GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE IN MATHEMATIK, NATUR- UND TECHNIKWISSENSCHAFTEN
Mit diesem Schwerpunkt hat das IFF eine Empfehlung aus der letzten Evaluation aufgegriffen und mit mehreren Drittmittelprojekten sehr erfolgreich einen neuen Schwerpunkt etabliert, der zugleich an alte Forschungslinien anknüpft.
Innerhalb und quer zu dem weit umfassenderen Forschungsfeld „Frauen oder Geschlechterverhältnisse in Hochschule und Wissenschaft“ hat sich der Themenkomplex „Frauen bzw. Geschlechter-verhältnisse in Naturwissenschaft und Technik“ in den letzten 25 Jahren als eigenständiges, interdisziplinäres Forschungsfeld etabliert und ausdifferenziert. Die im Folgenden dargestellten in der Forschungspraxis häufig verknüpften, Themen- und Forschungsschwerpunkte prägen bis heute dieses Forschungsfeld:
Ein erster Themenschwerpunkt befasst sich mit der geschichtlichen Aufarbeitung der Marginalisierung oder des Ausschlusses von Frauen aus der (Entwicklungs-)Geschichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen und technisch-ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen oder Berufen. Hierzu zählen Studien, die auf eine „Sichtbarmachung“ der Frauen und ihrer Leistungen in der jeweiligen Disziplinentwicklung zielen, also vor allem biographische Arbeiten zu „Pionierinnen“ in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen; Studien, die sich mit der historischen Entwicklung der akademischen Bildung von Frauen in Deutschland und damit zusammenhängenden direkten (oder indirekten), fach- bzw. disziplinspezifischen Schließungsmechanismen beschäftigen sowie Studien, die sich mit der Frage nach der Vergeschlechtlichung vor allem technischer Arbeitsfelder, einhergehend mit der Entstehung einer männlichen Kultur von Technik und einer (sozialhistorisch gewachsenen) geschlechtsspezifischen Segmentierung naturwissenschaftlicher und technischer Berufe befassen.
Einen zweiten Schwerpunkt bildet die feministische Natur- und Technikkritik. Hierzu gehören jene erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Arbeiten von (nahezu ausschließlich) Natur- und Technikwissenschaftlerinnen, die die androzentrischen Grundlagen ihrer jeweiligen Disziplinen aufdecken, in Frage stellen und durch Reformulierungen des wissenschaftlichen Begründungs- oder Entdeckungszusammenhangs ihrer jeweiligen Disziplin zu überwinden suchen oder noch „grundsätzlicher“ die Rolle der mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen z.B. bei der Herkunft und Entstehung experimenteller Grundlagen der exakten Naturwissenschaften bzw. hinsichtlich mathematischer Erkenntnisformen der naturwissenschaftlichen Theoriebildung (als Spaltung von Natur/Frau einerseits und Gesellschaft/Mann andererseits) reflektieren und damit wissenschaftstheoretisch begründete, vergeschlechtlichte Inklusions- und Exklusionsmechanismen beschreiben. Darüber hinaus gibt es Versuche der Integration von Erkenntnissen der feministischen Natur- und Technikkritisch in die Curricula der jeweiligen Fächer an Hochschulen.
Ein dritter Schwerpunkt bezieht sich auf die Analyse von Geschlechtersegregationen und ihres Wandels in naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen an Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie zur geschlechtsspezifischen Segregation auf dem Arbeitsmarkt in den entsprechenden mathematisch-naturwissenschaftlichen oder technisch-ingenieurwissenschaftlichen Berufsfeldern. Dieser Forschungsschwerpunkt umfasst neben bundesdeutschen Studien auch lokal begrenzte Untersuchungen oder auf einzelne Disziplinen und auf unterschiedliche Statusebenen fokussierte Studien sowie auf internationale Vergleiche gerichtete Studien. Häufig bilden diese Analysen die Basis für die Entwicklung von Konzepten zur „Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse“ in Hochschule und Wissenschaft, etwa in Form von Frauenförder- oder Mentoringprogrammen zur Weiterqualifizierung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses, von Studienreformansätzen insbesondere in technischen Studiengängen oder von Veranstaltungen zur Motivation und Gewinnung von Schülerinnen für naturwissenschaftlich-technische Studiengänge.
