Exzellenzinitiative
 
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Universität Bielefeld
  

Starke Partner: Graduiertenschule von Soziologen und Historikern

Die Universität Bielefeld ist seit ihrer Gründung stark in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Bielefeld Geschichtswissenschaft wurde von international herausragenden Forschern wie Reinhart Koselleck, Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka geprägt. Und an der (wahrscheinlich weltweit größten) Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld lehrte mit Niklas Luhmann jahrzehntelang einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Der exzellente Ruf der Bielefelder Soziologen und Historiker münzt sich nun auch im Rahmen der Exzellenzinitiative aus:

Fast sechs Millionen Euro aus dem Topf der Exzellenzinitiative erhält die neu zu gründende Graduiertenschule „Graduate School in History and Sociology“ in den kommenden fünf Jahren zur Förderung und Ausbildung hervorragender Doktoranden. „Damit sind wir international konkurrenzfähig“, freut sich ihr Sprecher Prof. Dr. Jörg Bergmann. Getragen wird diese Graduiertenschule von beiden Fakultäten: Die gleichzeitige Beteiligung von Soziologen und Historikern macht sie im Vergleich zu anderen einzigartig.
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Die enge Zusammenarbeit kommt nicht von ungefähr: „Es gibt wechselseitig starke theoretische Einflüsse und etablierte Forschungs- und Ausbildungsbeziehungen“, sagt Bergmann. Und nicht zuletzt haben beide Fakultäten – nach wie vor eine Ausnahme in Deutschland - bereits funktionierende Graduiertenschulen. Der Zusammenschluss, betont Bergmann, stelle nicht nur eine Herausforderung durch die Auseinandersetzung mit einer benachbarten Disziplin dar, sondern schärfe auch den Blick für das eigene Fach.

Anders als in angelsächsischen Ländern existiert eine wirkliche Doktorandenausbildung im deutschsprachigen Raum bislang traditionell nicht oder seit wenigen Jahren erst vereinzelt. „Doktoranden werden individuell von ihren Professoren ausgesucht und sind dann extrem von ihnen abhängig. Überspitzt gesagt, bestand ihre Ausbildung lange vorrangig darin, für den Professor zu arbeiten; und ab und an fiel etwas Beratung ab“, erklärt Bergmann. Der Soziologe spricht aus eigener Erfahrung: „Ich habe meinen Chef abends stets mit dem Auto zum Bahnhof gebracht. Da konnte er nicht entkommen, und ich hatte meine Beratung.“

Strukturierte Ausbildung von Doktoranden – und Quereinsteiger sind dabei

Graduiertenschulen sollen die Ausbildung der Doktoranden strukturieren. „Wir wollen Doktoranden nicht als fertige Wissenschaftler nehmen, sondern sie auch vor Überbeanspruchung schützen und ihnen mit einer unterstützenden Infrastruktur zur Seite stehen.“ Diese Infrastruktur besteht aus Beratung, Seminaren, Gastvorträgen externer Referenten, aus Workshops und der Finanzierung der Teilnahme an Konferenzen. Zugleich soll damit die individuelle Bindung zwischen Professor und Doktorand, soll die starke Abhängigkeit aufgebrochen werden.

„An der Fakultät für Soziologie haben wir vor fünf Jahren die erste Graduiertenschule eingerichtet“, erzählt Bergmann. Sie hatte Modellcharakter und wurde durch Mittel des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) aus dem Topf „Promotion an Hochschulen in Deutschland (PhD)“ ermöglicht. Nachdem diese Förderung beendet war, lief die Graduiertenschule mit „Bordmitteln“ der Fakultät und Unterstützung der Universität weiter – aber eben auf Sparflamme.

Das wird sich nun ändern – dank der Millionen, die fließen werden. Den Doktoranden wird eine Grundstruktur, eine Minimalanforderung an Ausbildung geboten, spezifische Seminare, die sich nur an die Graduierten richten – ohne, dass sie deshalb weitere Leistungsnachweise erbringen müssen, wie vielfach gefürchtet. Von den Seminaren werden ausländische Doktoranden und Quereinsteiger anderer Disziplinen besonders profitieren. „Im Extremfall kann auch ein Ingenieur in Soziologie promovieren. Aber natürlich muss ich von ihm mehr als Grundkenntnisse des Faches verlangen, muss erwarten können, dass er Max Weber, Adorno und Niklas Luhmann kennt. Aber wenn er ein origineller Geist ist, ist das wichtiger als die Frage, was er bisher gemacht hat.“

Die Fördermittel sollen aber auch helfen, Feldforschungen oder Archivstudien der Doktoranden zu finanzieren und ihnen die Reise zu Symposien zu ermöglichen. Bergmann und seinen Kollegen hoffen zudem, einen Gastprofessor für ein Semester einladen zu können und einen „Star“ ihrer Zunft vielleicht für eine Woche zu gewinnen – zu einer „Bielefeld annual lecture series“. Regelmäßig soll es zudem eine „Autumn school“ geben, organisiert von den Doktoranden selbst. Denn auch die Organisation von  Tagungen gehört heute zum „Handwerkszeug“.

Attraktive Stipendien und aktuelle Forschungsfelder

Ein großer Teil der Gelder aber – etwa 40 Prozent -  wird in Stipendien fließen. Sie werden höher als üblich dotiert sein und eine Laufzeit von drei Jahren mit der Chance auf eine zweimalige Verlängerung von jeweils sechs Monaten haben. „Das wird unsere Graduiertenschule sehr attraktiv machen. Und das ist auch nötig, weil wir mit Paris und Florenz konkurrieren.“

Insgesamt 160 Nachwuchswissenschaftler sollen in den kommenden fünf Jahren an der neuen „Schule“ auf dem Weg zur Promotion begleitet werden. Neben der Betreuung der wissenschaftlichen Arbeit, betont Bergmann, werde man den Doktoranden auch helfen, Berufs- und Tätigkeitsfelder zu erschließen.  Denn erfahrungsgemäß werden nicht alle eine Laufbahn an einer  Hochschule anstreben (können).  Für die, die eine akademische Karriere im Auge haben, wird am Zentrum für interdisziplinäre Forschung  (ZiF) der Universität eine Nachwuchs-Forschergruppe eingerichtet.

Es sind, auch wenn individuell gewählte Dissertationen möglich sind,  vor allem sechs Themenstränge,  die in den Doktorarbeiten verfolgt werden sollen: Etabliert sind die Felder „Wissenschafts- und Technikforschung“ („Science and technology studies“), „Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“ („The political as a communicative space in history“) - dazu existiert an der Abteilung Geschichtswissenschaft ein Sonderforschungsbereich - und „Weltgesellschaft“ („World societies“). Neu für sich entdeckt haben Historiker und Soziologen die Themen „Historische und vergleichende Semantik“ („Historical and comparative semantics“) (wobei es um historische und soziologische Grundbegriffe geht, die im Laufe der Zeit durchaus unterschiedlich verstanden wurden), „Soziale Ungleichheit“(„Social Inequalities“) und „Verwandtschaftsstrukturen“(„Kinship“). Gerade die beiden letztgenannten Themen liegen in der Luft und werden die Sozial- und Geisteswissenschaftler in den kommenden Jahren beschäftigen.
Bergmann zweifelt daher nicht daran, dass nicht nur hervorragende junge Wissenschaftler von der Ausbildung an der neuen Graduiertenschule profitieren werden, sondern dass von ihren Dissertationen ebenso Anregungen für die Zunft zu erwarten sind.