M.Kublitz-Kramer/ G. Strobl/ M. Gees (Hrsg.)
Kanon, Kreativität und Co.
Bildungsbegriffe in der Diskussion 
Band 47

Leseprobe



Einleitung von Hartmut von Hentig

Dieser Artikel soll nicht von Bildung und Wissenschaft handeln, sondern von Maßnahmen und Einrichtungen, von Behauptungen und Bestreitungen, auch von Zielen und Hoffnungen, die in der Politik unter diesen Rubren traktiert werden. Die sind meist meilenweit von den Ideen entfernt, denen diese Namen eigentlich zukommen.

Das will ich erläutern - in einem ersten, grundsätzlichen Anlauf. Ausrichten werde ich damit nichts. Da ich ungern folgenlos schreibe, nehme ich in einem zweiten Anlauf die Stichwörter der öffentlichen Diskussion auf und versuche, ihnen einerseits in der erwarteten Weise gerecht zu werden, ihnen andererseits ober mit der skeptischen Grundsätzlichkeit zuzusetzen, die sich leisten kann, wer nicht im Treibsand der Politik steht.

Bildung ist ein ganz individueller, sich an und in der Person, am Ende durch diese vollziehender Vorgang. „Ich bilde mich“, lautet die richtige Beschreibung, jedenfalls wenn man die Menschenbildung im Sinn hat, die man bei Platon und Christus, Rousseau und Pestalozzi, Humboldt und Dewey begründet findet. Sie haben dem Wort Bildung seinen Sinn gegeben. Eine Form, die mir ein anderer aufprägt, macht mich nicht zum Gebildeten, sondern zu einem Gebilde. Und die Ertüchtigung für eine gesellschaftliche Tätigkeit ist etwas ganz anderes und heißt Ausbildung.

Das Sich-bilden geschieht natürlich nicht einsam und von allein, sondern im Umgang, mit anderen Menschen, mit der Natur, mit der Geschichte, mit den letzten Fragen - Wichtiges lesend, selber handelnd, verantwortlich entscheidend. Es hat geeignete - z. B. die eben aufgezählten - Anlässe und geeignete Orte. „Michael Brown got his education at Oxford“ meint zwar meistens etwas anderes, nämlich dass M. B. seine akademische Ausbildung in Oxford absolviert hat, aber der Ausdruck schließt die Möglichkeit ein, dass M. B. sich in Oxford zu der Person gemacht hat, die die dort vorfindliche und wirksame Lebensart fordert: eine Person mit maßvollem Respekt vor Gelehrsamkeit und Tradition, mit Eigenwillen und einem Sinn für Fairness. Wenn er sie sich angeeignet hat und wenn sie nicht ein fertiges Paket von Kenntnissen und Gewohnheiten ist, sondern als seine geistige und moralische Triebkraft weiterwirkt, ist's Bildung.

Wissenschaft ist ein ähnlich freier, nicht abschließbarer Vorgang, mit dem Unterschied, dass er ein korporatives Subjekt hat. Wissenschaft bedarf von ihrem Prinzip her der anderen, die zweifeln, gegenhalten, weiterfragen. Sie lebt vom „Streit der Fakultäten“. Sie ist methodischer Erkenntnisgewinn und organisierte Erkenntnisprüfung. Sie ist der immer neue und neu notwendige Versuch, „das Ganze" zu verstehen (C. F. v. Weizsäcker). Wie nun die Bildung aufhört, Bildung zu sein, wenn sie erzwungen oder mechanisch eingegeben wird, so hört Wissenschaft auf Wissenschaft zu sein, wenn sie von außen gelenkt, verordnet oder begrenzt wird.

Diese beiden subtilen und idealen Möglichkeiten werden ständig mit den Voraussetzungen und Mitteln ihrer Verwirklichung verwechselt: die Bildung mit ihren Anlässen und Orten, ihren Gegenständen und ihrer Dauer; die Wissenschaft mit ihren Einrichtungen, Hierarchien, Publikationen; und beide mit ihren Verwertungsmöglichkeiten. Weil die, bei geeigneter Zurichtung, groß sind, verliert man über ihnen die Bildung und die Wissenschaft selbst aus den Augen.