Ein vierter Schwerpunkt analysiert Berufs- und Karriereverläufen von Frauen und Männern in Mathematik, Naturwissenschaft und Technik und nimmt sowohl strukturelle Faktoren wie Fachkulturen in den Blick, um geschlechtsspezifisch unterschiedliche Karrierechancen zu erklären. Diesem Forschungsfeld können im weitesten Sinne auch Untersuchungen zur Studien- und Berufssituation von Studentinnen und Wissenschaftlerinnen in einzelnen Disziplinen und Berufsfeldern, sowie jene zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Karriereorientierung, zur Integration von Beruf und Partnerschaft/Familie, zum Selbstverständnis von Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen und zu frauen- oder geschlechtsspezifischen Wahrnehmungs- und Handlungsmustern in der Hochschule bzw. Wissenschaft zugeordnet werden.
Eine Neuorientierung und Weiterentwicklung der skizzierten Forschungsstränge lässt sich in den letzten Jahren in den Maßnahmen zu Frauenförder- Gleichstellungs- oder Mentoringprogrammen in naturwissenschaftlich-technischen Fächern oder Berufsfeldern feststellen. Die Grenzen bisheriger institutionalistischer Strategien wurden im Laufe der letzten 10 Jahre immer deutlicher: Sowohl hinsichtlich der Quantität als auch hinsichtlich der Qualität der angestrebten Gleichstellung bleiben die Erfolge bislang deutlich hinter den Erwartungen zurück. Seit einigen Jahren mehren sich daher Stimmen zur Notwendigkeit einer kritischen Überprüfung der „Wirksamkeit“ oder Reichweite dieser geschlechterpolitischen Maßnahmen zur Überwindung der Unterrepräsentanz von Frauen in den technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen und Berufsfeldern und der Neuformulierung entsprechender Maßnahmen. Das am IFF 2002 erstellte, vom BMBF in Auftrag gegebene Gutachten über „Akzeptanz monoedukativer Studiengänge/-elemente bei jüngeren Frauen - Bestandsaufnahme und exemplarische Befragung“ war hierbei einer der ersten „kritischen Evaluationsstudien“ in diesem neuen Forschungsfeld. Erkenntnisse aus bis dato vorliegenden kritischen Reflexionsprozessen schließlich wurden bezogen auf den Bereich „Übergang von Studium zu Beruf“ in dem 2004-2006 am IFF angesiedelten Projekt „momentmal – Das Mentoring-Programm der Universität Bielefeld zur Berufsorientierung für Frauen im Übergang Hochschule – Beruf“ umgesetzt.
Auch die Analyse von Berufs- und Karriereverläufen erfährt seit wenigen Jahren eine deutliche Weiterentwicklung und Neuorientierung, indem zunehmend die Wechselwirkung und Bedingtheit der sozialen Konstruktionen von Geschlecht einerseits und der sozialen Konstruktion der Fachkultur(en) mathematisch-naturwissenschaftlicher bzw. technisch-ingenieurwissenschaftlicher Disziplinen und Studiengänge andererseits in ihren Auswirkungen auf geschlechtsspezifische Inklusions- und Exklusionsprozesse in den Blick genommen werden. Mit den beiden Projekten „Prozesse des doing gender in der Mathematik“ und „Von der direkten zur indirekten sozialen Schließung – Zur Reproduktion des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses in natur- und technikwissenschaftlichen Fächern an Hochschulen“ hat sich das IFF auch innerhalb dieses neuen Forschungsfeldes wegweisend positioniert. Die Beteiligung des IFF an der Organisation und Durchführung der 5th European Conference on Gender Equality in Higher Education im August 2007 in Berlin, insbesondere die Mitverantwortung der Gestaltung des Themenschwerpunktes „Disciplinary Perspectives on Higher Education and Professionalisation“, in dem es um die Rolle disziplinärer Fachkulturen innerhalb von Prozessen des „gendering und degendering“ der mathematisch-naturwissenschaftlichen bzw. technisch-ingenieurwissenschaftlichen Fächer, Disziplinen und Professionen ging, dokumentiert die internationale Vernetzung des IFFs innerhalb dieses Forschungsstranges (http://www2.hu-berlin.de/eq-berlin2007/index.htm).
Projekte innerhalb dieses Forschungsschwerpunktes: