Center for Interdisziplinary Research
 
 

ZiF-Forschungsgruppe

Ethik des Kopierens

Oktober 2015 - Juli 2016

Leitung: Reinold Schmücker (Münster, GER), Thomas Dreier (Karlsruhe, GER), Pavel Zahrádka (Olomouc, CZE)

Die Ethik des Kopierens ist nicht im ZiF erfunden worden. Konflikte um die Legitimität oder Illegitimität bestimmter Kopierpraktiken, einzelner Kopierhandlungen oder auch bestimmter Weisen, mit Kopien umzugehen, gibt es vermutlich schon so lange, wie überhaupt etwas kopiert oder nachgeahmt wird. In solchen Konflikten wurden und werden Ansprüche und Forderungen artikuliert, die zumindest teilweise miteinander inkompatibel sind und nicht alle erfüllt werden können. Damit stellt sich die Frage nach ihrem jeweiligen Recht: nach mehr oder weniger allgemein (und idealerweise auch von der unterlegenen Seite) anzuerkennenden Gründen, warum in bestimmten Typen von Fällen die jeweils von der einen oder anderen Seite geltend gemachten Ansprüche als berechtigt anerkannt werden sollten und welche ggf. den Vorrang vor den (ihrerseits mehr oder weniger gut begründeten) Ansprüchen der Gegenseite erhalten sollten. Dabei werden einerseits Ansprüche auf möglichst uneingeschränkte Betätigungs- und Kopierfreiheit sowie ggf. auf besondere Zugangs- oder Nutzungsrechte an den betreffenden Artefakten geltend gemacht, denen auf der anderen Seite allgemeine oder adressatenspezifische Einschränkungen der Betätigungs- oder Kopierfreiheit sowie ggf. spezifische Kontroll-, Verfügungs- und Ausschlussrechte aufgrund einer besonderen Beziehung zu den Gegenständen, auf die das Kopierbegehren der Gegenseite sich richtet, gegenüberstehen. Als gelebte Praxis besteht die Ethik des Kopierens in den normativen Diskursen, in denen jeweils um solche Ansprüche und die Gründe und Grenzen ihrer Berechtigung gestritten wird. Ansprüche auf das Recht, bestimmte Vorlagen zu kopieren, oder auf das Recht, anderen das Kopieren bestimmter Vorlagen zu untersagen oder nur unter bestimmten Bedingungen zu gestatten, sind seit langem auch schon in vielfältiger Form als ungeschriebenes, verbrieftes oder gesatztes Recht mehr oder weniger weitreichend institutionell verankert.

Die wissenschaftliche Durchdringung der Konflikte um die Ethik des Kopierens in diversen damit jeweils teilweise befassten Fachdisziplinen (von der Rechtswissenschaft über Ökonomie, Sozial- und Kulturwissenschaften bis in die Philosophie) hinkte jedoch hinter der alltagspraktischen Relevanz dieser Konflikte bisher deutlich hinterher. Das gilt umso mehr, als diese im Internetzeitalter rasant zunimmt. Dies war der Ausgangspunkt der Forschungsgruppe The Ethics of Copying/Ethik des Kopierens, die seit 2014 in einer Reihe von Tagungen und Workshops im ZiF (vgl. ZiF-Mitteilungen 3/2014, 41-43; 3/2015, 10-12; 1/2016, 21-23; 2/2016, 8-13, 3/2016, 12-16) , in konzentrierter interdisziplinärer Zusammenarbeit insbesondere im Bielefelder Forschungsjahr 2015-16 und darüber hinaus die wissenschaftliche Reflexion über kopierethische Konflikte und Ansätze zu deren Regelung systematisch vorangetrieben hat.

Bei der Erarbeitung von Grundlagen einer Ethik des Kopierens wurden die diversen Konfliktfelder und Regelungsansätze zusammengetragen, Begriffsklärung betrieben, Alternativen und Zusammenhänge herausgearbeitet. Dabei wurden eine Reihe von separat zu bearbeitenden Fragestellungen zunächst in systematischer Hinsicht unterschieden:

  1. Was ist (bzw. was gilt ggf. als) eine Kopie (wovon)? Welcherart sind die Gegenstände, die kopiert werden können?
  2. Was ist eine Kopierhandlung? Gibt es für alle Kopien jeweils eine intentionale Handlung, auf die ihr Entstehen und ggf. ihr Zur-Verfügung-Stehen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit für einen bestimmten Nutzer oder Nutzerkreis zurückzuführen ist, so dass die Frage nach der Legitimität oder Illegitimität der betreffenden Kopierhandlung sinnvoll gestellt werden kann?
  3. Inwiefern handelt es sich bei existierenden kopierethischen Normen um moralische Normen? Welche Geltungsansprüche werden für kopierethische Normen erhoben bzw. können für sie erhoben werden? Wie verhalten sich moralische Normen, die die Legitimität oder Illegitimität bestimmter Kopierpraktiken oder Formen des Umgangs mit Kopien betreffen, zu positiv-rechtlichen Normen, vertraglichen Bestimmungen, konventionellen Gepflogenheiten, Codes of Best Practice usw.?
  4. Kulturelle, gesellschaftliche, ökonomische, technische und historische Voraussetzungen von Kopierpraktiken und normativen Auseinandersetzungen um die Legitimität von Kopierhandlungen und anderen Handlungen im Umgang mit als schützenswert und schutzbedürftig angesehenen Vorlagen.
  5. Erhebung und Untersuchung von Normen, die in verschiedenen gegenwärtigen oder historisch bekannten Gesellschaften bestimmte Kopierpraktiken betreffen.
  6. Entwicklung und Begründung kopierethischer Prinzipien.
Die Forschungsgruppe hat in allen sechs genannten Bereichen gearbeitet und die (Teil-) Ergebnisse dieser Forschungen immer wieder auch zusammengeführt.

Begleitet wurde diese Arbeit von Anfang an auch durch Analysen konkreter Konflikte und positiv-rechtlicher wie auch außerrechtlicher Reglements sowie durch die Auseinandersetzung mit Positionen, die in aktuellen politischen Debatten im Hinblick auf die Regelung bestimmter Konflikte um Kopierpraktiken, Zugangsrechte usw. vertreten werden. So hat sich die Forschungsgruppe auch aktiv an der Diskussion um die Reform des deutschen Urheberrechts beteiligt, die mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft (UrhWissG) im Juli 2017 eine wichtige Etappe erreicht hat, aber keineswegs beendet ist.

Die Arbeit der Forschungsgruppe, über die fast vierzigmal in den Medien berichtet worden ist, ist bereits in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen dokumentiert (vgl. Publikationen). Hervorzuheben ist der Band The Aesthetics and Ethics of Copying, hg. v. Darren Hudson Hick & Reinold Schmücker, London/New York 2016. Die Beiträge der Abschlusstagung Copy Ethics: Theory & Practice werden 2018 als Themenschwerpunkt des Jahrbuchs für Recht und Ethik / Annual Review of Law and Ethics erscheinen. Die Arbeit an dem am ZiF als gemeinsames Projekt der Forschungsgruppe begonnenen Lexikon Original und Kopie wird noch etwas längere Zeit in Anspruch nehmen und bis 2019/20am Philosophischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster fortgeführt. Hierfür werden auch Fördermittel der Hans Fries-Stiftung zur Verfügung stehen. Weitere Anschlussprojekte sind in Vorbereitung.


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