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Historische Sinnbildung

Abschlussbericht der ZiF:Forschungsgruppe 1994/1995 (Teil 2)

5. Die Ästhetik der historischen Sinnbildung
Die Rolle der Ästhetik in der Geschichtsschreibung ist im Hinblick auf die wissenschaftliche Historiographie schon in deren Selbstreflexion thematisiert worden. Auf die allgemeineren Vorgänge des Geschichtsbewußtseins wurden aber Fragestellungen der Ästhethik weniger appliziert. Die Tagung "Narrativität und Fiktionalität / Narrativity and Fictionality" (20.-22. Juni), vorbereitet von Jörn Stückrath und Jürg Zbinden, versuchte diesem Defizit zu begegnen. Am Anfang stand die kritische Rekonstruktion der jüngeren Diskussion, vor allem der einschlägigen Arbeiten Paul Ricoeurs und Hayden Whites. Hinzu kamen systematisch angelegte Beiträge zum Verhältnis von Narrativität und Objektivität, zum Erfahrungsbezug des historischen Denkens und zu Interferenzen geschichts- und literaturtheoretischer Ansätze. Schließlich wurden historisch-empirische Untersuchungen als Fallstudien vorgestellt und erörtert. Die imaginativen Voraussetzungen des Geschichtsbewußtseins wurden auf der von Detlef Hoffmann vorbereiteten Tagung "Sichtbarkeit von Geschichte" (27. - 30. September 1995) diskutiert. Das Tagungsthema war auf die Problemstellung zugeschnitten worden, wie Geschichte an und mit Körpern sichtbar wird. Es klärte sich sehr schnell, daß Bild und Text, Sichtbarkeit und Lesbarkeit, keine Gegensätze sind - sie bedingen vielmehr einander. Darüber hinaus stand die Frage nach kultureller Formierung oder anthropologischen Konstanten von Sichtbarkeitskategorien des Historischen zur Debatte. Große Resonanz fand ein anthropologisches Modell, wonach Traumatisierungen von Gesellschaften in der Vergangenheit zu Prägnanzbildungen des kollektiven Gedächtnisses führen, die späteren individuellen Traumatisierungen jeweils als Ausdrucksmöglichkeiten und zu neuen Prägnanzbildungen dienen können. Die Repräsentation des geschichtlichen Ereignisses am Beispiel des Holocausts erörterte die Forschungsgruppe im Rahmen der Konferenz "Representations of Auschwitz" (10.-14. Juli 1995 in Krakau). Die in Zusammenarbeit mit dem Tempusprojekt der Europäischen Union "Civil Society and Social Change in Europe after Auschwitz" und der Jagelonia Universität Krakau organisierte Tagung behandelte verschiedene bildliche, schriftliche, kinematographische und museale Präsentationen von Auschwitz von der Gründung des Lagers bis in die Gegenwart. Jonathan Webber, der Leiter der Tagung, zeigte in einer bewegenden und eindrucksvollen Führung durch die Konzentrationslager Stammlager Auschwitz I, Auschwitz-Birkenau (und weitere Stätten der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft) die durch kommunistische Herrschaft und entsprechende Legitimationsansprüchen herbeigeführte problematische Situation der heutigen Gedenkstätten auf. Die Konferenz thematisierte den Holocaust im Schnittpunkt unterschiedlicher Disziplinen und Perspektiven, insbesondere der Kunst- und Literaturwissenschaften auf der einen und der Geschichtswissenschaft auf der anderen Seite. Die Forschungsgruppe hatte mit dieser Tagung Gelegenheit, das Phänomen historischer Sinnbildung an einem Fall von besonderer Prägnanz hinsichtlich der Grenzen historischen Sinns und der Erfahrung bisheriger Präsentationen von Vergangenheit zu analysieren.
