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Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler, Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld am 14. Juni 2002 (Jahresempfang der Universität Bielefeld)

Amerikanischer Nationalismus, Europa, der Islam und der 11. September 2001

Historiker gelten als rückwärtsgewandte Propheten. Verdient also das Unternehmen heute, über einige Probleme unserer unmittelbaren Gegenwart zu sprechen, nur einen ironischen Kommentar, etwa: Schuster, bleib bei deinem Leisten? Tatsächlich haben Historiker seit jeher zu Gegenwartsproblemen Stellung bezogen. Auch die Prominenz des Historismus scheute keineswegs, wie man an Ranke und Droysen verfolgen kann, vor der Zeitgeschichte zurück. Zwar ist die Zeitgeschichte als Fachdisziplin eine genuine Erfindung an den Universitäten der frühen Bundesrepublik, um mit der schrecklichen jüngsten Vergangenheit überhaupt wissenschaftlich umgehen zu lernen. Aber Zeitgeschichte in einem allgemeinen Sinn entspricht geradezu – soviel nur schnell zur Erklärung des Themas und zur Selbstverteidigung – einer langlebigen Tradition der Geschichtswissenschaft. Es handelt sich daher nicht um eine Verletzung der angeblich goldenen Regel, wonach man einen möglichst großen zeitlichen Abstand gewinnen müsse, um ein historisches Phänomen abwägend beurteilen zu können. Entscheidend ist vielmehr immer die Klarheit der Fragestellung, die Legitimierbarkeit der erkenntnisleitenden Interessen, die stets gebotene Disziplinierung des Urteils.

In diesem Sinn greife ich - durch und durch als Zeitgenosse, der gelegentlich auf historische Kenntnisse vertraut - das entmutigend weitläufige Thema auf. Mein Interesse richtet sich auf vier Punkte, für die ich auf eine gewisse Aufmerksamkeitsabzweigung ihrerseits hoffe.

1. Mit welcher Form des Nationalismus haben wir es bei der einzigen Weltmacht der Gegenwart, der imperialen Republik in Nordamerika, zu tun? Welchen nationalpolitischen Überzeugungen, die auch Interessenlagen einhüllen, sehen sich die Mitglieder der Europäischen Union gegenüber? Ich versuche, das an einigen Grundlinien des amerikanischen Nationalismus zu erörtern.

2. Was unterscheidet andererseits die politische Erfahrungswelt der Europäer von dem einstigen Ableger Europas in der Neuen Welt? Ich versuche, das am Beispiel des eher skeptischen Denkstils der europäischen Politik zu diskutieren.

3. Welche Probleme wirft der Islam, nicht nur der militante fundamentalistische Islamismus, für Amerikaner und Europäer auf – keineswegs erst seit dem 11. September, aber erst recht seither? Ein naiver Multikulturalismus hat zahlreiche Probleme verdrängt, anstatt sich ihrer Härte zu stellen. Ich versuche, einige Gegensätze hervorzuheben, anstatt sie mit exzessiver Toleranz weiter zu verkleistern.

4. Im Zusammenhang damit möchte ich ein gravierendes Problem der EU-Politik aufgreifen. Das ist das Problem ihrer unbestimmten Grenzen nach Osten, Südosten und Süden. Ich versuche, den Entscheidungszwang, dort Grenzen zu definieren, am Beispiel der Türkei zu erörtern. Denn so wie die Bundesrepublik kein Ausländerproblem hat, sondern nur ein Problem mit türkischen Moslems, so werfen für Europa nicht die Baltischen Staaten, Polen oder Ungarn prinzipielle Fragen auf, sondern das tut allein der ins Auge gefasste Beitritt der Türkei. Das sind heikle Thesen. Eine solche Kritik werden Gutmenschen womöglich als fremdenfeindlich denunzieren, so abstrus mir selber das auch vorkäme. Aber bei einer historisch angeleiteten Diagnose brauche ich nicht die betuliche Rücksichtnahme vieler Politiker zu üben. Auch sie könnten aus den fatalen Erfolgen von Rechtspopulisten wie Le Pen und Fortuyn, Berlusconi und Bossi allmählich lernen, dass es um sehr diskussionsbedürftige Probleme geht, welche die etablierten Parteien allzu gern unter den Teppich kehren.