Wer meint, dass wir sie entbehren können, sollte das sagen: „Bildung, ist eine bürgerliche Schimäre. - Wir wollen Qualifikationen für die und die Aufgaben.“ Und: „Wissenschaft ersetzen wir durch Zweckforschung - ihre aufklärerische und gesellschaftskritische Funktion ist beendet.“ Viele meinen das, sagen tut's keiner.

Da die Ansprüche an Bildung und Wissenschaft in unserer Welt ständig steigen und beide auch noch miteinander verbunden sind - Bildung verschafft Zugang zur Wissenschaft, Wissenschaft liefert den Stoff und die Prinzipien der Bildung -, sind auch ihre Voraussetzungen kompliziert, teuer und nur noch in großen Systemen rationell herstellbar, eben im Bildungssystem und im Wissenschaftssystem. Beide Systeme werden vorn Staat getragen und beide Systeme vernichten den Gedanken, dem sie sich ursprünglich verdanken.

Das macht die Debatte so gespenstisch. Unter der Devise: „Bildung“ habe im Wissenszeitalter höchste Priorität, Investitionen in die Forschung seien Investitionen in die Zukunft der Nation, Schulen und Universitäten müssten leistungsfähiger, moderner, „schlanker“ werden, betreibt man die Instrumentalisierung zweier Tätigkeiten, die den Menschen in erster Linie frei machen sollen - frei gegenüber der ersten Natur, frei auch gegenüber seiner zweiten, der Kultur. Die wiederum, zu einem gewaltigen Aggregat von Beziehungen, Berechtigungen, Apparaten, Gewohnheiten, Infrastrukturen und Symbolen angewachsen, verselbständigt sich.

Fast alle Wörter, mit denen wir unsere heutige Zivilisation beschreiben, bezeichnen etwas, was wir nicht im Griff haben: Globalisierung und Urbanisierung, Informationsgesellschaft und Zweidrittelgesellschaft. technischer Fortschritt und das Ende der Arbeit, soziale Kälte und neue Unübersichtlichkeit, Monetarisierung und Virtualisierung. Ohne Bildung, ohne den systematischen Versuch, das Ganze zu verstehen, liefern sich die Menschen ihren eigenen Erfindungen aus. Das Ergebnis kennen wir aus der Literatur: die brave new world.

Wenn es etwas gibt, was den Menschen wieder zum Herrn dieser Entwicklung zu machen vermag, dann sollten wir das mit Eifer, Phantasie und Anstrengung aufsuchen. Ich nenne einige hierfür nützliche, gar notwendige Voraussetzungen:

  • eine Vorstellung vom Guten Leben, ein klares Bewusstsein von dem, was ich wirklich, d.h. mit guten Gründen will, 
  • Maßstäbe für die Möglichkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, und Treue diesen Maßstäben gegenüber, 
  • Neugier, die Bereitschaft zu trial and error, zu Selbstprüfung, Aufbruch oder Umkehr, 
  • Wachsamkeit gegenüber den kollektiven Vorgängen, die Kraft, Abstand zu halten, die Fähigkeit auf Dinge zu verzichten, die ich nicht brauche, 
  • Selbstbewusstsein, die erprobte Zuversicht, dass meine Leistungen taugen, 
  • das dazu nötige Verstehen der mir anvertrauten Sachverhalte, der Verhältnisse, in denen ich lebe,
  • eine fortsetzbare Liste von Bedingungen, für die die Pädagogik Erfahrungen und Übungsanlässe - und die Wissenschaft Erkenntnisse und Denkformen - bereitstellen kann und müsste, weil das Leben dies gerade nicht tut.


Damit leugne ich keineswegs, dass wir - der einzelne und die Gesellschaft - auch das andere brauchen: neben der Bildung die Ausbildung, neben der Wissenschaft die Zweckforschung, und dass wir uns um die praktischen Voraussetzungen beider kümmern müssen. Ich protestiere nur dagegen, dass man das eine dem anderen gänzlich opfert. Ich behaupte, dass wir dies tun - unter Prunkworten wie diesen:

Leistung soll erhöht werden. Anlass sind internationale Vergleichsuntersuchungen, in denen wir schlecht abschneiden. Der Wirtschaftsstandort soll gerettet werden. Wird er das dadurch, dass wir Japans Mathematikunterricht kopieren? Können wir das? Wollen wir das? Kommt es darauf an? Wir sind - durch Zahlen gut belegt - die Exportnation Nr. 1. Unsere Produkte sind in der Welt beliebt, unser soziales System ist aller Völker Neid, unser Wohlstand üppig, unsere Arbeitslosigkeit offensichtlich nicht durch fachliches Unvermögen, sondern durch einen hohen Rationalisierungsgrad verschuldet, der dem „Fortschritt“ zugerechnet wird.