6. Nation, Religion und Identität als Faktoren des Geschichtsbewußtseins
Der Status von Nationalismus, Religion und Identität als konstitutive Merkmale des Geschichtsbewußtseins war auf mehreren Tagungen, die dem Besuch in Krakau vorangingen, verhandelt worden. Gemeinsamer Schwerpunkt aller Konferenzen zu den o. g. Themen war der Aspekt der Modernisierung. Kontroverses Leitmotiv war dabei die Frage, inwieweit die Webersche These von der universalgeschichtlichen Universalisierung und Entzauberung tatsächlich auch für die nichteuropäischen Kulturen ein fruchtbares heuristisches Paradigma sei. Entgegengesetzt dazu steht die These, daß die Modernisierung mit Blick auf das Geschichtsbewußtsein und seine spezifischen Zügen wie Werteuniversalismus und genetisch-dynamische Zeitvorstellung eine Bedrohung für die historische Identität nichteuropäischer Kulturen darstelle. In der Tagung "Religion und Geschichtsbewußtsein" (3.-5. April 1995) ging es um den Beitrag der Religionwissenschaft zur Untersuchung des Geschichtsbewußtseins. Im Vordergrund standen zunächst die religiösen Deutungsmuster, die auch noch der modernen säkularisierten Gesellschaft zugrundeliegen. Andererseits zeigte sich in selbstreflexiver Wende, daß der Religionsbegriff sich aufgrund der Konfrontation mit modernen Lebensbedingungen selbst gewandelt hat. Die Rede von Religion und ihren sozialen Bedeutungen ist, ähnlich wie die von "Klasse" oder "Nation", auf die Erfahrung von Modernisierung und Nationalstaatsbildung bezogen und hat von daher ihre Bedeutung erlangt. Der workshop "Geschichte, Erinnerung, Identität / History, Memory, Identity" (30. Mai - 1. Juni 1995) unter der Leitung von Aleida Assmann berücksichtigte drei Perspektiven verschiedener Debatten: oral history, feministische Theorie und postkolonialer Diskurs. Der Begriff "Geschichte" nimmt aus Sicht der oral history die konkreten Bedingungen individueller Gedächtnisse und Identitätskonstitutionen in sich auf; ein homogener Begriff von "Identität" wird sowohl von der feministischen Theorie als auch von postkolonialen Diskursen in Frage gestellt. Letztere erweisen sich als besonders anschauliches Beispiel für komplexe Formen historischer Identität. So werden beispielsweise im sozialen Umkreis von Migranten unter dem Einfluß der dominierenden Kultur des Migrationslandes sowohl frühere kompakte Identitätsmuster verschärft als auch neue variable Identitätsmuster im offenen Austausch kultureller Kommunikation ausgehandelt. Diese Überlegungen konnten in dem ebenfalls von Aleida Assmann geleitete Workshop "Entwicklung von Geschichtsbewußtsein: Modernisierung und nationale Identität" (5.-7. Juli 1995) weiter entwickelt werden. Die nationale Identität ist das prominenteste Beispiel für die Funktion im Geschichtsbewußtsein in modernen Gesellschaften. Die Tagung wandte sich vor allem der Übertragung des europäischen Nationalismus in nicht-europäische Länder zu. Es wurden Fallstudien zu Rußland, Armenien, Sri Lanka, Taiwan und dem frankophonen Afrika vorgetragen und unter dem systematischen Fragestellungen der Forschungsgruppe diskutiert.
7. Empirische Strategien
Das Programm der Forschungsgruppe enthielt schließlich noch die Erarbeitung von Strategien zur empirisch-analytischen Erforschung der historischen Sinnbildung. Dabei wurden zwei Problemstellungen verfolgt. Zum einen gibt es bisher noch keine kritische Übersicht über die bisherige einschlägige Forschung, zweitens sollte der Schwerpunkt empirischer Untersuchungen zum Geschichtsbewußtsein nicht auf der Ermittlung historischen Wissens, sondern bei den Modi historischer Sinnbildung, bei ihren Deutungsmustern, Wertgesichtpunkten, Erfahrungspräferenzen, Orientierungsfunktionen und bei den Topoi der historischen Rhetorik liegen. Ein Schlüsselproblem der Methodologie dieser Forschung stellt eine trennscharfe Ermittlung der Spezifik des Historischen in den kulturellen Orientierungen der Probanden dar. Gemäß diesen Vorgaben umfaßte die gemeinsam mit dem Centre d'Etudes sur la Langue (CELAT) der Université Laval in Quèbec (Kanada) organisierte Tagung "Geschichtsbewußtsein unter Jugendlichen in der Gegenwart: Ein internationaler Vergleich / Historical Consciousness Among Young People at the Present Time: An International Comparison" (10.-11. Mai 1995) Forscherinnen und Forscher aus Kanada, Rußland und der Bundesrepublik. Unter der Leitung von Bodo von Borries und Jocelyn Létourneau stand zum einen eine Bestandsaufnahme zum Geschichtsbewußtsein Jugendlicher in Rußland, Europa, Afrika und Kanada zur Debatte, zum andere die unterschiedlichen methodischen Zugriffe bei der Datenerhebung. Der Ertrag der Präsentationen bestand vor allem in einem Überblick ihrer unterschiedlichen Forschungsstrategien und in Einsichten in ihre Vermittelbarkeit Für die übergreifende Fragestellung der Forschungsgruppe zeigten die Fallstudien eine konkrete Vielfalt unterschiedlicher Medien der historischen Sinnbildung auf, die zu einer Differenzierung der immer wieder erörterten theoretischen Konzepte führte.
