Center for Interdisziplinary Research
 
 

Weimars lange Schatten

Weimar als Argument nach 1945

Termin: 30. January - 1. Februar 2003
Leitung: Hans Boldt (Müllheim/Baden), Christoph Gusy (Bielefeld), Andreas Wirsching (Augsburg)

Bonn ist nicht Weimar - Dieser Buchtitel des Journalisten F. R. Alleman aus dem Jahre 1956 prägte die politische Diskussion der Bundesrepublik Deutschland. Je nach Zeit und Ort besaß diese Formel aber auch andere Stoßrichtungen. So stand der Parlamentarische Rat 1949 unter dem Eindruck "Bonn darf nicht Weimar sein", und in der Debatte um die Notstandsgesetzgebung der 1960er Jahre wurde auf das Bild "Bonn darf nicht Weimar werden" zurückgegriffen. Die ZiF:Arbeitsgemeinschaft beschäftigte sich mit diesen "langen Schatten", die Weimar auf die Bundesrepublik warf und wirft. Sie stellte die Frage nach den Formen der Verarbeitung der Erfahrungen aus Weimar in Wissenschaft, Politik und Rechtsprechung und nach dem Gebrauch des "Argumentes Weimar" in diesen Bereichen zu verschiedenen Zeitpunkten. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Weimarer Republik und den Gründen ihres Scheiterns stand im Zeichen des demokratischen Neuanfangs der Bundesrepublik Deutschland und der Stabilisierung der zweiten deutschen Demokratie.
Nach einem einführenden Vortrag über die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der Weimarer Republik wandten sich die Beiträge der Auseinandersetzung mit den Lehren Weimars auf wissenschaftlichem, innenpolitischem und verfassungsrechtlichem Gebiete zu. Einen zentralen Platz nahm der Parlamentarische Rat ein, denn dieser hatte vor dem Hintergrund des Scheiterns der Weimarer Reichsverfassung eine neue demokratische Verfassung zu erlassen, in der die Fehler vermieden werden sollten, die letztlich zur vermeintlichen "Selbstpreisgabe" der Weimarer Republik geführt hatten. Zentrale Punkte der Diskussion waren die Parteienstaatlichkeit, der Wahlrechtskompromiss aus Mehrheits- und Verhältniswahl einschließlich der Sperrklausel von fünf Prozent, die Stärkung der parlamentarischen Regierung sowohl dem Staatsoberhaupt als auch dem Parlament gegenüber, die Ablehnung direktdemokratischer Verfahren auf Bundesebene sowie die verfassungsrechtliche Lehre von der streitbaren Demokratie. Zur Periodisierung des Gebrauchs des Weimar-Argumentes erwiesen sich die Phasen Tradition, Konstruktion und Erosion auch für andere Themenbereiche wie die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes als übertragbar. Ergänzt und abgerundet wurden die Beiträge zur Auseinandersetzung in der Bundesrepublik Deutschland durch einen französischen Vortrag über die Rezeption der Weimarer Republik in Frankreich im Kontext der Verfassunggebung der V. Republik, deren Verfassung zahlreiche Übereinstimmungen mit der Weimarer Reichsverfassung aufweist.



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