Anne Marie Freybourg

 

"Thesen zu Berlin"

Berlin vor der Wiedervereinigung
West-Berlin war vor der Wiedervereinigung eine hochsubventionierte Stadt, in der Künstler durch vielfältige Förderungen wirtschaftlich abgepuffert, regelrecht verwöhnt wurden. Es gab fast keinen Kunstmarkt, denn es fehlte die dementsprechende Käuferschicht.

West-Berlin war kulturell gleichzeitig Provinz und Peripherie: West-Berlin war Provinz, weil die Stadt kein metropolitanes Diskussionsklima hatte, es fehlten Ausstellungen, die den Anschluß an das internationale Geschehen ermöglicht hätten (Institutionenstruktur); West-Berlin war Peripherie, weil es als politische Insel hinter dem Eisernen Vorhang lag und der kulturelle Kontakt zu den umgebenden Ländern extrem schwierig war.
Bestimmte künstlerische Bewegungen wie die Berliner Realisten oder die Jungen Wilden wurden als weltweite Exportgüter vermarktet. Künstlerinnen spielten in diesen Gruppen nur eine marginale Rolle: z.B. Miriam Munsky bei den Berliner Realisten oder Elvira Bach bei den Jungen Wilden

Berlin seit der Wiedervereinigung
In Berlin mußte die künstlerische Wiedervereinigung zwischen den bundesrepublikanischen und den DDR-Künstlern bewerkstelligt werden. Dabei traten Fragen nach der Gleichberechtigung resp. Benachteiligung von Künstlerinnen in ganz neuer politisch-historischer Perspektive auf: in welcher Weise werden Künstlerinnen in der Bundesrepublik benachteiligt und durch die kapitalistischen Strukturen des Kunstmarktes ausgegrenzt; wie gehen Künstlerinnen aus der ehemaligen DDR mit diesen neuen Herausforderungen um (gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen in der DDR; frühere staatliche Einbindung und soziale Absicherung der Künstler in der DDR).
Die Subventionen für Kultur (Hoch-Kultur und off-scene) mußten sehr zurückgefahren werden, denn politisch bestand keine Legitimation mehr, Berlin kulturell besonders zu subventionieren. Die Debatte um eine Förderung der Berliner Kultur als besondere Hauptstadtkultur ist noch nicht beendet.
Die Stadt selbst ist heute wirtschaftlich bankrott. Die Förderung für Künstler ist um zirka die Hälfte gekürzt worden, die spezielle Künstlerinnenförderung ist nach zehn Jahren erfolgreicher Arbeit fast völlig gestrichen worden.
Kulturpolitik hat mit der Wiedervereinigung vom weltweiten Export Berliner Kunst umgeschwenkt auf Austausch-Programme mit osteuropäischen Ländern. Im Moment sind jedoch in der Kulturpolitik die neuen Perspektiven für die nächsten 10 Jahre noch völlig unklar.

Kunstöffentlichkeit
Die etablierten Kunstinstitutionen (Museen und Kunstvereine) suchen verstärkt den Anschluß an internationale zeitgenössische Kunst. Es wurden neue Institutionen gegründet, der Hamburger Bahnhof - Museum der Gegenwartskunst und die Kunst-Werke.
Seit fünf Jahren gibt es die Kunstmesse art forum berlin und seit vier Jahren eine international auf jüngste Kunst ausgerichtete berlin-biennale.
Mit der Wiedervereinigung sind mehrer etablierte Galerien aus Köln/Düsseldorf nach Berlin gezogen, die auf die Kaufkraft der Hauptstadt und der Regierung setzen. Vor allem boomte die junge Galeristen-Szene, die sich jetzt in einer ersten Sortierungs- und Konsolidierungsphase befindet.
Die jungen männlichen Galeristen sind häufig stark trendorientiert und ohne spezielles Interesse für die Künstlerinnenproblematik, die jungen weiblichen Galeristinnen (Anzahl ist gestiegen) sind künstlerisch gemischter ausgerichtet und haben schon einen großen Anteil von Künstlerinnen in ihren Programmen.
Berlin ist heute eine Mischung aus Metropole und Provinz: die Stadt ist nicht mehr an der Peripherie, sondern versteht sich selbstbewußt als europäisches Drehkreuz zwischen West- und Ost-Europa. Provinz ist die Stadt immer noch, weil keine künstlerisch innovativen Impulse von hier ausgehen. Die Kunstszene der Stadt ist vielfältig geworden, es sind sehr viele junge Künstler aus aller Welt nach Berlin gekommen, in der Hoffnung auf neue Impulse durch die historische Umbruchsituation. Aber die Kunstszene ist (noch) kein Trendsetter. Als positiv wird von den Künstlern erlebt, daß es ein intensives Diskussionsklima gibt.

Künstlerinnen
Ende der 80er Jahren hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß Künstlerinnen besonders gefördert werden sollten. Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt zur Professionalisierung von Künstlerinnen wurde gegründet. Der Senat legte ein spezielles Künstlerinnen-Förderprogramm auf, das aber im Zuge der Finanznot der Stadt fast auf Null reduziert worden ist.
Die bisherigen Förderinstrumente für Künstlerinnen haben den Anteil von Frauen in der öffentlichen Künstlerförderung (Stipendien etc.) extrem gesteigert und die öffentliche Präsenz von Künstlerinnen in der Stadt ausserordentlich gestärkt. Zudem hat sich die öffentliche Debatte über die Qualität von Künstlerinnen positiv verändert, Vorurteile sind öffentlich nicht mehr zu hören. Positiv ist auch die Entstehung von informellen Netzwerken unter den Künstlerinnen und daß Künstlerinnen selbstbewußt eigene Öffentlichkeiten herstellen (Studie Goldrausch Künstlerinnenprojekt).
Für jüngere Künstlerinnen ist es sehr viel einfacher in der öffentlichen Aufmerksamkeit nach vorne zu kommen, als für ältere Künstlerinnen. (Fokus auf junge zeitgenössische Kunst). Für die Künstlerinnen aus der ehemaligen DDR ist die Lage extrem problematisch und deprimierend. Es fehlt von Seiten der Institutionen, dass eine adäquate Öffentlichkeit hergestellt wird und auf der Seite der Künstlerinnen gibt es kaum Bereitschaft, sich selbst-kritisch mit der veränderten Situation auseinanderzusetzen.


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