Zu 1. Zunächst zum amerikanischen Nationalismus. In den Gründungszeiten von Staaten bildet sich außer den Institutionen gewöhnlich ein ideelles Großklima heraus, das fortab lange Zeit über diesen Staaten stehen bleibt. Das kann man etwa nach der Französischen Revolution, nach der deutschen Reichsgründung von 1871, nach der Gründung der Bundesrepublik beobachten. Der Befund trifft auch auf die Vereinigten Staaten zu. In Nordamerika entstand eine Republik, die sich von Anfang an als Nation verstand. Da der Begründungszwang, eigene Legitimationsvorstellungen während der revolutionären Krise und des Unabhängigkeitskrieges gegen England zu entwickeln, besonders hartnäckig spürbar war, hat es an offenherzigen Argumenten nicht gefehlt, zumal es zu diesem Zeitpunkt schon eine mehr als hundertjährige Vorgeschichte der Aufwertung von Eigenständigkeit in den transatlantischen Kolonien gab.

Denn mit den ersten Siedlern an der „neuenglischen“ Küste war auch der puritanische Auserwähltheitsglaube gekommen, der ursprünglich in religiöser Dogmatik, später dann in säkularisierter Form die entstehenden Gemeinwesen als das neue „amerikanische Israel“, das „Neue Zion“, das „Neue Jerusalem“ als „die leuchtende Stadt auf dem Berge“ aufwertete. Dem auserwählten Volk, das daheim nicht geduldet worden war, sollte eine Heimstätte geschaffen werden, in der sich die Regeneration von den Belastungen, die Distanzierung von den Lastern der Alten Welt vollziehen konnte.

Diese Abwendung von Europa entsprach die Hinwendung zu den Gebieten westlich der Küste als einem neuen „Garten von Eden“, in dem der unberührte Boden gewissermaßen die artifizielle Jungfräulichkeit der edlen Gesinnung zu erhalten erleichterte. Mit solchen Hoffnungen verband sich die Erwartung, dank dieser Einzigartigkeit als beispielhaftes Gemeinwesen auf den gesamten Globus einwirken zu können. Auf der Linie dieses Sendungsbewusstseins verstand der einflussreiche Theologe Jonathan Edwards schon im 17. Jahrhundert die amerikanischen Kolonien als „Renovator of the World“. Und in das frühnationale Selbstverständnis seit dem Beginn der Revolution floss dieser Missionsauftrag, dass „Gott Amerika zur Verwirklichung seines besten Plans bestimmt“ habe, von vielen Seiten und von Anfang an ein. Im Amtssiegel der Vereinigten Staaten sollte ursprünglich in Anlehnung an Vergils „Aeneis“ stehen: „Magnus ab integro seclorum nascitur ordo“ und „Novus Ordo Seclorum“ hieß es dann tatsächlich – und heißt es bis heute. Als „Leuchtturm für die erniedrigte und unterdrückte Menschheit“ sollte der neue Staat den Weg weisen. Dieser Topos tauchte seither in unzähligen Abhandlungen, Predigten und publizistischen Organen immer wieder auf, er durchzog die Äußerungen und Schriften der „Gründungsväter“, er gab Schriftstellern wie Ralph Emerson und Walt Whitman ihre Heilsgewissheit und Senator Banks 1866 das Überlegenheitsgefühl, „die restliche Welt aufklären und zivilisieren“ zu müssen. Der Gedanke, abgeschirmt von der verderbten Welt als Muster diesseitiger Vollkommenheit zu wirken, lag seit jeher im Widerspruch mit der Neigung, diese Mission auch außerhalb des Rückzugsgebietes in der Welt äußerst aktiv zu verwirklichen. Verstärkt wurde die religiös fundierte Superioritätsdoktrin durch die Fortschrittsideen der Aufklärung, unter deren Einwirkungen der mentale und institutionelle Emanzipationsakt der 13 Kolonien stand. Der puritanische „Covenant“ der „Heiligen“, Jahwes Bund mit Israel unmittelbar nachgebildet, wurde zum weltlichen Bund vorbildlicher Republikaner umgedeutet. Dadurch entstand ein Scharnier, das calvinistisches Prädestinationsbewusstsein mit säkularisiertem Messianismus vereinigte.

