Werner Hennings / Andreas Wenzel
Atlantis - Legende, Wirklichkeit oder Utopie?
Ein fächerübergreifendes Unterrichtsmaterial für Geographie und Geschichte in der Sekundarstufe II
Band 105

Leseprobe


Was bringt zwei Geowissenschaftler, die seit mehr als 25 Jahren am Oberstufen-Kolleg arbeiten, dazu sich um die Spuren von Atlantis zu kümmern ?

Sicher ist es Wissenschaft als Abenteuer, das „Abenteuer Theorie“, das wir als ein Oberthema im Rahmen des Ergänzungsunterrichts am Oberstufen-Kolleg etabliert haben. Bei diesem Oberthema interessieren uns vor allen Dingen die Prinzipien und Operationen bei der Konstruktion und Dekonstruktion wissenschaftlicher Hypothesen. Darüber hinaus ist es die Aura, welche die Geschichte von Atlantis selbst von jeher umgibt. Aber dann ist da auch der Reiz, als Geowissenschaftler einem von der Erdoberfläche verschwundenen Inselreich von beträchtlichen Ausmaßen auf die Spur zu kommen, wenn es denn existiert hat.

PLATON erzählt in seinem Dialog „Kritias“ die Geschichte von einem sagenhaften Inselreich. In aller Ausführlichkeit und Detailliertheit berichtet Kritias dem Gelehrten Sokrates den Weg der Überlieferung und die Geschichte von Atlantis selbst.

Der von Platon unvollendet hinterlassene Dialog über Atlantis, hat in den vergangenen Jahrhunderten eine Unmenge von wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Arbeiten, von Spekulationen und Phantasien angeregt, deren Autoren sich auf die Suche nach dem sagenhaften Reich gemacht haben. Tausende von Sachbüchern, Zeitschriftenartikeln wurden veröffentlicht, ebenso Romane und Gedichte oder auch Opern, in denen die Geschichte von Atlantis dargestellt wurde. Ein Thema in der Schule war Atlantis aber bisher kaum, obwohl es sich doch nahezu von selbst anbietet, denn so zahlreich wie die Publikationen selbst sind auch die Überlegungen, wo Atlantis gelegen haben mag. Hier ist fast jeder Kontinent oder jeder Ozean vertreten. Sehr konkret werden von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren mehr als 50 Lokalitäten auf der Erde als Fundorte für Atlantis benannt.

Alle Autorinnen und Autoren finden oder erfinden wissenschaftliche und unwissenschaftliche Belege, Hypothesen oder Theorien um ihre Vorstellungen zu beweisen. Sie verknüpfen hierzu Inhalte und Methoden aus den unterschiedlichsten Wissenschaften. Vor allem aber sind sie überzeugt, das Problem Atlantis abschließend geklärt zu haben. Dabei scheint jedes Mittel recht, auch wenn die Theorie noch so abenteuerlich erscheint.

Ebenso weit gestreut wie die Fundorte von Atlantis sind die Rekonstruktionen des Unterganges von Atlantis, über den es in einer von vielen Übersetzungen der Atlantis-Überlieferung heißt : „Doch später ereigneten sich gewaltige Erdbeben und Flutkatastrophen, an einem einzigen Tag und in einer Nacht voller Schrecken wurden all eure Krieger von der Erde verschlungen, und gleichermaßen verschwand die Insel Atlantis in der Tiefe des Meeres. Daher ist die See dort auch unwegsam und unerforscht, denn schlammige Untiefen halten dort die Schiffe auf, und dies kommt davon, dass dort die Insel versunken ist“ (Luce, J.V. Atlantis, Bergisch-Gladbach 1969; S. 25). War die Ursache nun ein Erdbeben, der Einschlag eines Asteroiden oder Meteoriten, ein Seebeben oder eine gigantische Vulkanexplosion? Die Überlieferung bietet viele Möglichkeiten zur Interpretation, die von den verschiedenen Autorinnen und Autoren weidlich genutzt werden.

