Universität Bielefeld Dokumente Universität Bielefeld

Universität |  International |  Benutzer | 
 Sie befinden sich hier:
 · Universität Bielefeld
   · Universität
     · Einrichtungen
       · Pressestelle
         · Dokumente
 
Dokumente
 
· Reden
 
· Pressedienst Forschung

 

Menschen in Heimen

Presseerklärung

Die Forschungsarbeitsgemeinschaft "Menschen in Heimen" der Universität Bielefeld hat den Deutschen Bundestag aufgefordert, in der nächsten Legislaturperiode eine Heim-Enquête-Kommission einzurichten. Der Aufruf wurde von 20 namhaften Wissenschaftlern und Experten unterstützt.

Ihrer Meinung nach kann die Situation von behinderten, psychisch kranken und pflegebedürftigen Menschen in Heimen nicht zufriedenstellen. Daher ist es notwendig, die Versorgungsprobleme politisch zu thematisieren und grundlegend aufzuarbeiten. Die Arbeitsgemeinschaft wirft die Frage auf, ob das Heimsystem in seiner jetzigen Form den Persönlichkeitsrechten und den Ansprüchen des heutigen Menschen nach Individualisierung noch genügen kann. Sie fordert eine Versorgung, die die individuellen Bedürfnisse, das soziale Umfeld und die Fähigkeiten der Hilfe- und Pflegebedürftigen mit einbezieht.

Die Versorgungsprobleme werden in Zukunft noch zunehmen. Die Zahl der pflegebedürftigen und behinderten Menschen nimmt aufgrund der steigenden Lebenserwartung zu. Hochrechnungen ergeben, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2040 verdoppeln wird. Dagegen nimmt der Anteil der jüngeren Bevölkerung ab. Zusätzlich zu der Frage, wie die konkrete Versorgung in den Einrichtungen verbessert werden kann, ergeben sich weitere Probleme. Wer kann die Versorgung leisten und wie kann sie finanziert werden?

Den Unterstützern ist bekannt, dass die grundlegende Infragestellung des Versorgungssystems Heime zu einer lebhaften Auseinandersetzung aller Beteiligten und Betroffenen führen muss.

Der Aufruf hat bei Politikern, Betroffenen, Angehörigen, Pflegenden und Verbänden zu vielfältigen Reaktionen geführt. Trotz unterschiedlicher Meinungen besteht Einigkeit darin, dass es einer grundlegenden politischen Auseinandersetzung bedarf, da die derzeitige Versorgungssituation in vielen Bereichen veränderungsbedürftig ist.

Am 21. März 2002 hat die Initiative in der Stadthalle Bielefeld einen eintägigen Workshop veranstaltet. Etwa 250 Teilnehmer aus Politik, Behörden, Wissenschaft, Verbänden (Wohlfahrtsverbände, Berufs- und Interessensverbände) und aus der Praxis der psychiatrischen Versorgung, der Behinderten- und der Altenhilfe (Betroffene, Angehörige, Heimleiter, Pflegende, Beratungsstellen, Behindertenbeauftragte), lieferten sich eine spannende Diskussion. In verschiedenen Vorträgen wurden die Probleme der Versorgung noch einmal benannt:

Die meisten betroffenen Menschen leben in ihrer häuslichen Umgebung. Das betrifft sowohl die psychiatrische Versorgung, als auch den Bereich der Alten- und Behindertenhilfe. Mit zunehmender Ambulantisierung unterliegen die Heime aber einem Bedeutungswandel. Es hat sich eine Gruppe von besonders schwierigen oder schwerstpflegebedürftigen Menschen gebildet, für die die derzeitige ambulante Versorgung nicht ausreicht und die deshalb auf eine stationäre Versorgung angewiesen ist (Sennewald, Sozialministerium NRW). Besonders Pflegeheime sind zusehends weniger Stätte langjährigen Wohnens, sondern Orte der Pflege und Bewältigung meist schwerer chronischer Krankheiten. Die Reform- und Anpassungsbemühungen der letzten Jahre greifen zu kurz, weil sie zu sehr an politischen und finanziellen Gesichtspunkten und zu wenig an den Veränderungen des Bedarfs orientiert sind. Professorin Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld betont, dass es nicht nur darum gehen kann, die Versorgungs- und Pflegequalität zu erhöhen, sondern dazu beizutragen, dass auch am Ende des Lebens ein qualitativ hochwertiges Leben möglich ist. Dazu gehört auch der gesellschaftlich häufig tabuisierte Umgang mit Sterben und Tod.

