Joanna Hoffmann

 

".. sowohl eine Künstlerin.. als auch eine Frau
Zusammenhänge und Haltungen, die die von polnischen (Poznan) Künstlerinnen gemachte Kunst betreffen."

Maria Pini ska Bere (1931 geboren) schrieb 1995 "Im vergangenen Jahrzehnt habe ich einen Dialog oder sollte ich besser sagen eine Art Spiel mit der Kunst getrieben. Was immer ich ausdrücken konnte über mein Geschlecht und was immer auch für emotionale Erfahrungen ich gemacht habe während ich mit den Tabus und frauenfeindlichen Geboten kämpfte, ich bin nach wie vor von der Überlegenheit der Kunst überzeugt."
Zu Beginn sollte erwähnt werden, dass die sogenannte "feministische Sichtweise" in der polnischen Kunst eher unbedeutend gewesen ist. Daß dem so ist, liegt wahrscheinlich an der Tatsache, dass sie weder von einer erkennbaren gesellschaftlichen Bewegung noch von einer politischen Organisation gefördert wurde, wie das in den USA und einigen europäischen Ländern der Fall ist. Dem kreativen Einsatz polnischer Künstlerinnen gelang es nicht, ein Echo zu finden oder eine öffentliche Diskussion über die Bedingungen von Frauen in der modernen Gesellschaft und in der Kunstwelt auszulösen. Es ist bemerkenswert, dass 60% der Studenten an der Kunstakademie weiblich sind. An der Akademie für bildende Künste in Poznan sind Zweidrittel der Studenten weiblich, aber nur 17% des Lehrkörpers sind Frauen. Der quantitative Anteil von Frauen an wichtigen und prestigeträchtigen Ausstellungen ist ebenfalls weit davon entfernt, gerecht zu sein. Er liegt bei 10 bis 20% . Diese Situation ist während der letzten 20 Jahre unverändert geblieben und entspricht proportional nicht der realen Kunstszene in Polen.
Es war eine Künstlerin aus Poznan, Izabella Gustowska, die 1980 eine Reihe von Ausstellungen polnischer Künstlerinnen unter dem Titel "Presence" initiierte. Diese Initiative wurde von der State Gallery BWA in Bielskobia mit regelmässigen Ausstellungen "Frauen über Frauen" weitergeführt. Doch bei Künstlerinnen treffen solche Initiativen auf eine eher skeptische Haltung. Sie sehen darin die Gefahr, dass hier ein Status quo geschaffen wird, der die von Frauen geschaffene Kunst aus einer Kunstwelt ausschließt, in der das andere Geschlecht die führende Rolle einnimmt.
Ein paar Grundmuster sind erkennbar, nach denen der Kunstbetrieb und die allgemeine Öffentlichkeit moderne Künstlerinnen behandeln. Um Aufmerksamkeit zu bekommen muss eine Künstlerin "groß" sein (das Wort bezieht sich hier auf den Umfang ihrer Werke, die eine Menge physischer, männlicher Kraft demonstrieren sollten) oder sie muss in agressiver Weise exhibitionistisch sein und alle Tabus brechen. Es gibt auch die Tendenz, Frauen zu fördern, die sich mit gesellschaftlichen und sogar politischen Themen befassen und diese in die Mythologie der modernen Welt einbinden, sprich in die Popkultur und den Konsum.
Für die Künstlerinnen, die ihre inneren weiblichen Bedingungen und Gefühle darstellen, oder allgemein gesprochen, die nicht ihre gesellschaftliche Meinung zum Gegenstand ihrer Werke machen, ist es ungleich schwieriger Aufsehen zu erregen. Selbst wenn ihre Kunst solche Fragen beinhaltet, so setzen sie doch die Kritik in einer diskreteren und subtileren Art ein. Für diese Künstlerinnen ist Kunst geschlechtslos. Für sie ist Kunst eine Tätigkeit und ein Ausdruck individueller Imagination, die immer wieder verschieden ist und sich nicht in ein einfaches Schema pressen lässt.
Es gibt eine lange Reihe von Künstlerinnen. Ihre Kunst ist so verschiedenartig, wie Kunst schlechthin ist. Sie sensibilisiert uns für Differenzen und erlaubt uns, das zweigleisige Denken zu verlasssen. Gleichzeitig enthüllt sie unbewusste und versteckte Kräfte, die die existierenden Darstellungen der Welt berechtigen.
Im Vorwort zur letzten Ausgabe von "Presence" schrieb Izabella Gustovska 1992: "Ich folge schlicht dem naiven Gefühl für das Unterschiedliche, die Sensibilität, die Gefühle, die Intuitionen, die Biologie, die Instinkte und dem Gespür für die innere Kraft und die Unabhängigkeit. Alle diese "Wahrnehmungen" formen eine bestimmte Persönlichkeit. Und wenn es sich dabei um die Persönlichkeit einer Frau handelt, dann sehen wir uns konfrontiert mit einem faszinierendem Phänomen. Wenn man bedenkt, dass Kunst ein offenes Feld ist, dann muss man auf nichts verzichten. Im Gegenteil, es ist besser, der Situation und dem Augenblick zu vertrauen, die besondere Spannungen und Energien hervorbringen und Sinnlichkeit, Vorstellungskraft, vergessene Gefühle und praktisches Wissen offenbaren."



back