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Berlin vor der
Wiedervereinigung
West-Berlin war vor der Wiedervereinigung eine hochsubventionierte Stadt,
in der Künstler durch vielfältige Förderungen wirtschaftlich
abgepuffert, regelrecht verwöhnt wurden. Es gab fast keinen Kunstmarkt,
denn es fehlte die dementsprechende Käuferschicht.
West-Berlin war kulturell
gleichzeitig Provinz und Peripherie: West-Berlin war Provinz, weil die
Stadt kein metropolitanes Diskussionsklima hatte, es fehlten Ausstellungen,
die den Anschluß an das internationale Geschehen ermöglicht
hätten (Institutionenstruktur); West-Berlin war Peripherie, weil
es als politische Insel hinter dem Eisernen Vorhang lag und der kulturelle
Kontakt zu den umgebenden Ländern extrem schwierig war.
Bestimmte künstlerische Bewegungen wie die Berliner Realisten oder
die Jungen Wilden wurden als weltweite Exportgüter vermarktet. Künstlerinnen
spielten in diesen Gruppen nur eine marginale Rolle: z.B. Miriam Munsky
bei den Berliner Realisten oder Elvira Bach bei den Jungen Wilden
Berlin seit der
Wiedervereinigung
In Berlin mußte die künstlerische Wiedervereinigung zwischen
den bundesrepublikanischen und den DDR-Künstlern bewerkstelligt werden.
Dabei traten Fragen nach der Gleichberechtigung resp. Benachteiligung
von Künstlerinnen in ganz neuer politisch-historischer Perspektive
auf: in welcher Weise werden Künstlerinnen in der Bundesrepublik
benachteiligt und durch die kapitalistischen Strukturen des Kunstmarktes
ausgegrenzt; wie gehen Künstlerinnen aus der ehemaligen DDR mit diesen
neuen Herausforderungen um (gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen
in der DDR; frühere staatliche Einbindung und soziale Absicherung
der Künstler in der DDR).
Die Subventionen für Kultur (Hoch-Kultur und off-scene) mußten
sehr zurückgefahren werden, denn politisch bestand keine Legitimation
mehr, Berlin kulturell besonders zu subventionieren. Die Debatte um eine
Förderung der Berliner Kultur als besondere Hauptstadtkultur ist
noch nicht beendet.
Die Stadt selbst ist heute wirtschaftlich bankrott. Die Förderung
für Künstler ist um zirka die Hälfte gekürzt worden,
die spezielle Künstlerinnenförderung ist nach zehn Jahren erfolgreicher
Arbeit fast völlig gestrichen worden.
Kulturpolitik hat mit der Wiedervereinigung vom weltweiten Export Berliner
Kunst umgeschwenkt auf Austausch-Programme mit osteuropäischen Ländern.
Im Moment sind jedoch in der Kulturpolitik die neuen Perspektiven für
die nächsten 10 Jahre noch völlig unklar.
Kunstöffentlichkeit
Die etablierten Kunstinstitutionen (Museen und Kunstvereine) suchen verstärkt
den Anschluß an internationale zeitgenössische Kunst. Es wurden
neue Institutionen gegründet, der Hamburger Bahnhof - Museum der
Gegenwartskunst und die Kunst-Werke.
Seit fünf Jahren gibt es die Kunstmesse art forum berlin und seit
vier Jahren eine international auf jüngste Kunst ausgerichtete berlin-biennale.
Mit der Wiedervereinigung sind mehrer etablierte Galerien aus Köln/Düsseldorf
nach Berlin gezogen, die auf die Kaufkraft der Hauptstadt und der Regierung
setzen. Vor allem boomte die junge Galeristen-Szene, die sich jetzt in
einer ersten Sortierungs- und Konsolidierungsphase befindet.
Die jungen männlichen Galeristen sind häufig stark trendorientiert
und ohne spezielles Interesse für die Künstlerinnenproblematik,
die jungen weiblichen Galeristinnen (Anzahl ist gestiegen) sind künstlerisch
gemischter ausgerichtet und haben schon einen großen Anteil von
Künstlerinnen in ihren Programmen.
Berlin ist heute eine Mischung aus Metropole und Provinz: die Stadt ist
nicht mehr an der Peripherie, sondern versteht sich selbstbewußt
als europäisches Drehkreuz zwischen West- und Ost-Europa. Provinz
ist die Stadt immer noch, weil keine künstlerisch innovativen Impulse
von hier ausgehen. Die Kunstszene der Stadt ist vielfältig geworden,
es sind sehr viele junge Künstler aus aller Welt nach Berlin gekommen,
in der Hoffnung auf neue Impulse durch die historische Umbruchsituation.
Aber die Kunstszene ist (noch) kein Trendsetter. Als positiv wird von
den Künstlern erlebt, daß es ein intensives Diskussionsklima
gibt.
Künstlerinnen
Ende der 80er Jahren hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß
Künstlerinnen besonders gefördert werden sollten. Das Goldrausch
Künstlerinnenprojekt zur Professionalisierung von Künstlerinnen
wurde gegründet. Der Senat legte ein spezielles Künstlerinnen-Förderprogramm
auf, das aber im Zuge der Finanznot der Stadt fast auf Null reduziert
worden ist.
Die bisherigen Förderinstrumente für Künstlerinnen haben
den Anteil von Frauen in der öffentlichen Künstlerförderung
(Stipendien etc.) extrem gesteigert und die öffentliche Präsenz
von Künstlerinnen in der Stadt ausserordentlich gestärkt. Zudem
hat sich die öffentliche Debatte über die Qualität von
Künstlerinnen positiv verändert, Vorurteile sind öffentlich
nicht mehr zu hören. Positiv ist auch die Entstehung von informellen
Netzwerken unter den Künstlerinnen und daß Künstlerinnen
selbstbewußt eigene Öffentlichkeiten herstellen (Studie Goldrausch
Künstlerinnenprojekt).
Für jüngere Künstlerinnen ist es sehr viel einfacher in
der öffentlichen Aufmerksamkeit nach vorne zu kommen, als für
ältere Künstlerinnen. (Fokus auf junge zeitgenössische
Kunst). Für die Künstlerinnen aus der ehemaligen DDR ist die
Lage extrem problematisch und deprimierend. Es fehlt von Seiten der Institutionen,
dass eine adäquate Öffentlichkeit hergestellt wird und auf der
Seite der Künstlerinnen gibt es kaum Bereitschaft, sich selbst-kritisch
mit der veränderten Situation auseinanderzusetzen.
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