Center for Interdisziplinary Research
 
 

ZiF-Forschungsgruppe

Historische Sinnbildung

Abschlussbericht der ZiF-Forschungsgruppe 1994/1995

1. Zur Struktur der Forschungsruppe
Jährlich arbeiten am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Länder an Fragestellungen, die nicht ein Fach alleine lösen kann. Wiewohl mit 26 Jahren noch recht jung, ist das ZiF das älteste Center for advanced studies in Deutschland, das sowohl geisteswissenschaftlichen als auch naturwissenschaftlichen Fragestellungen interdisziplinären Zuschnitts ein Forum bietet. Im vergangenen Jahr widmete sich eine Forschungsgruppe unter der Leitung des Historikers Jörn Rüsen dem Thema "Geschichtsbewußtsein". Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist eine ständige Herausforderung für den einzelnen Menschen wie für die Gesellschaft, in der er lebt. Erinnern des Gewesenen ist eine Leistung des Geschichtsbewußtseins. Es vollzieht die Deutung der Vergangenheit, ohne die Gegenwart nicht verstanden und Zukunft nicht erwartet werden kann. Sie integriert die drei Zeitdimensionen in eine übergreifende Vorstellung von Zeitverläufen, mit der die Erfahrung der Vergangenheit in der Form einer Geschichte vergegenwärtigt und zum Zwecke der Handlungsorientierung und sozialen und personalen Identitätsbildung erinnert wird. Es war das Ziel der Forschungsgruppe, mit Hilfe einer allgemeinen Theorie der historischen Sinnbildung die Entwicklung des Geschichtsbewußtsein systematisch, historisch und kulturvergleichend zu analysieren, Grundlagen einer Psychologie des Geschichtsbewußtseins zu erarbeiten und weiterführende Strategien seiner empirischen Erforschung zu entwickeln. Insgesamt zwanzig fellows, teilweise für ein Jahr oder nur für wenige Monate am ZiF, repräsentierten elf Disziplinen: Anthropologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Judaistik, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Philosophie, Psychologie, Religionswissenschaft, Sinologie und die Soziologie. Vertreter anderer geisteswissenschaftlichen Disziplinen, wie z. B. der Islamistik, Indologie, Afrikanistik und schließlich Vertreter der Psychoanalyse ergänzten auf diversen Tagungen das interdisziplinäre Spektrum. Die im Zeitraum von elf Monaten abgehaltenen fünfzehn Tagungen und workshops der Forschungsgruppe bildeten einen Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit. Daneben fanden regelmäßige Treffen der fellows statt. Gelegentlich wurden Exkursionen zu interessanten Objekten der Geschichtskultur (Museen, Gedenkstätten u. a.) unternommen. Ferner präsentierten die fellows im Rahmen des im Zwei-Wochen-Rythmus stattfindenden ZiF-Colloquiums der Öffentlichkeit ihre Forschung. Im Rahmen von Tagungen und workshops wurden die Leitfragen des Projekts diskutiert.
2. Der Sinn der Geschichte
Am Anfang stand die Tagung: "Geschichte als Sinnproblem / What Makes Sense in History?" (4.-7. Oktober 1994). Hier wurde die Grundfrage nach Eigenart, Produktion und Funktion historischen Sinns in der Blickrichtung unterschiedlicher Perspektiven angesprochen. Paul Ricoeur thematisierte die Generierung von historischem Sinn im Spannungsverhältnis der Begriffe Gedächtnis, Vergessen und Geschichte. Reinhart Koselleck wies am Beispiel der Geschichtsschreibung über das Ende der deutschen Armee in Stalingrad und an allgemeinen begriffsgeschichtlichen Befunden einen grundsätzlichen Wandel des Sinnverständnisses in der Geschichte auf und betonte eine wachsende Distanz und Kritik der Historie an Sinnansprüchen und Zumutungen im Umgang mit der Vergangenheit. Die historischen Sinnbildungsstrategien außereuropäischer Kulturen erläuterten Ulrich Haarmann (Islamistik), Hermann Kulke (Indologie) und Helwig Schmidt-Glintzer (Sinologie). Aus der Perspektive der Kunstgeschichte nahm Willibald Sauerländer Stellung, den Zugang der Literaturwissenschaft zu diesem Thema erläuterte Eberhard Lämmert, der an der Geschichtsschreibung über Wallenstein unterschiedliche narrativen Strategien aufzeigte. Irmgard Wagner schließlich legte im Rückgriff auf Freud und Lacan und am Beispiel von Henry Adams die Bedeutung der Kategorien Trauer und Melancholie dar. In weiteren workshops und Sitzungen wertete die Forschungsgruppe die Anregungen der Tagung aus und bearbeitete (jeweils aufgrund von Vorlagen) folgende Themen:

  • archaisches Geschichtsbewußtsein (Klaus E. Müller)
  • Religionsvergleich und -entwicklung (Burkhard Gladigow)
  • Geschichte der Sinnkategorie (Jörn Stückrath)
  • konstitutive Sinnprinzipien des historischen Denkens (Jörn Rüsen).
Über die aktuelle Bedeutung der Sinnkategorie für den Prozeß historischen Denkens und seiner Reflexion und Rekonstruktion wurde sehr kontrovers diskutiert. Letztlich wurde sie für unverzichtbar gehalten, zugleich aber der nicht-ontologische Status historischen Sinns, seine konstruktive Funktion im Umgang mit der historischen Erfahrung betont.
3. Geschichtsbewußtsein im Kulturvergleich
Zu diesen bis in den Februar hinein verfolgten Überlegungen trat bereits im Dezember die Arbeit an einem weiteren Schwerpunkt des Projekts hinzu, der Kulturvergleich: Auf der Tagung "Zeitdeutungen im Geschichtsbewußtsein - Konzepte, Entwicklungen, interkultureller Vergleich / Understandig Time in Historical Consciousness - Conceptualisation, Development, Intercultural Comparison" (7.-10. Dezember 1994) ging es um die systematische Beschreibung von grundlegenden Zeitvorstellungen des Geschichtsbewußtseins einerseits und um deren unterschiedliche Ausprägungen in verschiedenen Kulturen (vor allem: Indien, China und die islamische Welt) andererseits. Wie hängen die drei Zeitdimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen? Wie wird Zeit eingeteilt bzw. qualifiziert (Periodisierungen oder andere temporale Ordnungsmuster, Bedeutungsebenen oder ontologische Qualitäten wie "Ur-Zeit" im Gegensatz zur Zeit der alltäglichen Vorkommnisse)? Von welcher Zeitdimension aus wird Bedeutung konstruiert, welche ist dominant? Lineare, zyklische und statische Zeitmodelle (Beispiel Islam), so wurde deutlich, finden sich in unterschiedlichen Amalgamierungen in jeder Gesellschaft und Kultur. Die Annahme z. B., daß in archaischen Kulturen nur zyklische Zeitvorstellungen dominieren, läßt sich ebensowenig halten wie die Behauptung, moderne Gesellschaften seien ausschließlich einer linearen Zeitorientierung verpflichtet. Im Rahmen des Kulturvergleichs wurde ein übergreifender Fragenkatalog entworfen und erprobt, der nicht bloß das europäische Denken verallgemeinerte. Hier stand auch der Erfahrungsbezug und die Präsentation des Historischen zur Debatte. Ausgangspunkt war, daß in archaischen Gesellschaften eine an empirischen Fakten festgemachte Vergangenheit keine wichtige Rolle spielt; 'historisch' erinnert und sinnbildend gegenwärtig gehalten wird eine ganz andere Zeit als diejenige faktischer Vorkommnisse in der Vergangenheit, nämlich diejenige eines 'meta-faktischen' Ursprungs. Begreift man diese Art der Zeitkonzeption auch als historische Sinnbildung, dann läßt sich ein neues Licht auf die vieldiskutierte Tatsache werfen, daß es in Indien vor der islamischen Eroberung nur in Ausnahmefällen (Kalhana, Bilhana) zu einer mit China oder Europa vergleichbaren Entwicklung von Geschichtsbewußtsein gekommen ist. Die Abschlußkonferenz des Projekts "Kulturelle Differenz und interkulturelle Kommunikation im historischen Denken / Cultural Difference and Intercultural Communication in Historical Thinking" (17.-20. Juli 1995) schloß den interkulturellen Vergleich ab. Mit Hilfe der VW-Stiftung konnten Vertreter des historischen Denkens Chinas, Indiens, der islamischen Welt und des Westens eingeladen werden. Sie diskutierten miteinander die Frage, wie sie im Rahmen ihrer historischen Arbeit die Differenz ihrer eigenen Tradition zu derjenigen der anderen Kulturen wahrnehmen und in der Konzeption ihrer eigenen historischen Identität in der Abgrenzung von und im bezug auf die historische Identität anderer Völker und Kulturen zur Geltung bringen. Das Entscheidende an der geplanten Tagung war nicht die Präsentation unterschiedlicher historiographischer Traditionen, also keine Sammlung und Sichtung der je kulturell verschiedenen Beiträge zu einer Universalgeschichte des historischen Denkens, sondern die theoretische Reflexion und zugleich praktische Erprobung eines interkulturellen Diskurses über grundlegende kulturelle Differenzen historischer Identität. Die Tagung kann als erster Versuch einer wirklich interkulturellen Debatte über historisches Denken gewertet werden. Insbesondere im Anschluß an die Präsentation von Peter Burke "European Historical Thought in a World Perspective" kam es zu einer lebhaften Diskussion, die Wertung und Grenzen des westlichen historischen Denkens betraf. Es ist geplant, diese Diskussion mit weiteren Stellungnahmen als eigenes Buch zu veröffentlichen.
