Forschungsgruppe Biographie- und Kulturanalyse aqua.rium: Arbeitsforum qual.-emp. Abschlussarbeiten Universität Bielefeld

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Anja Kölkebeck: Frauen und familiale Pflege

Biographische Fallstudien zum Erleben und Handeln pflegender Töchter
(Dipl.)

Die Pflege eines Familienangehörigen im häuslichen Kontext wird in der Regel von Frauen geleistet und ist mit einer Vielzahl von Anforderungen und zum Teil gravierenden Auswirkungen auf das Leben der Pflegenden verbunden. Dabei kommt es häufig zu Überlastungssituationen der Pflegenden. Es ist daher von großer Wichtigkeit, das Erleben der Frauen, die die Pflege eines Angehörigen übernommen haben, zu untersuchen.

In der Literaturstudie zeigte sich, dass es wenig Literatur zum konkreten Erleben der Frauen, die pflegen gibt. Als ein Resümee der Diskussion des Forschungsstandes lässt sich jedoch feststellen, dass eine Diskrepanz zwischen den äußeren Rahmenbedingungen der Pflegesituation und deren individuellem Erleben bzw. der individuellen Gestaltung durch die Pflegende deutlich wird. Dieses subjektive Erleben kann wiederum nicht nur aus der aktuellen Pflegesituation (Beziehung, Belastung, Pflegebedürftigkeit etc.) heraus verstanden werden, sondern macht die Einbeziehung des konkreten biographischen Hintergrundes unabdingbar, das heißt die Einbeziehung von Erfahrungen und Erwartungen - auch im Hinblick auf die gemeinsame Biographie von Eltern und (Schwieger-)Tochter. Als Analyseperspektive wurden demzufolge in Anlehnung an Alfred Schütz die Begriffe „Lebenswelt“, „Biographie“, „Erleben“ und „Erfahrung“ zugrunde gelegt. Als methodologisches Rahmenkonzept diente die „Grounded Theory“.

Vor dem Hintergrund der Literaturanalyse wurde der Frage nachgegangen, wie Frauen die Pflege eines Familienangehörigen erleben und welche Handlungsmuster deutlich werden. Als Datengrundlage dienten drei narrativ-biographische Interviews mit pflegenden (Schwieger-)Töchtern. Über die Analyse der ersten Erzählung ließen sich die Analysekategorien „das eigene Leben“, „die Verwobenheit der Biographien“ und die „Erfahrungen in der Pflegesituation“ identifizieren. Durch systematische Vergleiche als ein zentrales Merkmal der „Grounded Theory“ wurde die Analyse unter Einbeziehung der weiteren Fallbeispiele fortgeführt. So ließen sich Differenzen im Erleben unter äußerlich zunächst ähnlichen Rahmenbedingungen herausarbeiten. Dies ist auch ein zentrales Ergebnis der Studie: Die Situation pflegender Töchter lässt sich nicht über äußerliche Parameter begreifen. Vielmehr muss die Situation in ihrer Individualität begriffen werden, die sich aus den biographischen Komponenten und alltagsweltlichen Strukturen ergibt. Insbesondere im Hinblick auf die „Verwobenheit der Biographie“ zeigt sich, dass die Etablierung des Pflegeduals in die gemeinsame lebensgeschichtliche Erfahrungsstruktur eingebettet ist. Diese Erfahrungen bestimmen auch das Erleben und die Handlungsmöglichkeiten (in) der Pflegesituation und ermöglichen deren Bewältigung oder behindern diese.

Als Konsequenz für die Praxis bedeutet dies, dass sowohl in krisenhaften Pflegesituationen als auch präventiv eine biographisch orientierte Beratung sinnvoll ist. Es hat sich in den Fallstudien gezeigt, dass Hilfsangebote nur dann wirksam sind, wenn sie an die biographische Struktur anschlussfähig sind.

 
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