Center for Interdisziplinary Research
 
 

Models, Simulation, and the Application of Mathematics

Termin: 4. - 7. Juni 2003
Leitung: Ralf Herbold, Johannes Lenhardt, Michael Stöltzner (alle Bielefeld)

Seit Mitte 2001 existiert am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld und der Zentralen Einrichtung für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik der Universität Hannover eine interdisziplinäre Forschergruppe Wissenschaft im Umbruch - auf dem Weg in die Wissensgesellschaft, die von der Volkswagen-Stiftung finanziert wird. Das als ZiF: Arbeitsgemeinschaft veranstaltete Symposium diente zur Diskussion wichtiger mit dem Projekt verbundener philosophisch-wissenschaftshistorischer Grundlagenprobleme.
Die heute viel proklamierte 'Wissensgesellschaft' ist gekennzeichnet von einem gesteigerten gesellschaftlichen Druck auf die Wissenschaft, möglichst schnell sozial- und umweltverträgliche Lösungen für eine Vielzahl von komplexen Problemen bereitzustellen. Dies führt einerseits zu einer Überforderung der Wissenschaft und zu einer stärkeren Bedeutung provisorischer Erkenntnisstrategien und andererseits zur ständigen Einbindung sozialer Faktoren in den Wissenschaftsprozeß. Auch wenn die generelle Diagnose von einem neuen Typus von Wissenschaft (mode-2) fraglich bleibt, so ist doch offensichtlich, daß die erhöhte Komplexität anwendungsorientierter Probleme und der gesellschaftlich vermittelte Anwendungsdruck das klassische Verhältnis von Grundlagenforschung und angewandter Forschung stark verändert hat. Diese Entwicklungen haben nicht nur Auswirkungen auf Epistemologie und Wissenschaftstheorie, sondern der Dissens unter Wissenschaftssoziologen läßt es sinnvoll erscheinen, wissenschaftsinterne Kriterien zu finden, worin eigentlich der Wandel zur Wissensgesellschaft bestehen könnte. Dabei kann die philosophische Analyse der Binnenstruktur wissenschaftlicher Theorien, Modelle, Akzeptanzkriterien und rationaler Argumentation kein hinreichendes Kriterium bereitstellen. Vielmehr muß es darum gehen, Punkte zu finden, an denen der sozio-politische Kontext ankoppelt bzw. in das Feingefüge der Wissenschaft als rationales Gebilde eingreift.
Seit einigen Jahren hat sich unter dem Schlagwort Models as autonomous mediators ein philosophischer Zugang etabliert, der sowohl die klassische, auf Grundlagentheorien und deren empirische Prüfung zentrierte Wissenschaftstheorie als auch die semantische Theorienansicht als unzureichend für die Beschreibung realer Forschungssituationen ansieht. Viele Grundgleichungen sind selbst für Computersimulationen zu komplex, und die notwendigen Vereinfachungen ergeben sich nicht direkt aus der Theorie oder den Daten. Hier greifen Modellannahmen ein, die insofern jenseits der Theorien-Daten-Hierarchie stehen, als sie neue empirische Erfahrungen oder mathematische Techniken beinhalten, die ganz bestimmte Vereinfachungsschritte begründen. Diese Schritte folgen nicht deduktiv, sondern stellen eine begründete Entscheidung des Wissenschaftlers dar. Ein wichtiges Ergebnis des Symposiums war, daß die Zerteilung einer komplexen Wirklichkeit in bearbeitbare Modelle, der Schritt vom globalen Nichtwissen zum lokalen Wissen aus rein epistemischen Gründen angezeigt ist. Gegenüber diesem philosophischen Hintergrund sind nun Fragen der Anwendungsdominanz zu beleuchten.
Ein weiteres Ziel der Konferenz war die Verbindung der derzeitigen Modelldebatte mit neueren philosophischen Ansätzen zur angewandten Mathematik und zur Theorie von Simulationen. Während Modellierung bisher vor allem anhand konkreter Modelle und in Hinblick auf deren Repräsentationsfunktion diskutiert worden ist, können Computersimulationen als eine Art Modellierung zweiter Stufe aufgefaßt werden. Auch können sie zu einer Reorganisation des Wissens in neuen Einheiten führen, die der Lokalisierung in einzelne Modelle entgegenwirkt. Ähnliches gilt auch für manche Techniken der angewandten Mathematik, wie z. B. Renormierungsverfahren.

Teilnehmende

Matthias Adam (Bielefeld), Daniela Bailer-Jones (Pittsburgh, PA), Robert W. Batterman (Columbus, OH), Philippe Blanchard (Bielefeld), Martin Carrier (Bielefeld), Kirsten Endres (Hannover), David Gooding (Bath), Gabriele Gramelsberger (Berlin), Stephan Hartmann (Konstanz), Ralf Herbold (Bielefeld), Matthias Heymann (München), Giora Hon (Haifa), Paul Hoyningen-Huene (Hannover), Andreas Hüttemann (Bielefeld), Paul Humphreys (Charlottesville, VA), Don Ihde (Stony Brook, NY), Carsten Köllmann (Bielefeld), Wolfgang Krohn (Bielefeld), Günther Küppers (Bielefeld), Meinard Kuhlmann (Bremen), Johannes Lenhard (Bielefeld), Justus Lentzsch (Bielefeld), Holger Lücking (Bielefeld), Marco Mertens (Bielefeld), Mark Möller (Bielefeld), Mary S. Morgan (London), Margaret Morrison (Toronto), Ciara A. Muldoon (Bath), Martin Neumann (Osnabrück), Michael Otte (Bielefeld), Volker Peckhaus (Paderborn), Gerhard Schurz (Salzburg), Silvan S. Schweber (Cambridge, MA), Holger Schwechheimer (Bielefeld), Andre Skusa (Bielefeld), Ulrike Steinbrenner (Berlin), Freidrich Steinle (Berlin), Olga Stoliarova (Graz), Michael Stöltzner (Bielefeld), Bart Van Kerkhove (Brüssel), Peter Weingart (Bielefeld), Jeanette Wette (Bielefeld), Torsten Wilholt (Bielefeld), Eric Winsberg (Tampa, FL)



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