Oder gab es Atlantis gar nicht und Platon hat sich die Geschichte ausgedacht und als politische Fiktion aufgeschrieben, wie sein Schüler Aristoteles es vermutete ?
 
 
 

Abb. 1 : 
Sah so Atlantis aus ?
Rekonstruktion in „Der Spiegel“ 
53/1998 S. 156 f.

Uns reizte als Geowissenschaftler natürlich die Frage, ob Atlantis existiert hat und wo es gelegen haben könnte, das wahre Paradies auf Erden, das es dem Mythos zufolge gewesen sein muss. 

Bei der Fülle der vorliegenden Hypothesen fanden wir es jedoch wenig sinnvoll, auf die Suche nach einem eigenen Atlantis zu gehen. Interessanter erschien es uns, das Vorgehen und die Methoden einiger Atlantis-Forscher zu überprüfen. 

Heraus kam ein vielversprechender Ansatz für einen fächerübergreifenden Kurs, der das Verständnis für das Entstehen von Theorien aus Alltagsvorstellungen und für die Auswirkungen von Theorien auf Wissenschaften und Alltagsverstehen entwickelt und die Möglichkeit für eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit ungewohnten Sichtweisen, theoretischen Modellen und methodischen Verfahren, die scheinbar Selbstverständliches und Altvertrautes in Frage stellen, bietet. 
 

3. Konstruktion der Hypothese von Otto Muck:

„Der versunkene Kontinent Atlantis lag im Atlantik“
 

3.1 Einführung

Otto Muck geht bei seiner Theorie über den Standort des versunkenen Atlantis von der Platon-Überlieferung aus, der zufolge die legendäre Insel „außerhalb der Säulen des Herakles“ gelegen haben soll - nach heutigem Verständnis also jenseits der Meeresenge zwischen Marokko und Spanien, den Bergen des Atlasgebirges einerseits und dem Felsen von Gibraltar andererseits.

Seine Hypothese basiert auf der klimatologischen Beobachtung, dass die mittleren Jahrestemperaturen der Ostküste von Nordamerika in Höhe von Neufundland und diejenigen von Westeuropa, bei gleicher geographischer Breite, signifikant verschieden sind: im Schnitt etwa 10° C niedriger in Nordamerika. Ein Befund, der zu Zeiten der letzten Eiszeit vollkommen anders aussah: Damals lagen nämlich die äußersten Grenzen der Vereisung in beiden Kontinenten etwa auf gleicher geographischer Breite, was auf gleiche Temperaturverhältnisse schließen lässt. Mucks Schlussfolgerung: Der Golfstrom sei damals nicht in Europa angekommen. Seine These: Eine „Sperrinsel X“, eben das legendäre Atlantis, habe den Golfstrom gehindert, bis nach Europa zu fließen. Erst der katastrophale Untergang der Insel habe den Weg frei gemacht und damit die Eiszeit in Europa beendet. Der Zeitpunkt des Endes der letzten Vereisung stimmt nun nach Muck wiederum ziemlich genau mit dem von Platon für den Untergang von Atlantis angegebe-nen Zeitpunkt überein: etwa vor 12.000 bis 13.000 Jahren - der Kreis schließt sich.

Bei der Konstruktion seiner Theorie über Atlantis und zur Beweisführung seiner Überlegungen benutzt Muck ein nahezu unglaublich umfassenden, vielseitiges, weit gefächertes und differen-ziertes Wissen. Er beschäftigt sich u.a. mit der Zirkulation der Meere, der Topographie des Atlantikbodens, der Glazialmorphologie, biologischer Verhaltensforschung (Wanderung der Aale), Völkerwanderungen, ur- und frühgeschichtlichen Kulturen (Neandertaler und Cro-magnon), indianischen Hochkulturen, Kontinentalverschiebungstheorien, Vulkanismus, kos-mischen Katastrophen (Meteoriten- und Planetoideneinschlägen) und Sintflutszenarien.
Die wichtigsten Stationen seiner Theoriekonstruktion haben wir als Vorlesungsskript zusammengefasst. Die Gliederung erfolgt in vier Teilen, davon sind zwei eher geographischen Inhalten zugeordnet (Teil I und IV), die beiden anderen eher geologischen Themen (Teil II und III):