Nun soll die Leistungskraft steigen durch Auslese = Rauslese, verstärkte Konkurrenz, durch Leistungsüberprüfung, was messbare und also standardisierte Anforderungen voraussetzt: zentrale Aufgaben, einheitliche Beurteilungen, also Noten, einheitliche Stoffe und einheitliche Schullaufbahnen. Das aber ist das Gegenteil von dem, was die vielfältigen Begabungen und die ebenso unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedürfnisse fordern. Leistung - das weiß meine Zunft und das wissen die Leute von der Wirtschaft - steigt mit dem Bewusstsein, dass sie sinnvoll ist, mit der Wahrnehmung, dass das Geleistete meinen Möglichkeiten entspricht, und mit der Freiwilligkeit. Nicht Evaluation macht besser („Eine Sau wird nicht dadurch fetter, dass man sie täglich wiegt“, hat ein erfahrener Schulbeamter einmal gesagt), sondern die Herstellung jener drei Bedingungen.

Qualitätssicherung ist für die Institution, was die Leistungsprüfung für den einzelnen ist. Sie soll beispielsweise das Kollegium einer Schule „motivieren“, indem öffentlich gemacht wird, wie gut (oder wie schlecht!) es im Vergleich zu anderen ist. Wieder ist's keine Befreiung zu sich und eigener Leistung, sondern Anpassung an ein - von wem? - definiertes allgemeines Maß.

Werteerziehung soll uns endlich von der Pest der Kinderkriminalität, von den Jungnazis, den pöbelnden, bettelnden, gewalttätigen, sprayenden, sich ausklinkenden oder ungebeten einmischenden Jungen befreien, die Bindekräfte in der Gesellschaft wieder herstellen, Egoismus zügeln, Gemeinsinn stiften und bürgerliche Verantwortung wecken. Eine zusätzliche Anstrengung? Ein Unterrichtsfach? Ein alle Schulfächer durchziehendes Prinzip? Wie eigentlich unterscheidet sich Werteerziehung von Erziehung? Macht sie die Jugendarbeitslosigkeit wett? Wie denkt man sich den Wertekonsens in einer pluralen Gesellschaft, die gleichwohl den christlichen Religionsgemeinschaften einräumt, als erste darüber zu befinden, und den anderen einen Ersatz, genannt „Ethik“, oktroyiert? Werteerziehung ist einstweilen nichts als die Hoffnung, man könne, ohne etwas Wesentliches zu verändern, eine erfolgreiche Gesellschaft haben - mit dennoch gesitteten, steuerzahlenden, toleranten Bürgern.

Eliten braucht das Land. Nichts gegen die Förderung herausragender Taten und Talente, nichts gegen die entsprechende Verteilung der Verantwortungen und Befugnisse. Aber doch, bitte, auf möglichst allen Gebieten! Warum nur in der Fähigkeit, elektronische Systeme zu steuern, und nicht auch, Freundlichkeit in der Welt zu verbreiten oder die sinnstiftenden Geschichten zu erzählen oder geduldig mit den Verwirrten und Widerspenstigen umzugehen oder Kindern zuzuhören, beizustehen, Widerpart zu sein?

Die Schulen ans Netz, damit wir ja nicht die Entwicklungen verpassen! Die deutschen Lehrer haben das schon, aber die Kids, heißt es, machen Hoffnung: sie gehen „ganz unbefangen“ an die PCs und ersurfen uns die Zukunft. Computer und Internet gehören zum heutigen Leben. Es ist in der Tat wichtig, dass man richtig. mit ihnen umzugehen weiß. „Richtig“ aber muss heißen, sie als das zu benutzen, wozu sie erfunden sind: als Knechte zur leichteren Bewältigung spezifischer Probleme - nicht als allgemeine Lebensform. Wer sein Problem nicht versteht, wird den Computer nicht dafür in Dienst nehmen können; er wird sich von diesem vielmehr sagen lassen, was er zu fragen und zu erwarten hat. Mit anderen Worten: die Vorbereitung auf die Computerwelt besteht im Wahrnehmen, Verstehen, Formulieren von Aufgaben und in der Erfahrung mit Alternativen zu diesem Gerät. Nur wer solche kennt, wird entscheiden können, ob der PC oder ein Gespräch oder eine eigene Untersuchung tauglicher für die Lösung der Sache ist. Man spricht von Medienkompetenz und meint damit: das Medium bedienen können. Es sollte heißen: das Medium beherrschen, und Herr ist man, wenn man unabhängig von ihm bleibt.

