Eliana de Simone

 

"Wechselhafter Ort, Wahlheimat Kunst. Über brasilianische Künstlerinnen unterwegs"

Mobilität als Ausbildungs- und Professionalisierungsstrategie im Kunstbetrieb ist kein Novum in der brasilianischen Kunstgeschichte. Ich denke an das œuvre von zwei Künstlerinnen, die
schon Anfangs des XX . Jahrhunderts zwischen den Kontinenten hin und her pendelten: Anita Malfatti und Tarsila do Amaral; die erste, von deutschen und italienischen Einwanderern stammend, hat in Deutschland (bei Lovis Corinth) und in den USA (in der Independent School of Art studiert; die zweite, hat ihre Ausbildung durch mehrere Reisen nach Paris erworben, wo sie zunächst in der Académie Julien, dann bei Fernand Léger studiert hat.
Am Ende des "kurzen Jahrhunderts"[1], an der Schwelle des (schon durch die Medien banalisierten) neuen Millenniums, in dem Raum- und Zeitwahrnehmungen ständig übertroffen werden,werden die Entfernungen virtuell und tatsächlich verkürzt, durch den Beschleunigungseffekt der Verkehrs- und Kommunikationstechniken. Mobilität ist heute Chance, Voraussetzung und Verhängnis zugleich. Es gibt kaum noch eine brasilianische Künstlerin, deren Biographien keine Reise, längere oder kürzere Aufenthalte im Ausland, mehrere Wohnsitze nachweisen, seien es vorübergehende oder mehr oder weniger dauerhafte.
Paradigmatisch für dieses rasende Kommen und Gehen scheinen mir die Bahnen der Künstlerin Rivane Neuenschwander zu sein (deutsch stämmige Brasilianerin); über sie kann man auf dem Katalog der letzten Sao Paulo Biennale (1998) folgendes lesen: "Geboren 1967 in Belo Horizonte, Minas Gerais. Studium der Bildhauerei im Royal College of London; lebt und arbeitet unterwegs."[2]Mobilität wird hier zu "permanent transition"[3].
Heutzutage ist in Brasilien die Liste von Künstlerinnen mit transkulturellen Biographien und ersten oder zweiten Wohnsitzen im Ausland lang, auch wenn nicht von einer "brasilianischen Diaspora" gesprochen werden kann, wie etwa sie als "afrikanische Diaspora", bei mehreren aktuellen Ausstellungen (The Short Century - Independence and Liberation Movements in Africa 1945 -1994, Berlin, Martin-Gropius-Bau, Mai bis Juli, 2001; Authentic - Ex-centric.
Conceptualism in contemporary african art, Venedig Biennale, Juni bis Nov. 2001) sichtbar gemacht wird.
Für sehr viele brasilianische Künstlerinnen gilt die Stadt Sao Paulo, wenn nicht schon als Geburtsort, dann als Aussgangspunkt der künstlerischen Karriere. Sao Paulo, die lateinamerikanische Megalopole schlechthin (Metropole ist schon ein unpassender Begriff für die "Stadt"), ist gleichzeitig Ort von transkulturellen Prozessen und Hybridisierungs-tendenzen, sowie Schmelztiegel von versprochenen Utopien und sozialen Inkompatibilitäten (man denkt an die nebeneinander existierende "favelas" und abgeschirmte "gated communities").
Als lokales und internationales Kulturforum (beispielsweise die Biennale in Sao Paulo), bietet die Stadt, einerseits, die meisten Ausbildungschancen und Professionalisierungsmöglichkeiten, andererseits ist der Kunstbetrieb geprägt von stark hierarchisierenden Tendenzen. In diesem Zusammenhang, möchte ich in meinem Beitrag die Wechselbeziehungen zwischen Ort und künstlerischer Produktion, insbesondere von Künstlerinnen die, im Zeitalter der Mobilität, zwischen "Nord und Süden" pendeln, untersuchen.

[1] Jürgen HABERMAS, Die Postnationale Konstellation, Suhrkamp, 1998
[2] Ausst.-Katalog XXIV Bienal de São Paulo, Bd. 4: Arte Contemporânea
Brasileira: Um e/entre outros, p.213; 1998
[3] Patrick IMBERT The permanent transition, Vervuert, 1999


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