Insgesamt ist das Werk so umfangreich und vielseitig, dass es uns nicht gut vorstellbar erscheint, Mucks Thesen anhand von einzelnen Textausschnitten von den Lernenden selbst erarbeiten zu lassen. Wir haben uns deshalb für den Lehrervortrag/ Vorlesung entschieden und dafür ins-gesamt 6 Doppelstunden angesetzt - eine Reduktion auf 2 oder 4 Doppelstunden ist aber mach-bar, wenn auf einzelne Teilbereiche der Gesamttheorie verzichtet wird.

Für völlig unverzichtbar halten wir jedoch die o.a. Zusammenfassung: dies wären die in der Übersicht aufgeführten Arbeitsschritte 1 - 4, Volumen: 2 Doppelstunden:
- Annahme des Standorts gemäß Platon
- Beweisführung einer „Sperrinsel X“
- Beweisführung zum Standort Azoren
- Beweisführung zum Untergangszeitpunkt

Eine Erweiterung auf 4 Doppelstunden würde dann zusätzlich aufnehmen
- Drift der Kontinente
- kataklysmatische Bewegungen im Atlantik
- kosmische Katastrophen: Planetoideneinschlag.

Abschließend noch ein Wort zum Thema „Spielregeln“. Oberstes Lernziel dieses Kursabschnitts ist das Verstehen und Nachvollziehen von Mucks „Konstruktionsprinzipien“, seine Verknüpfung von Annahmen, Hypothesen, Belegen, Überlegungen und Schlussfolgerungen. Dabei tauchen natürlich bei den Lernenden jede Menge Fragen, auch Zweifel auf. Nach unseren Erfahrungen ist es für diesen Kursteil wichtig, dass ausschließlich Fragen zum Sachverständnis zugelassen werden, damit das in sich geschlossene Gedankengebäude Mucks zunächst einmal vollständig zur Kenntnis genommen und in seiner Ganzheit gewürdigt wird. Bei Zweifeln hinsichtlich seiner Plausibilität oder bei auftauchenden Widersprüchen sollte seitens der Lehrenden darauf hingewie-sen werden, dass der dafür vorgesehene systematische Ort im Kursverlauf anschließend statt-findet: die Dekonstruktion, d.h. die systematische, wiederum in sich geschlossene Überprüfung von Mucks Theorie auf der Basis des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes (Kursteil 4).
 

5. Konstruktion und Dekonstruktion ausgewählter Atlantishypothesen

1. Einführung

In diesem Kursabschnitt stehen vier übergeordnete Lernziele im Vordergrund

  • Anhand von einer ausgewählten Atlantistheorie sollen fächer-, ja fachbereichsübergreifende Inhalte im Zusammenhang und in ihrer Ganzheit bearbeitet werden.
  • Die schon zuvor kennengelernten elementaren Operationen wissenschaftlichen Arbeitens sollen durch Anwendung an einem Beispiel in ihrer Ganzheit gefestigt werden: Konstruktion, d.h. Aufbau und Beweisführung einer Hypothese und Theorie sowie deren anschließender Dekonstruktion, d.h. Überprüfung in Lichte des aktuellen Stands wissenschaftlicher Erkenntnis.
  • Anspruchsvolle und komplexe Themen und Materialien sollen von den Lernenden selbständig (gleichwohl betreut), also schülerzentriert, bearbeitet werden.
  • Im Wechselspiel zwischen Spezialisierung (auf einen Teilaspekt eines Themas) und Übersicht über das gesamte Thema sollen moderne Arbeitsweisen und -einstellungen praktiziert werden: Individualisierung und Spezialisierung einerseits, Kooperation und Teamfähigkeit andererseits mit dem Ergebnis einer gemeinsamen Verantwortung für ein Gesamtprodukt der Arbeitsgruppe, das dann als solches auch der Öffentlichkeit (d.h. dem Kursplenum) optimal zu präsentieren wäre (Marketing, Medieneinsatz).