8. Bilanz - geplante Veröffentlichungen
Es ist nicht leicht, eine Gesamtbilanz der gemeinsamen Arbeit zu ziehen. Allemal hat sich die Komplexität der heuristischen Zugriffe, theoretischen Konzeptualisierungen und empirischen Konkretisierungen der Frage nach der historischen Sinnbildung beträchtlich erhöht. Dies gilt z.B. für die Theorie des historischen Erzählens: nicht-narrative Elemente wurden als konstitutiv für die Spezifik des Historischen in der Vergegenwärtigung der Vergangenheit erwiesen und teilweise kontroverse Diskussionen in eine übergreifende Theorie narrativer Sinnbildung integriert. Die beabsichtigte starke systematische Berücksichtigung der ästhetischen Dimension des Geschichtsbewußtseins hat sich als besonders produktiv erwiesen. Das gleiche gilt für den Versuch eines interkulturellen Vergleichs. Zwar konnte dieser Vergleich nicht überall durchgeführt werden, wo systematische Fragestellungen nach Faktoren, Strukturen, Prozessen und Funktionen der historischen Vergegenwärtigung der Vergangenheit angesprochen wurden, weil das dazu notwendige Vergleichsmaterial nicht immer präsent war, aber im Unterschied zur bisherigen Forschungslage sind erhebliche Fortschritte im interkulturellen Vergleich des historischen Denkens erzielt worden. Die interdisziplinäre Konstellation unterschiedlicher Disziplinen hat die Erwartungen bei der Planung der Forschungsgruppe übertroffen. Als besonders ertragreich stellte sich die Konstellation von Anthropologie, Psychologie und einem Ensemble historisch arbeitender Humanwissenschaften dar. Am Ende des knapp einjährigen Diskussionsprozesses liegt natürlich noch keine ausgearbeitete Theorie der historischen Sinnbildung vor, aber bei den einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind wesentliche Teilstücke einer solchen Theorie erarbeitet worden, die ihrerseits mit unterschiedlicher Gewichtung und Ausrichtung empirisch konkretisiert werden konnten. Die geplanten Publikationen werden die Ergebnisse einer kritischen Fachöffentlichkeit und darüber hinaus auch einer breiteren Öffentlichkeit der historisch und theoretisch Interessierten unterbreiten. Zwar ist die Planung der Veröffentlichungen im einzelnen noch nicht abgeschlossen, aber es ist absehbar, daß ein größerer Teil der Bücher als Taschenbücher erscheinen wird, und zwar in verschiedenen Serien, die verschiedene systematische Gesichtspunkte in sich bündeln. Ergänzend sind repräsentative Dokumentationen des indischen und chinesischen Geschichtsdenkens geplant. Ferner werden eine Reihe von Monographien erscheinen, die gewichtige Einzelthemen, wie etwa die der Psychologie des Geschichtsbewußtseins oder der Imagination und Fiktion des Historischen gewidmet sein werden. Der größere Teil der Veröffentlichungen soll parallel auf deutsch und auf englisch erscheinen. Mit den deutschen Taschenbuchausgaben unterstreicht das ZiF seinen Anspruch, mit den Forschungsgruppen mehr als nur Spezialistenkreise anzusprechen und allgemein bedeutsame Themenstellungen in interdisziplinärer Kooperation und Konkretisierung zu präsentieren.

Abschnitte 1 - 4

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