Kreativität und Flexibilität, Kommunikation und Vernetzung, quality-management und Selbstorganisation werden dem angeschlagenen Bewusstsein der zweitgrößten Industrienation als Heilmittel gepriesen - und verkleiden doch nur die Härten, denen der einzelne fortan im großen Wettbewerb ausgesetzt sein wird. Hat er keinen „Erfolg“, war er nicht frech oder nicht anpassungsfähig genug. oder er hat den falschen Berater. Die Frage, wozu eine Innovation gut ist, unterbleibt meist - der Konkurrent stellt sie ja auch nicht.

Gegen diesen vielfältigen Missbrauch muss sich die Pädagogik wehren. Sie tut es auch:

Sie betreibt die Umwandlung der Schule in einen Lebens- und Erfahrungsraum, in dem die Kinder und jungen Menschen vor allem die guten, die gefährdeten, von keiner Interessengruppe gestützten Vorgaben unserer Gesellschaft erfahren und anzunehmen lernen: den Sinn von gemeinsamen Regeln und Ordnungen, die Nützlichkeit von Disput und Verständigung, die „Wissenschaft“ als ein Verfahren der Objektivierung von subjektiver Wahrnehmung, das Glück des Gebrauchtwerdens.

Sie fordert und fördert die Autonomisierung der Schule, die der Stärkung der Menschen gegenüber den Sach- und Systemzwängen dient. Aus einer ferngelenkten, bürokratisierten, „mechanischen“ Belehrungsanstalt könnte so eine lebendige Lerngemeinschaft werden. Die Schule, die sich - Eltern, Lehrer, Schüler, Träger - über ihre Ziele, Verfahren, Ordnungen verständigt, wäre eine Modell dessen, wozu sie erziehen soll: eine polis. Oft wird man sich für eine Schule als Lebensraum entscheiden. Manchmal mit guten Gründen nicht. Im ersten Fall wird man Unterschiede zulassen und bejahen; man wird den Einigungsprozessen den Vorrang vor der vorgängigen Einheitlichkeit geben. Man kann auch - das ist der zweite Fall - beschließen, eine ganz bestimmte Aufgabe - Sache oder Lebensform - in den Mittelpunkt zu stellen: eine alte oder eine neue Gelehrtenanstalt zu sein oder eine „Gesellschaft vom Dachboden“ oder ein Kader der Weltverbesserung; dann muss eine Schule das mit ihrer Klientel und ihren Abnehmern ausmachen und die Folgen aushalten.

Grundlagenwissen wird in allen Schulen gesichert werden müssen - das Gegenteil von dem, was man durch das Internet bekommt -, und alle werden ihren Schülern die Lebenstüchtigkeit geben wollen, die man in unserer Welt braucht; Schlüsselprobleme, d. h. durchgängige Aufgaben, die unsere Gesellschaft uns stellt, werden wichtiger sein als die Disziplinen von Akademia.

Vor allem aber wird eine Schule, die die Erfahrung von Verantwortung und Politik, von Arbeit und Abenteuer, vom Leben mit der Natur, von der Zugehörigkeit zu dieser heutigen Welt nicht zu geben vermag, einen Teil der Zeit ihrer Schüler und der ihr bisher gewährten Mittel an Einrichtungen abgeben müssen, die dies können: Pfadfinder, workcamps, Vereine, Bünde, Orden, Jugendfeuerwehr oder die Einrichtungen der Jugendhilfe.

