ORGANISATION UND LEBENSFÜHRUNG
Mit dem Schwerpunkt Organisation und Lebensführung werden zwei bislang getrennte Forschungsbereiche zusammengeführt, deren innerer Zusammenhang durch gesellschaftliche Entwicklungstendenzen zunehmend in den Blick gerät und der sich für empirische Forschung wie für die Weiterentwicklung von theoretischen Konzepten sowohl der Geschlechterforschung wie der jeweiligen Disziplinen als besonders fruchtbar erweist.
Der theoretische Forschungszusammenhang von Organisation und Geschlecht hat sich in den letzten Jahren deutlich ausdifferenziert. Organisationshierarchie und Geschlechterhierarchie werden nicht mehr als deckungsgleich betrachtet; mikropolitische Perspektiven, eine konstruktivistische Sichtweise bezogen auf Geschlecht und eine über Giddens, Bourdieu und Foucault inspirierte Diskussion um Macht und Diskurs haben dazu geführt, dass der Zusammenhang von Geschlecht und Organisation als kontingenter und kontextabhängiger interpretiert wird. Ob von einer zunehmenden Neutralisierung der Geschlechterdifferenz in Organisationen gesprochen werden kann, ist allerdings umstritten. Empirische Befunde deuten zumindest in einigen Bereichen auf eine Verstärkung der Geschlechterdifferenz hin; generell gilt, dass die Geschlechtersegregation in Organisationen deutlicher ausgeprägt ist im gesamten Arbeitsmarkt. In Organisationen selbst zeichnen sich Tendenzen ab, die Geschlechterthematik nicht mehr länger als externalisierbar zu behandeln; vielmehr wird sie bewusster wahrgenommen und gestaltet. Die Geschlechterdifferenz wird, etwa im Rahmen von Diversity-Konzepten, mehr und mehr zu einer Ressource für Organisationen.
Mit Lebensformen und Lebensführung wird eine Forschungsperspektive umrissen, die den Blick auf die Subjektseite gesellschaftlichen Wandels richtet: Wie erfahren Frauen und Männer aktuelle Modernisierungsprozesse im Geschlechterverhältnis, welche Handlungsorientierungen und Strategien entwickeln sie im Umgang mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen, welche neue Lebensformen und Muster der Lebensführung entwickeln sich? Besondere Bedeutung gewinnt diese Fragestellung auf dem Hintergrund aktueller Befunde aus der Arbeitssoziologie wie der Lebenslaufforschung, die erhöhte Anforderungen an eine eigenbiographische Gestaltung von Übergängen und beruflichen wie privaten Lebensläufen feststellen.
Die Wechselwirkungen zwischen Organisationen und privater Lebensführung steht heute im Zentrum vieler sowohl theoretisch interessanter Fragestellungen wie gesellschaftspolitisch bedeutsamer Entwicklungstendenzen, wie etwa die (interdisziplinäre) Forschung zu Work Life Balance, zu Berufs- und Karriereverläufen in Organisationen und Professionen oder auch zu Diversity zeigen. Zwei ZiF-Arbeitsgemeinschaften mit internationaler Beteiligung („Das Private neu denken – Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen“ 2006 und „Fatherhood in the late Modernity“ 2007) haben sich mit großem Erfolg mit dem Zusammenhang von Organisationen und Lebensführung und dem Einfluss von institutionellen Rahmenbedingungen und kulturellen Repräsentationen auf Lebensführung und Lebensformen beider Geschlechter im Kontext forcierter Modernisierungsprozesse befasst.
Projekte innerhalb dieses Forschungsschwerpunktes: