte, daß das 'Politische' als analytische Kategorie keine verläßliche Basis zur Bündelung von Forschungsprojekten zur Vormoderne darstellt. Für das Handeln und gerade für die Kommunikation der Menschen waren die Diskurse und Praktiken der Religion und des Rechts entscheidend und vermutlich funktional äquivalent zu dem, was in der Moderne als das 'Politische' begriffen werden mag. Vor allem aber war die Vorstellung von der Machbarkeit und Veränderbarkeit überkommener Handlungs- und Wertesysteme, also - in der Sprache des SFB-Antrags - das Konzept einer umfassenden "Selbstordnung" der Gesellschaft, der Vormoderne fremd. An der fragwürdigen Übertragung solcher moderner Politikvorstellungen setzte denn auch die nachdrückliche Forderung Reinhart Kosellecks an, der Formulierung eines analytischen Begriffs des 'Politischen' eine Untersuchung der Geschichte dieses Begriffs vorausgehen zu lassen: Es sei unsinnig, politische Handlungsoptionen ohne das Wissen um ein entsprechendes Handlungsbewußtsein der Akteure zu untersuchen.



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