Ida Hackenbroch-Krafft und Helga Jung-Paarmann in Zusammenarbeit mit Walter Mentz
Arbeit mit Texten zum Thema „Glück“
Methoden zum Erschließen und Verfassen von Sachtexten in der Oberstufe

Band 116

Leseprobe


  • "Besser Jammern"

  • Lesetechniken / Textbearbeitung - Zusammenfassung - Bewertung
  

1. Wo steht die Kernaussage des Artikels?.....(Markieren)
2. Welche Funktion hat der 1. Abschnitt?......(Stichwort am Rand)
3. Worum geht es in den letzten beiden Abschnitten?....(Stichwort am Rand)
4. Analysieren Sie: Welche möglichen Gründe für das überraschende Ergebnis der Unter-
     suchung werden genannt?.....(am Rand nummerieren + Stichwort)


Besser jammern

von Jochen Paulus


 



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Hartnäckigen Gerüchten zu-
folge jammern die Ostdeutschen
beständig. Der prominente US-
Psychologe Martin Seligman be-
trachtete den Osten gar als riesiges
„Hilflosigkeitsexperiment": Wenn
einem das eigene Schicksal aus
den Händen genommen werde, so
seine Theorie, löse das Depressio-
nen aus.
Doch das triste Bild, das viele
psychologische Untersuchungen
bisher vom Osten zeichneten, hat
einen gravierenden Makel: Es
beruht im Wesentlichen auf der
Selbstauskunft der Ostdeutschen,
erfasst also nur die gefühlte Stim-
mung. Objektive Daten liefert
dagegen nun eine Großstudie des
Münchner Max-Planck-Instituts
für Psychiatrie, für die' 4000 reprä-
sentativ ausgewählte Teilnehmer
aus beiden Hälften Deutschlands
psychiatrisch untersucht wurden.
Das Ergebnis?
Überraschung! Trotz Arbeits-
losigkeit und Zukunftssorgen sind
die Ossis psychisch gesünder als
die Wessis. Deren Depressionsri-
siko ist um horrende 52 Prozent
höher. Krankheiten mit psychi-
schen Ursachen ereilen den ge-
plagten Wessi mit. einer um 37
Prozent größeren Wahrscheinlich-
keit. Und die soziale Phobie, das
Syndrom der extremen Kontakt-
schwierigkeit, grassiert unter Wes-
sis mehr als doppelt so häufig. Die
früheren Mitglieder des trinkfreu-
digen Ostblocks schaffen es sogar





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nur halb so oft dem Alkoholismus
zu verfallen. Und das, obwohl sie
mehr bechern.
Leider verrät die aufwändige
Datensammlung nicht, warum es
den Ossis so gut geht. Das mit der
Auswertung beschäftigte Psycho-
logenteam der TU Dresden um
Frank Jacobi kann nur rätseln.
Vielleicht liege es ja daran, „dass
Konkurrenz, Neid und die Nei-
gung zum sozialen Vergleich“ im
Osten weniger verbreitet seien.
Das klingt einleuchtend. Wer nicht
ständig beweisen muss, dass er der
Größte ist, tut sich leichter im
Umgang mit Mitmenschen. Wer
sich nicht ständig an Supermodels
misst, fällt weniger leicht in eine
Magersucht oder eine Bulimie, die
unter Westler(inne)n viermal
häufiger als im Osten ist. Und
beim Zechen bewähren sich wo-
möglich die Reste der Kollektiv-
ideologie, spekulieren die For-
scher. Wer mit anderen säuft,
schädigt zwar seine Leber, wird
aber nicht so leicht süchtig wie der
einsame Trinker zu Hause.
Auch die alte Erkenntnis, dass
die Ossis lauter klagen als die
Wessis, (die von der neuen Unter-
suchung bestätigt wird), erscheint
so in neuem Licht: Vielleicht ist es
ja gerade das gemeinsame Jam-
mern, das der Psyche gut tut. Da-
von können die Wessis nur lernen:
Künftig also bitte weniger gegen-
einander, sondern mehr miteinan-
der klagen.