In den Einrichtungen der Behindertenhilfe haben in den letzten Jahren viele Reformen stattgefunden. Nach wie vor aber werden behinderte Menschen häufig noch in eine passive Rolle gedrängt und damit ihrer individuellen Entwicklungsmöglichkeiten beraubt und ihrer Selbstbestimmung enthoben. Dr. Bettina Lindmeier von der Universität Oldenburg fordert deshalb eine stärkere Lebensweltorientierung und individuellere Förderung. "Niemand muss wegen Art und Ausmaß der Behinderung sein Leben in einer Institution verbringen, wenn entsprechende Hilfen vorhanden sind", betont Uwe Frevert von der Selbsthilfeorganisation "Selbstbestimmt Leben".

Prof. Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch (DGGP) zeigt Missstände in Heimen auf. "Alle wissen davon, aber keiner spricht darüber". Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner (FAG) begründet den Ansatz der Forschungsarbeitsgemeinschaft, das Heimsystem insgesamt in Frage zu stellen. Er plädiert dafür, dass sich Politiker und letztlich sich alle der "unendlichen, unmöglichen, aber eigentlich demokratischen Überforderung aussetzen müssen, die Gesellschaft vom Schwächsten her, also von unten herauf zu denken". Selbst wenn dann im Extremfall dabei herauskommen sollte, dass die doppelte Zahl von Heimplätzen notwendig ist, würde auch dies dem Ziel der Arbeitsgruppe entsprechen.

Einigkeit besteht darin, dass das Thema Pflege und Heime ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema ist, das in der öffentlichen Diskussion mehr Beachtung benötigt. Der Umgang mit den Schwachen zeigt nach Ansicht von Angelika Gemkow (CDU, MdL) das soziale Gesicht einer Gesellschaft. In Nordrhein-Westfalen wurde bereits auf Antrag der CDU eine Enquête zur Zukunft und Situation der Pflege beschlossen. Die Vertreter der Wohlfahrtsverbände (Dr. Eberhard Jüttner, DPWV und Gertud Löhken-Mehring, AWO) betonen, daß mit einer Beschreibung der Problemsituation in Heimen nicht die Mitarbeiter diffamiert werden dürfen, die hochmotiviert seien. Die Probleme in Heimen seien vor allem strukturell und funktional bedingt.

Bei der Frage, welche Schritte für eine Verbesserung der Situation gegangen werden müssen, kristalisieren sich folgende Punkte besonders heraus: Die professionell stationären und ambulanten Sorgeangebote müssen überprüft und flexibilisiert werden. Es gilt, das Sorgepotential der familiären Netzwerke zukunftsfähig zu machen und das bürgerschaftliche Engagement zu stärken. Dazu sind nach Meinung von Ulrike Knebel (Alzheimer- Gesellschaft) abgestufte Versorgungsangebote, z.B. familienähnliche Wohngemeinschaften und die Einbeziehung der Angehörigen, therapeutische Angebote, eine angemessene fachärztliche Versorgung, die Qualifizierung der Mitarbeiter und ein entsprechender Personalschlüssel notwendig. Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände ist es notwendig, die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen Pflege geleistet wird, in den Blick zu nehmen und konkrete Vorschläge zu erarbeiten. Ziel ist es, eine handlungsfähige Enquête-Kommission zu bilden, die kurz-, mittel- und langfristige Ziele und deren Umsetzungsmöglichkeiten klar formuliert. Trotz einiger Meinungsverschiedenheiten wollen alle die Versorgungsituation behinderter, psychisch kranker und pflegebedürftiger Menschen nachhaltig verändern.

Eine Veränderung der Heimversorgung ist aber nur möglich, wenn bei allen Beteiligten das notwendige Problembewußtsein entsteht. Der durch den Aufruf bereits eingeleitete Diskussionprozess ist für einige Teilnehmer der Anlass, in ihrer Region oder in ihrem Arbeitsbereich Arbeitsgruppen zu bilden, die sich mit diesem Problem beschäftigen.

Kontakt: Forschungsgemeinschaft "Menschen in Heimen", Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Dr. Elisabeth Hopfmüller, Beate Röttger-Liepmann, Telefon: 0521/106 3834.


 
Zum Seitenanfang