Die Ideale von Tugend und Freiheit, von natürlichem Wachstum und Perfektionierung der menschlichen Gattung, wie sie dem republikanischen Aufklärungsdenken des 18. Jahrhunderts überall vorschwebten, flossen in den Dekalog der amerikanischen Union ein. Da sich die Gesetze der moralischen und politischen Gravitation angeblich mit geradezu mechanischer Zwangsläufigkeit zugunsten dieser musterhaften Republik auswirkten, konnte auch die kontinentale Expansion als Hebammendienst für eine quasi-natürliche Tendenz verstanden werden. Deshalb sprach etwa Parke Godwin kurz vor dem Bürgerkrieg noch immer vom „Naturgesetz“ der amerikanischen Ausbreitung, die Theodor Parker zufolge die Amerikaner auch „unabsichtlich als Instrumente Gottes“ auszuführen hatten.

Mit der religiösen Tradition und dem laizistisch gewendeten Vollkommenheitsanspruch gingen zudem jene Ideen eine unauflöslichen Fusion ein, die den Angelsachsen eine globale Kolonisationsaufgabe zuwiesen. In Amerika, wo der Erfolg nach 150 Jahren so sichtbar vor aller Augen stand, rechtfertigte diese Vorstellung nicht nur den Anspruch auf immer neues Siedlungsland, sondern auch die Behauptung, damit zugleich das Gebiet der „angelsächsischen Freiheit“ in ihrem „Musterland, der amerikanischen Republik“, auszudehnen. Diese Verheißung für die „angelsächsische Rasse“, sich kraft der „Vorherbestimmung ihres unaufhaltsamen Fortschritts“ die Welt untertan zu machen, knüpfte nicht nur an einen Imperativ des Alten Testamentes an, vielmehr konnte sie auch mühelos rassistische Untertöne bekommen, und der spezifische „Anglo-Saxonism“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat diese Komponente auch in aller Deutlichkeit besessen.

Knüpfte dieses Expansionsmystik an erfolgreiche Praxis und biblische Gebote an, stammte ein anderes Element, bei dem es um die typische „Erfindung einer Tradition“ ging, aus der antiken Gedankenwelt. Wenn Bischof Berkeley 1726 ausrief: „Westward the Course of Empire takes its Way”, griffen diejenigen Amerikaner, die sich diesen Gedanken zu eigen machten, wie er bewusst auf die griechisch-römische Lehre von einem providenziellen Machtzentrum zurück, dessen Sitz von Osten nach Westen kontinuierlich weiterwandere. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts fand ein aufmerksamer englischer Reisender diese Denkfigur in den Kolonien „allgemein verbreitet“. Die bevorzugt im Stil des modischen Klassizismus und römisierenden Neuhumanismus argumentierenden „Gründungsväter“ haben dieser Bewegung immer wieder ihr Amerika als Endstation zugewiesen.

Auch Jedidiah Morse führte in seiner nachmals berühmten „Amerikanischen Geographie“ von 1792 dieses Bild als eine Selbstverständlichkeit ein: „Wahrscheinlich“ werde das „amerikanische Imperium“, prognostizierte er, die „letzte Station“ werden und zugleich „das größte Imperium, das je bestanden hat“, eben „die Königin der Weltreiche“, wie der Neuengländer John Trumbull das 1820 ebenfalls glaubte. Diese Entwicklungslehre zieht sich durch die amerikanische Politiktheorie und Nationalismuswelt des gesamten 19. Jahrhunderts hindurch. An seinem Ende hat Brooks Adams, Henry Adams’ klügerer Bruder, diese Weissagung erneut verfochten, als er sie mit der Vorstellung von der inzwischen erkennbaren industriellen Suprematie der Vereinigten Staaten zu einer seither geglaubten Leitidee verschmolz.

Für den Nationalstaat der „First New Nation“ wurde mithin seit dem 18. Jahrhundert ein Imperium, im Grunde der gesamte nordamerikanische Kontinent in Anspruch genommen. Unverhüllt haben Benjamin Franklin und George Washington, John Adams und James Madison ihr „amerikanisches Imperium“ in kontinentalem Ausmaß konzipiert, wenn sie nicht gar, wie zeitweilig Thomas Jefferson, „den südlichen Kontinent“ noch mit einbezogen, denn „Amerika besitzt ja eine ganze Hemisphäre für sich“.