4. Psychologische und Psychoanalytische Grundlagen
Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts war die Erarbeitung einer Psychologie des Geschichtsbewußtseins. Den Anfang dazu stellte die Tagung "Geschichtsbewußtsein und Psychoanalyse / Psychoanalysis and Historical Consciousness" (8.-11. Februar 1995) dar. Hier ging es darum, mit Hilfe der Psychoanalyse Unbewußtheit als Dimension der historischen Sinnbildung zu erschließen. Damit rückten neben dem Erinnern als konstitutiver mentaler Operation des Geschichtsbewußtseins Prozesse des Vergessens, Verdrängens bzw. Verschiebens in den Blick. Vergessen heißt ja nicht in jedem Fall das Verschwinden des Vergessenen aus der historischen Orientierung der Gegenwart, sondern es kann ihr geradezu eine eigene Kraft, ein besonderes Potential an historischen Sinnbildungsleistungen verschaffen. Das Unbewußte besitzt -wie die Träume exemplarisch zeigen- eine eigene Struktur der Sinnbildung: Sie erfolgt alogisch, in eigenen Zeitformen, durch Verdichtungen und Verschiebungen von Bedeutung. Verursacht durch verdrängte und dadurch unbewußt gewordene Wünsche und Absichten gibt es so etwas wie einen 'verborgenen' Sinn der historischen Erinnerung. Man könnte das Unbewußte als das 'Andere' des Bewußten in ihm bezeichnen. Die Psychoanalyse beansprucht, mit ihren Methoden dieses Andere erkennbar zu machen. Das große Interesse der psychoanalytischen Zunft aus dem In- und Ausland unterstrich die Relevanz dieser Fragestellungen. Die psychoanalytisch geschulten Diskutanten brachten neben ihrer praktischen therapeutischen Erfahrung ein weitreichendes theoretisches Interesse an der Fragestellung der historischen Sinnbildung ein. Michael Buchholz schilderte z. B. die Vermittlung einer traumatischen Erfahrung über drei Generationen hinweg. Ein ähnliches Beispiel zeigte Werner Bohleber, der die bei den Opfern des Holocaust schon bekannte transgenerationelle Vermittlung auch bei Kindern der Täter nachwies. Für den therapeutischen Prozeß mußte in diesem Fall "objektive Geschichte" hinzugezogen werden. Neben der im therapeutischen Gespräch rekonstruierten "subjektiven" Geschichte konnte nicht auf den Beitrag der Geschichtswissenschaft verzichtet werden, um das Trauma bewußt zu machen. Für die zweite Tagung zum Thema Psychologie des Geschichtsbewußtseins "Struktur, Entwicklung und Funktionen von Geschichtsbewußtsein ins psychologischer und historischer Sicht / Structure, Ontogeny, and Functions of Historical Consciousness. Psychological and Historical Perspectives" (12.-14. Juni 1995) waren die Beiträge der vor allem in den USA entwickelten narrativen Psychologie von Interesse. Insofern und insoweit der Begriff des Geschichtsbewußtseins mit der Kompetenz in Verbindung gebracht werden kann, narrativ konstituierte Sinnzusammenhänge zu verstehen und ebensolche bilden zu können, werden Forschungen zur Struktur und Entwicklung narrativer Fähigkeiten unmittelbar relevant. Die von Jürgen Straub vorbereitete Tagung umfaßte vor allem eine Analyse der strukturellen und pragmatisch-funktionalen Aspekte der narrativen Kompetenz. Darüber hinaus wurden aber auch die Zusammenhänge mit anderen psychischen Strukturen und Fähigkeiten, so etwa die Fähigkeit zur sozialen Perspektivenübernahme, der Empathie etc. thematisiert. In einem weiteren Schritt wurden aus der Sicht der Psychoanalyse und des sozialen Konstruktivismus die narrativen Selbst- und Weltverständnisse einer kritischen Analyse unterzogen. Schließlich kam auch wieder die Geschichte ins Spiel, indem narrative Kompetenz als ein Bindeglied zwischen subjektiven und kollektiven Formen der historisch Identitätsbildung diskutiert wurde.

Abschnitte 5 - 8

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