Ethnisierung und De-Ethnisierung des Politischen. Aushandlungen um Inklusion und Exklusion im andinen und südasiatischen Raum.
Das Projekt ist Teilprojekt im SFB 584:
Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte
Projektbearbeiter:
Friso Hecker
Am 9. November 1990 trat in Nepal eine neue Verfassung in Kraft, die den nepalischen Nationalstaat als "multiethnisch, multisprachig, demokratisch und konstitutionell" definiert. Im Juni desselben Jahres kam es in Ecuador zu einem mehrtätigen landesweiten Indianeraufstand, zu dessen Zielen die verfassungsmäßige Anerkennung der kulturellen Identität und der politischen Repräsentation der verschiedenen indigenen Gruppen des Landes gehörte. 1998 wurde schließlich die ecuadorianische Verfassung reformiert, die den Staat nunmehr als "demokratisch, plurikulturell und multiethnisch" definiert.
Die beiden Verfassungen sind Ausdruck und - zumindest formalrechtlich - vorläufiger Höhepunkt einer sich gegenwärtig in den Ländern des südamerikanischen Andenraumes und Südasiens manifestierenden Ethnisierung des Politischen. Dieser Ethnisierungsprozess zeigt sich in der von verschiedenen politischen Akteuren geforderten Anerkennung und Wahrung der Lebensformen ethnischer Minderheiten, der politischen Repräsentation von sich ethnisch identifizierenden Personengruppen und der Neudefinition dessen, wie die nationale Einheit zu denken sei.
Dieser Prozess ist nicht nur der transformativen Potentiale und der gesellschaftlichen Sprengkraft wegen von Interesse, sondern ebenfalls angesichts eines Paradoxes: In den aktuellen Unrechtsdiskursen der ethnischen Minderheiten und in den nationalen wie ethnischen Selbst-Repräsentationen ist die Tendenz stark, das Einzigartige, Gruppenspezifische und Unverwechselbare zu betonen. Die beteiligten Akteure ringen daher darum, ihre jeweils partikulare Vision der gesellschaftlichen Inklusion zu kommunizieren und sie verwenden in den öffentlichen Auseinandersetzungen eigene Symbole und Ideologeme, deren Legitimität postuliert wird. Zugleich betonen die verschiedenen Akteure jedoch im Zuge demokratischer Aushandlungen den universellen Charakter der eigenen Ansprüche.
Die Parallelen in den beiden Regionen sind unübersehbar und zugleich frappant. Das Teilprojekt untersucht daher in vergleichender Perspektive die Präsenz und Bedeutung ethnisch begründeter Semantiken (Diskurse und Symbole) im politischen Kommunikationsraum der Länder Ecuador und Nepal und fragt nach den politischen Akteuren, die diese Semantiken in die politische Kommunikation einbringen bzw. die Ethnisierung des Politischen zurückweisen. Das Teilprojekt unterscheidet dabei verschiedene historische Phasen der diskursiven Inklusion und Exklusion ethnisch bzw. nicht-ethnisch definierter Akteure und Themen.
Das Teilprojekt gliedert sich in zwei Untersuchungsebenen. Auf einer ersten, die Langzeitachse des 19. und 20. Jahrhunderts in den Blick nehmenden Ebene analysieren die Projektleiter in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus den jeweiligen Untersuchungsländern ausgewählte historische Momente der durch Ethnisierungs- und De-Ethnisierungsprozesse gekennzeichneten politischen Kommunikation seit den Anfängen der modernen Staatsbildung im frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Hierbei lassen sich für beide Länder drei aufeinander folgende Phasen unterscheiden, in denen je spezifische politische Integrationsmodelle öffentlich kommuniziert wurden. Auf einer zweiten, zeitgeschichtlichen Ebene wird anhand je eines Dissertationsprojektes die gegenwärtige Hochkonjunktur der Ethnisierung des Politischen untersucht und nach den Akteuren und Diskursen gefragt, die eine ethnische Identitätspolitik zurückweisen und für eine De-Ethnisierung des Politischen eintreten.