                In: Die ZEIT, 12.6.03
 
 




  • HINWEISE zu:   "Besser Jammern"

  • Lesetechniken / Textbearbeitung - Zusammenfassung - Bewertung

  • Inhaltlich eignet sich der Text dazu, nach dem persönlichen und individuellen Blick auf das Glück nun den soziologischen Aspekt - Glück als "subjektives Wohlbefinden" einer Gruppe von Individuen - anzusprechen. Methodisch geht es einerseits um die Anwendung von Lesetechniken, andererseits um Analyse und Bewertung.
  

1. Wo steht die Kernaussage des Artikels?.....(Markieren)
2. Welche Funktion hat der 1. Abschnitt?......(Stichwort am Rand)
3. Worum geht es in den letzten beiden Abschnitten?....(Stichwort am Rand)
4. Analysieren Sie: Welche möglichen Gründe für das überraschende Ergebnis der Unter-
     suchung werden genannt?.....(am Rand nummerieren + Stichwort)


Lösungsvorschläge:

Zu 1:  Trotz Arbeitslosigkeit und Zukunftssorgen sind die Ossis psychisch gesünder als die Wessis.(Z. 30-34)

Zu 2:  Einleitung (irrtümliche Annahme, die später richtig gestellt werden wird)

Zu 3:  Es geht um mögliche Gründe für das überraschende Untersuchungsergebnis.

Zu 4:  Drei mögliche Gründe für das objektive psychische Wohlbefinden der Ossis werden genannt:

  • weniger Konkurrenz, da weniger sozialer Vergleich - Z. 51-63
  • mehr Geselligkeit (Reste von Kollektivideologie) - Z. 64-70
  • gemeinsames und lautes Jammern tut der Psyche gut - Z. 74-76


  • Weitere Aufgaben und Lösungsvorschläge:

  • 1. Zusammenfassung in 2 Sätzen (schriftlich, vgl. Aufgabenblatt)
1.Satz  
Beschreibung des Textes Beispiel
  • Erscheinungsort und -jahr
  • Textart / Gattung
  • Titel / Thema / Problem
  • Autor/in samt Fachrichtung
In dem Zeitungsartikel "Besser jammern" von Jochen Paulus (DIE ZEIT, 12.6.2003) geht es um die Frage, ob das Klagen über "gefühltes Unglück" glücklicher macht bzw. Depressionen verhindert.
2.Satz  
Informationen zum Inhalt Beispiel
  • zum Anlass für den Text
  • zur Problemstellung
  • zum Vorgehen
  • zu Schlussfolgerungen
Der Autor berichtet von einer psychologischen Studie, die nachweist, dass es in der ehemaligen DDR - entgegen gängiger Meinung - weniger Depressive, Magersüchtige und Alkoholkranke gibt als in den alten Bundesländern, und die eine Erklärung dafür in der positiven Wirkung des - gemeinsamen - Klagens sieht.


  • 2. Bewerten und Reflektieren (Unterrichtsgespräch):

               Analyse, hier: Intention des Autors und Zeitbezug

  • Der Artikel ist in einer Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit verfasst. Er knüpft offenbar an ein zum Zeitpunkt des Erscheinens im Bewusstsein der Leser vorausgesetztes Bild von ehemaligen DDR-Bürgern an, denen - oft spöttisch - nachgesagt wurde, dass sie ihre Situation nach der Wiedervereinigung zu Recht oder zu Unrecht oft und laut beklagten. Diesem karikierenden Bild stellt der Autor eine ernst zu nehmende Studie entgegen, bei der sich herausgestellt hat, dass das gemeinsame "Jammern" positive Wirkung hat und dass es möglicherweise in der Grundhaltung und Tradition eines im Osten stärkeren Gemeinschafts sinnes begründet ist. Ähnlich wird erklärt, warum weitere mit Depressivität verbundene Krankheiten in den neuen Bundesländern seltener seien: Alkoholismus (Trinken in fröhlicher Gemeinschaft anstatt in Einsamkeit) und Magersucht (weniger starke Beeinflussung durch "Supermodels" und Medien).





