Center for Interdisziplinary Research
 
 

Rechtswissenschaft als Kulturwissenschaft

Termin: 4. - 5. April 2003
Leitung: Ulrich Haltern (Berlin), Christoph Möllers (Heidelberg)

Wer sich über den Platz des Rechts innerhalb unserer Kultur informieren will, fragt bei Juristen normalerweise vergeblich nach. Der Dialog zwischen Rechts- und Geisteswissenschaften ist in Deutschland seit 50 Jahren recht spärlich geblieben. Die ZiF: Arbeitsgemeinschaft hatte zum Ziel, diesen Dialog in Gang zu setzen.
Die Themenfelder Visualität, Transzendenz/Glaube, Pop, Zeit, Technik, Text und Gewalt/Körperlichkeit stellten den Rahmen für eine transdisziplinäre Begegnung von Rechts- und Kulturwissenschaft dar. Die kulturwissenschaftlichen Referate wurden von rechtswissenschaftlichen Kommentaren begleitet, die in anschließende Plenumsdiskussionen mündeten. Das vorrangige Interesse der Nichtjuristen galt dabei den Legitimationsstrategien des Rechts sowie der Inszenierung und Verschleierung von Macht und Gewalt, etwa an den Beispielen absolutistischer Körperpolitik im Spiegel von Pädagogik und Operette, des Zusammenspiels von Bild und Gewalt im Werk Cellinis oder der Genealogie des Rechtssubjekts. Demgegenüber markierten Juristen häufig pazifizierende Funktion des Rechts, etwa an den Beispielen des staatlichen Gewaltmonopols oder des Technikrechts.
Deutlich wurde, dass sich die Rechtswissenschaft dem trans- und interdisziplinären Gespräch nicht durch den Verweis auf die Aufgabe, die Rechtspraxis durch die Speicherung und Reflexion praktischen Wissens anzuleiten, entziehen kann. Dementsprechend können und sollen sich die Erwartungen nicht in einem instrumentellen Sinne darauf richten, wie durch eine Öffnung für kulturelles Wissen die Rechtspraxis zu verbessern ist. Viel ist gewonnen, wenn man das Augenmerk auf das kulturelle Bedeutungs- und Symbolgewebe richtet, in das der Mensch verstrickt und dessen Teil das Recht ist. Will man diese Bedeutungen rekonstruieren, benötigt man eine leistungsstarke Theorie der Symbole und Zeichen, die das Autonome des Rechts respektiert. Auch hierfür ergaben sich durch die Bezugnahmen auf Peirce, Cassirer und Blumenberg erste Anhaltspunkte. Nicht ausgeschlossen ist freilich, dass der hier gewonnene Erkenntnisgewinn an die Praxis rückgebunden werden kann.
Dem Werkstattcharakter der Arbeitsgemeinschaft ist geschuldet, dass zunächst mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden konnten. Jedoch zeichnete sich sehr deutlich ab, dass der Ansatz der Rechtwissenschaft als Kulturwissenschaft einen Zugang zum Recht als symbolischer Form erlaubt, der den konstituierenden und strukturierenden Charakter des Rechts für unsere Identität ernst nimmt und den Platz, den das Recht in unserer Kultur innehat, näher bestimmen kann. Einigkeit herrschte bei allen Teilnehmern dahingehend, dass das Projekt der Rechtswissenschaft als Kulturwissenschaft ein faszinierendes Versprechen ist, dessen Einlösung baldiger weiterer Vertiefung bedarf.

Tagungsbeiträge

Horst Bredekamp: Bild und Gewalt. Das Beispiel Florenz
Ethel Matala de Mazza: Von Fürsten und Spiegeln
Petra Bahr: Das Recht als Kanon und Ritual
Dirk Rustemeyer: Zeit und Recht
Martin Burckhardt: Zur Genealogie des Rechtssubjekts
Mark S. Weiner: Consumer Culture and the American Civil Rights Movement: Race, Jurisprudence and the Civic Meaning of Food
Friedrich Balke: 'Unbestimmte' Rechtsbegriffe. Über das Verhältnis von öffentlichem Recht und Einbildungskraft am Beispiel Carl Schmitts

Teilnehmende
Petra Bahr (Heidelberg), Friedrich Balke (Köln), Armin von Bogdandy (Heidelberg), Horst Bredekamp (Berlin), Winfried Brugger (Heidelberg), Hauke Brunkhorst (Flensburg), Martin Burckhardt (Berlin), Paula Diehl (Berlin), Christian Drepper (Essen), Karsten Fischer (Berlin), Nikolaus Forgó (Wien), Dieter Gosewinkel (Berlin), Brigitte Haar (Hamburg), Ulrich Haltern (Berlin), Michael Heinig (Heidelberg), Ansgar Hense (Dresden), Horst Hegmann (Konstanz), Fatima Kastner (Hamburg), Stefanie Killinger (Berlin), Stephan Kirste (Heidelberg), Joachim Lege (Dresden), Oliver Lepsius (Frankfurt am Main), Ethel Matala de Mazza (Berlin), Christoph Möllers (Heidelberg), Ralf Poscher (Berlin), Klaus F. Röhl (Bochum), Dirk Rustemeyer (Trier), Oswald Schwemmer (Berlin), Mark S. Weiner (Newark, NJ), Felix Wiesler (Heidelberg)



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