Projektmitarbeiter:
Dipl. Soz. Johannes Schmidt; Dipl. Soz. Hendrik Wortmann
Seit einigen Jahren ist in den Massenmedien und der populären Ratgeberliteratur ein besonderes Interesse an der Freundschaft zu beobachten: In der modernen, komplexen und flexiblen Gesellschaft, so die häufig vertretene These, stelle Freundschaft die eigentlich angemessene Form persönlicher Beziehungen dar. Auffällig ist dabei, daß das behauptete Potential von Freundschaftsbeziehungen häufig durch einen Rekurs auf überkommene philosophische und idealisierende Konzepte der Freundschaft gestützt wird. Eine erhebliche Diskrepanz zwischen propagierten und realisierbaren Freundschaften ist dann fast zwangsläufig. Zudem setzt das gegenwärtige Lob der Freundschaft implizit oder explizit voraus, daß verwandtschaftliche und familiäre Beziehungen seit dem 20. Jahrhundert durch einen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust gekennzeichnet sind und durch Freundschaftsbeziehungen weitgehend ersetzt werden müssen. In dem Projekt wird die These geprüft, ob Freundschaft nicht häufig als eine Überleitungsformel fungiert, die neue soziale Beziehungen temporär begleitet, bis diese in andere soziale Institutionen überführt und durch diese absorbiert werden. Anhand der historisch mehrfach wiederkehrenden und auch aktuellen Prominenz von Freundschaftsthemen werden Freundschaft und Verwandtschaft vergleichend auf ihre Belastbarkeit hin geprüft. Freundschaft, so die These, ist dann überfordert, wenn man ihr all die vielfältigen Leistungen zumutet, die heute längst von anderen Beziehungsformen erbracht werden. Gleichzeitig spricht einiges dafür, daß Verwandtschaft angesichts der zunehmenden Komplexität sozialer Beziehungen in der Moderne als relative Invariante fungiert, auf die als einzige nichtkontingente Beziehungsform vergleichsweise unaufwendig zurückgegriffen werden kann.
Das Projekt wählt einen langfristigen Blick auf die soziokulturelle Evolution von Verwandtschaft und Freundschaft als basale Muster sozialer Beziehungen. Gerade in sogenannten einfachen Gesellschaften wird die ordnungsstabilisierende Leistung von Verwandtschaft für Gesellschaft gut sichtbar: Diese Gesellschaften bringen typischerweise Prozesse der Absorption und der Integration von Fremden in die Form der Kreation von "künstlichen Verwandtschaften" (Adoptionen, Identifikation von Fremden mit verstorbenen Familienmitgliedern etc.). Das Studium dieser Mechanismen künstlicher Verwandtschaft bietet gute Testfälle für die Belastbarkeit und Dehnungsfähigkeit verwandtschaftlicher Beziehungen, wobei als Testkriterium die der Verwandtschaft eigene Nichtnegierbarkeit der Beziehung unabhängig von der persönlichen Gestimmtheit gegenüber dem Anderen fungieren kann. Freundschaft meint vor diesem Hintergrund jene Innovation in der soziokulturellen Evolution, die dem Komplexitätszuwachs von Gesellschaften dadurch Rechnung trägt, daß sie kontingente soziale Beziehungen zuläßt, die von den Beteiligten selbst geknüpft und von ihnen wieder aufgelöst werden können. Die Vielzahl historischer Semantiken der Freundschaft bietet Beschreibungen und Überhöhungen dieses Sachverhalts, die auch in dem heutigen Begriffsverständnis noch mitschwingen. Freundschaft ist also genau wie Liebe nicht als ein psychologischer Sachverhalt zu verstehen, sondern als eine normative Vorschrift für Erleben. Diese Vorschrift bietet einem psychischen System Interpretationen und Typisierungen für in sich relativ unbestimmte Gefühlszustände an und versucht auf dieser Basis bestimmte soziale Beziehungstypen auszugestalten und formuliert Lösungsangebote für Probleme dieser Beziehungstypen.
Der sehr allgemeinen Funktionsbeschreibung von Freundschaft entspricht, daß sie historisch häufig als eine Überleitungsformel fungiert, die neue soziale Beziehungen temporär begleitet, bis diese in soziale Institutionen umgeformt und durch diese absorbiert werden, für die sich der Bezug zu Freundschaftsvorstellungen in der Folge oft völlig verliert. Das Forschungsprojekt konzentriert sich auf drei Fallstudien, die diese Leithypothese entwickeln und überprüfen werden:
1: Freundschaft als Gastfreundschaft - Strukturbildung in Gesellschaftssystemen
2: Freundschaft in Ehen - Semantiken für höchstpersönliche Beziehungen
3: Freundschaft und Verwandtschaft in der Weltgesellschaft - Die Pluralisierung der Beziehungsmuster
Die beiden erstgenannten, zum Teil historisch orientierten Projekte sind dabei als Vorstudien für das letztgenannte, wesentlich auf die Gegenwartsgesellschaft gerichtete Teilprojekt konzipiert, auf dem der Schwerpunkt der Forschungsarbeit liegen wird. Alle drei Einzelprojekte fühlen sich einer empirischen Forschung verpflichtet, die mit der Unterscheidung von Semantik und Sozialstruktur arbeitet.
Das Projekt, das von der VolkswagenStiftung (Hannover) gefördert wird, ist Teil eines interdisziplinären Forschungsprojektes mit Kooperationspartnern in der Mediävistik (Prof. Dr. Frank Rexroth, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August Universität Göttingen), Ethnologie (Prof. Dr. Günther Schlee, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale) und Ethologie (Prof. Dr. Fritz Trillmich, Lehrstuhl für Verhaltensforschung, Fakultät für Biologie, Universität Bielefeld).