Den Hochschulen werden, weil sie schon seit langem ein Teil des Wirtschaftssystems sind, noch schamlosere Zumutungen und Avancen gemacht. Sie vor allem sollen den Standort Deutschland in der Welt sichern helfen. Dazu gibt es zwei Wege: erstens die direkte Kooperation mit dem entsprechenden Industriezweig - befreit von einengenden Gesetzen und Gremienbeschlüssen sollen sie nachgefragte Forschungsprodukte entwickeln und vermarkten können, vornehmlich in der Gentechnik und in der Elektronik; zweitens die Qualifizierung des Nachwuchses. „Humboldts Universität ist tot“, erklärt der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und setzt auf ihre Umwandlung in einen praxisnahen, effizienten Ausbildungsbetrieb.

Was man mit den Universitäten insgesamt nicht schafft, erreicht man mit einzelnen von ihnen, die - nach dem Muster anderer Länder - ihre Professoren an die Kandare der Drittmittelforschung nehmen und die Studenten einem straffen Pensum unterwerfen. Man lässt die Institute um Zuschüsse konkurrieren, bewertet sie durch auswärtige Prüfer und belohnt diejenigen Einrichtungen, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viele zum Arbeitsmarkt passende Absolventen hervorbringen.

Das könnte in einigen Bereichen der Hochschule (den „Schatzkammern der Industrieforschung“) mit dem wissenschaftlichen Byzantinismus aufräumen, mit der Besitzstandswahrung, mit dem akademischen in-breeding, mit der Vorliebe für Publikationsindices. Aber das Prinzip der Wissenschaft - nämlich, dass sie organisierte Selbstkritik ist - weicht der Herrschaft bestellter Gutachter und der Vergabeinstanzen, und die anderen Bereiche der Universität von der Jurisprudenz bis zur Slawistik, von der Psychologie bis zur Geschichtswissenschaft bleiben ohnehin davon unberührt.

Die Universitäten kranken an dem, was sie kurieren soll: an der Verengung ihres Auftrags, an der Größe der Einrichtung. am Mangel an Gespräch, an der Isolierung von der polis. Aus dem, was ein Quickborn einer „Wissensgesellschaft“ sein sollte, ist kein einziger der großen Gedanken und Anregungen der Nachkriegszeit hervorgegangen, kein Limits to Growth, keine Bürgergesellschaft, kein Konziliarer Prozess Lind keine Vorahnung der Wiedervereinigung Deutschlands, kein Brundtlandt-Bericht und kein Konzept für die Perestroika Osteuropas - allein die 68er Studentenrevolte, und die richtete sich gegen das eigene Haus.

Schulen müssen guten Unterricht geben, Hochschulen Wichtiges erforschen und einen brauchbaren Nachwuchs sichern. Aber wenn man schon meint, „dass in manchen (Bundes-) Ländern die Schule nicht mehr imstande ist, den Kindern einen Grundstock an elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln“, und wenn man schon meint, die Studenten seien „bequem und risikoscheu“ und überhaupt die falschen, die Freiheiten und Privilegien der Professoren seien kontraproduktiv, - dann muss man, bitte, mit überzeugenderen Vorschlägen aufwarten, als es unsere Parteien tun, in deren Programmen Äußerungen wie die zitierten stehen. Mit Maßnahmen wie der Verkürzung der Schul- und Ausbildungszeit, der Öffnung oder Schließung des Zugangs zum Studium, der Evaluation der Lehrenden durch die Lernenden, der Einführung oder dem Verbot von Studiengebühren - garniert mit der Forderung nach Persönlichkeitsbildung hier, Chancengleichheit da und Religionsunterricht dort - ist so gut wie nichts getan. Dies alles verspricht man in der wohl richtigen Vorstellung, das sei es, was der Wähler in der Sache erwarte. Aber müsste man diesem nicht gerade darum und jetzt sagen, wozu Bildung und Wissenschaft vor allem nötig sind - zumal die vom Staat, vom Gemeinwesen getragene und verantwortete? Und müssten die Parteien sich nicht gegenseitig mit dem Zweifel zusetzen, ob mit solchen Korrekturen die Schulen lebendiger und wirksamer, der Rang und die Bedeutung der Hochschulen erhöht werden?

In Wahlzeiten nimmt das bildungspolitische Geröll zu. Die Einrichtungen haben nichts davon, solange man sich nicht über ihren Auftrag einigt. Bildung und Wissenschaft jedenfalls kommen, wo die Parteien über sie reden, nur als Wörter vor.

 


 
 
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