Center for Interdisziplinary Research
 
 

Zeit und Form

Konfigurationen ästhetischen und historischen Bewusstseins

Autorenkolloquium mit K.-H. Bohrer

Termin: 12. - 14. Dezember
Leitung: Wolfgang Lange (Bielefeld), Jürgen Paul Schwindt (Heidelberg) und Karin Westerwelle (Münster)

Jede geistige Existenz, das Vermögen zu denken, aber auch das dichterischer Tätigkeit, beruht auf der Fähigkeit des Menschen, aus seiner eigenen Zeit herauszutreten. Inwiefern moderne Literatur nicht zu einer Theologisierung des Augenblicks führt, hat Karl Heinz Bohrer in zahlreichen Einzelstudien allmählich zu einer ästhetischen Theorie zusammengefügt, in deren Zentrum das literarische Zeitbewusstsein steht. Aus weiter Perspektive betrachtet, geht es Bohrer um die Revision jenes von Hegel bis Habermas reichenden Prozesses, die literarische Darstellung und ihre epiphanen Momente einem größeren Ganzen, einem philosophischen Lehrgebäude, einer historischen Ordnung oder einem theologischen System, einzuordnen. Das "unglückliche Bewusstsein", das nach Hegel in der Phänomenologie des Geistes den modernen Menschen ergreift, soll so getröstet werden. Aber nach Bohrer kommt die moderne Literatur, angefangen mit Heinrich von Kleist über Franz Kafka, Robert Musil und Virginia Woolf, ohne das antike Glück, die Transzendenz der Theologie und den falschen Trost der Philosophie aus. Ihr zentrales Thema ist die epiphane Struktur des Augenblicks, das literarische Bewusstsein von einem diskontinuierlichen Jetzt. In seinen letzten Arbeiten akzentuierte Bohrer immer stärker den Zusammenhang von Augenblick und Verschwinden des Augenblicks und mischte damit seiner Theorie dunklere Töne ein, die sich vor allem auf Leopardi und Cioran beriefen. Bohrers Forschungsinteresse gilt der formalen Struktur des Zeitbewusstseins.
Zeit und Form. Konfigurationen ästhetischen und historischen Bewusstseins lautete daher der Titel des Autorenkolloquiums mit Karl Heinz Bohrer. Unter der wissenschaftlichen Leitung von PD Dr. Wolfgang Lange (Bielefeld), Prof. Dr. Jürgen Paul Schwindt (Heidelberg) und Prof. Dr. Karin Westerwelle (Münster) hatten sich Vertreter der Literaturwissenschaft, der Philosophie, der Kunstgeschichte und Geschichte in Bielefeld versammelt.
Hannelore Schlaffer (Stuttgart) nahm eine Neudeutung von Goethes Prometheus-Gedicht vor und zeigte mit Hinweisen auf Benjamin Franklins Erfindung des Blitzableiters den spezifisch naturwissenschaftlichen Charakter von Goethes Weltbild auf. Wilhelm Voßkamp (Köln) referierte über den Zeitcharakter frühneuzeitlicher Utopien. Martin Seel (Gießen) plädierte für die Möglichkeit eines erfüllten philosophischen Augenblicks unter der Bedingung aufgegebener Unendlichkeitsansprüche und der Neukonzeptualisierung des Autonomiebegriffs. Wolfgang Lange (Bielefeld) führte die Radikalität von Michel Houellebecqs zynischem Literaturbegriff mit der alteuropäischen Tradition der menippeischen Satire zusammen. Rainer Warning (München) zeigte für den Albertine-Roman in Marcel Prousts Recherche die Zeitstruktur der zerstückelten, an Gemäldeelementen orientierten Erinnerungsabfolge auf, die sich vom Konzept der mémoire involontaire grundsätzlich unterscheidet. Vittoria Borsò (Düsseldorf) vermittelte mit modernen Theorieansätzen zu Medien, Bild und Text die Visualisierungsmodalitäten in Gustave Flauberts Karthago-Roman Salammbô. Victor Stoichita (Fribourg en Suisse) analysierte Goyas strategische Ankündigung der Caprichos in der Presse von Madrid als punktgenauen Aufruf und künstlerische Entfügung alter Karnevalsstruktur von Welt und Werk. Der Kunsthistoriker Gottfried Böhm (Basel) präsentierte die Verzögerung und Sistierung von Zeit in den Gemälden de Chiricos. Jürgen Paul Schwindt (Heidelberg) historisierte Bohrers Theorem der Zeitlichkeit als dislocatio temporis in Horazischen Oden. André Stoll (Bielefeld) entschlüsselte Bildaufbau und -gegenstände in einem Zurbarán-Gemälde als historische Konfrontation zwischen Wissens- und Gedächtsniskultur und oberflächlich zeremonieller Hofgesellschaft. Als notwendiges Komplement von Zeitstrukturen suchte Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) die Räumlichkeit der Jetzterfahrung in der Analyse von Schlüssen des amerikanischen Romans (W. Faulkners) nachzuweisen. Volker Gerhardt reintegrierte am Beispiel von Platon literarisch subversive Elemente dem philosophischen Diskurs. Klaus Schreiner und Karin Westerwelle (München, Münster) zeigten, daß Baudelaires Ästhetik des Satanisch-Bösen traditionelle Marienikonographie evoziert und mittels der stilistisch umgearbeiteten alten Form das Zeitmoment des grausamen Erschreckens konstruiert. Rüdiger Bubner (Heidelberg) reflektierte Bohrers Position einer "ästhetischen Negativität" im Spiegel antiker Philosophie und Literatur.



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