2. Die Hypothesen im Überblick - Auswahl

2.5 Atlantis eine politische Utopie
Der Mythos Atlantis ist immer wieder Anlass zu Überlegungen gewesen, die Insel habe überhaupt nicht existiert, sondern sei von Platon vorsätzlich nur als imaginäres Bild und Utopie benutzt worden, um seine eigenen, idealtypischen politischen Ideen anschaulich zu präsentieren und um ihnen durch den so erwiesenen historischen Bezug einen quasi empirischen Beweis zukommen zu lassen.
An diese Ideen-Konstruktion knüpfen dann auch andere Denker an, zumal solche, die überkommene Staatsideen kritisieren und neue, bessere politische Strukturen etablieren wollten. Insbesondere frühe politische Philosophen der Neuzeit und der Aufklärung beschritten diesen Weg: eine Insel, ungestört durch fremde, verderbliche Einflüsse, zur Konstruktion des idealen, isolierten Staates:
- Thomas Morus: Utopia
- Thomas Campanela: Der Sonnenstaat
- Francis Bacon: Nova Atlantis.

2.6 Atlantis Vorbild für nationalistisches und rechtsradikales Gedankengut
Ähnlich wie die Philosophen der Aufklärung agieren auch die Ideologen der Gegenaufklärung. So ist seit dem Aufkommen nationalistischer Ideen im 19. Jahrhundert Atlantis immer wieder als Vorbild für nationalistisches und rechtsradikales Gedankengut benutzt worden: Atlantis als frühe und ursprüngliche Kultur der germanischen Herrenrasse (mit wechselnden Standorten und Funden von Thule über Helgoland bis zu den Externsteinen) wurde v.a. vom Nationalsozialismus, aber auch heute von neonazistischen Bewegungen (im Internet) verbreitet.

Bei beiden Themen geht es uns um eine Auseinandersetzung mit den tragenden Gedan-ken der politisch-philosophischen Konstruktion und einer Überprüfung dieser Ideen unter der Fragestellung, was dabei von Platons Überlieferung übrigbleibt - komplementär dazu wäre ideologiekritisch nach Zweck und Sinn der jeweiligen Atlantistheorie zu fragen.

Für die Bearbeitung dieses Programms haben wir insgesamt 18 Doppelstunden angesetzt: 6 zur Vorbereitung in Kleingruppenarbeit, 12 zur Präsentation der Arbeitsergebnisse wiederum im Plenum.
Für die Umsetzung in der Schule könnte eine Beschränkung auf ein oder zwei Themen sinnvoll sein:

Als ganzheitliche, unter fächerübergreifenden Gesichtspunkten interessante Standorttheorie könnten insbesondere interessant sein:
- Marinatos Hypothese über die bronzezeitliche minoische Hochkultur, die im Kontext des explosiven Vulkanausbruchs des Thera mit anschließender Tsunami in Kreta untergegan-gen sein soll oder
- Zanggers Hypothese über das bronzezeitliche Troja, das nach Homers Überlieferung schließlich nach langem Kampf von den vereinten griechischen Heeren zerstört worden ist.

Beide Themen wären u.E., je nach zusätzlicher häuslicher Vorbereitungszeit, in 4 - 6 Doppel-stunden machbar. Für eines der beiden philosophisch-politischen Themen müssten dann noch einmal 2 -3 Doppelstunden angesetzt werden.
 


 
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