  • 3. Wiederholunq von Techniken der Textbearbeitunq


  • Zu Beginn des Kurses sollte man noch einmal ausdrücklich die Frage einer sinnvollen Textbearbeitung ansprechen und die Schülerinnen und Schüler an Techniken des Markierens von Schlüsselwörtern/Schlüsselsätzen sowie das Anbringen von Randnotizen erinnern. Es ist gut, wenn sie ihre Bearbeitungen untereinander vergleichen; man kann ihnen auch eine "Musterlösung" zeigen:


Besser jammern

von Jochen Paulus


 



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Hartnäckigen Gerüchten zufolge jammern die Ostdeutschen beständig. Der prominente US- Psychologe Martin Seligman betrachtete den Osten gar als riesiges „Hilflosigkeitsexperiment": Wenn einem das eigene Schicksal aus den Händen genommen werde, so seine Theorie, löse das Depressionen aus. Doch das triste Bild, das viele psychologische Untersuchungen bisher vom Osten zeichneten, hat einen gravierenden Makel: Es beruht im Wesentlichen auf der Selbstauskunft der Ostdeut-
schen, erfasst also nur die gefühlte Stimmung. Objektive Daten liefert dagegen nun eine Großstudie des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, für die 4000 repräsentativ ausgewählte Teilnehmer aus beiden Hälften Deutschlands psychiatrisch untersucht wurden. Das Ergebnis?Überraschung!
Trotz Arbeitslosig-
keit und Zukunftssorgen sind die Ossis psychisch gesünder als die Wessis.
Deren Depressionsrisiko ist um horrende 52 Prozent höher. Krankheiten mit psychischen Ursachen ereilen den geplagten Wessi mit. einer um 37 Prozent größeren Wahrscheinlichkeit. Und die soziale Phobie, das Syndrom der extremen Kontaktschwierigkeit, grassiert unter Wessis mehr als doppelt so häufig. Die früheren Mitglieder des trinkfreudigen Ostblocks schaffen es sogar, nur halb so oft dem Alkoholismus zu verfallen.




zu 2.:
Auf-
hänger



















zu 1.:
Kern
aus-
sage














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Und das, obwohl sie mehr bechern. Leider verrät die aufwändige Datensammlung nicht, warum es den Ossis so gut geht. Das mit der Auswertung beschäftigte Psychologenteam der TU Dresden um Frank Jacobi kann nur rätseln. Vielleicht liege es ja daran, „dass Konkurrenz, Neid und die Neigung zum sozialen Vergleich“ im Osten weniger verbreitet seien. Das klingt einleuchtend. Wer nicht ständig beweisen muss, dass er der Größte ist, tut sich leichter im Umgang mit Mitmenschen. Wer sich nicht ständig an Supermodels misst, fällt weniger leicht in eine Magersucht oder eine Bulimie, die unter Westler(inne)n viermal häufiger als im Osten ist. Und beim Zechen bewähren sich womöglich die Reste der Kollektivideologie, spekulieren die Forscher. Wer mit anderen säuft, schädigt zwar seine Leber, wird aber nicht so leicht süchtig wie der einsame Trinker zu Hause. Auch die alte Erkenntnis, dass die Ossis lauter klagen als die Wessis, (die von der neuen Untersuchung bestätigt wird), erscheint so in neuem Licht: Vielleicht ist es ja gerade das gemeinsame Jammern, das der Psyche gut tut. Davon können die Wessis nur lernen: Künftig also bitte weniger gegeneinander, sondern mehr miteinander klagen.


                In: Die ZEIT, 12.6.03




zu 3.: Hypothesen
zur Kernaus-
sage



zu 4.:
Gründe: (1) weniger
Neid und Kon-
kurrenz









(2)
Kollektiv-
ideologie








(3)
gemeinsames
Jammern





 
 


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