Zentrale Elemente des amerikanischen Nationalismus und all jene Ideen, die den realhistorischen Expansionsvorgang rechtfertigten, flossen in die Leitvorstellung der „Manifest Destiny“, des vom göttlichen Schicksal erteilten Auftrags der Vereinigten Staaten, zusammen, die zur Dominanz auf ihrem Kontinent und in der Welt prädestiniert seien. Dem Missionsauftrag puritanischer Herkunft folgend, konnte sich das beispielgebende Land republikanisch-demokratischer Freiheit, der Verkörperung des Fortschrittdenkens und seines Imperiums gewiss, in diesem ebenso amorphen wie effektiven Sendungsbewusstsein der „Manifest Destiny“ wiederfinden.

Wie in einem Brennglas fing der eminent populäre Begriff das amerikanische Selbstgefühl und das Geltungsbedürfnis des Nationalismus ein. Als Antriebskraft auch des Imperialismus seit den 1880er Jahren wirkte dieser „Schicksalsauftrag“, der die USA zu Großem bestimmt sah, weiter fort. Unverändert sprach der berühmte Journalist William Allen White um die Jahrhundertwende von der „angelsächsischen Manifest Destiny der Welteroberung“, denn „so steht es für das auserwählte Volk in Amerika geschrieben“. Und Senator Albert Beveridge sah gleichzeitig Gottes großen Plan offenbart „in der Trinität“ von „Amerikas Wohlstand, Amerikas Suprematie, Amerikas Imperium“. In dieser „imperialen Republik“ entstehe das „neue Eden für die Wiedergeburt der Menschheit“. Gewiss bringe die Anfangsphase auch materiellen Profit, doch auf lange Sicht gehe es unstreitig um das hehre Ziel der „Erlösung der Welt“ durch ihre Amerikanisierung.

Die Leitmotive des amerikanischen Nationalismus sind mithin bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll ausgeprägt und tief verankert gewesen. Auch seither ging es in den beiden großen Kriegen und während der Krisensituationen danach immer wieder um eine „neue Weltordnung“ unter amerikanischer Hegemonie, getragen von einem unerschütterlichen Sendungsbewusstsein. Das lässt sich an den Zielvisionen von Wilson, Roosevelt, Kennedy und Bush Senior wie Junior in immer neuen Varianten, doch mit denselben Grundelementen verfolgen. Unverändert lebt die Überzeugung fort, dass die Welt am „American Way of Life“ genesen werde.

Diesem fortlebenden Auserwähltheits- und Sendungsglauben entspricht seit jeher und noch immer zum einen die Externalisierung des Bösen, zum andern die Stilisierung des Gegners zum Todfeind, der entweder zerstört oder zur „bedingungslosen Kapitulation“ gezwungen werden muss. Die fundamentalistische Feindschaft zeigte sich zuerst gegenüber den „Kindern des Satans“, wie die Puritaner die Indianer nannten, dann gegenüber den Engländern König Georgs seit den 1770er Jahren, den „Hunnen“ Kaiser Wilhelms II., den „Nazis“ Adolf Hitlers, den „Gooks“ Ho-Tschi-Minhs, den „Horden“ Saddam Husseins oder Milosevic’. Eine derart radikale Stigmatisierung erschwert aber ganz außerordentlich das pragmatische Geschäft, den Frieden wieder zu gewinnen.

Andererseits entlastet die Externalisierung des Bösen das eigene Selbstwertgefühl, Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Indem immer neue Erzfeinde ausgemacht werden, bewahrt sie vor Selbstkritik der eigenen Schwächen. Es gibt keine mit dem Washingtoner Holocaust-Denkmal vergleichbaren bundes- oder einzelstaatlichen Denkmäler oder Museen für die fast in den Genozid getriebenen Indianer, auch nicht für die Abermillionen von Negersklaven. Dagegen ist die „Amerikanisierung des Holocaust“ im Gefolge der modischen „Opferkultur“ um die Leidensgeschichte benachteiligter Minderheiten ein neues, auffälliges Beispiel für diese Externalisierung, die sich inzwischen an zahlreichen Mahnmalen des neuen Totenkults ablesen, in zahlreichen Museen verfolgen lässt. Denn die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen der Deutschen unter dem Hitler-Regime: den Massenmord an der europäischen Judenheit, bestätigt die Tugendhaftigkeit der eigenen Gesellschaft. Sie befestigt den Glauben an ihre Erlöserrolle in einer Welt, die des „auserwählten Volkes“ im „neuen Zion“ unverändert bedarf.

Auch im Kampf gegen die „Achse des Bösen“ – ein verhängnisvoller Ausdruck, der so unterschiedliche Länder wie Irak, Iran und Nordkorea in einer einzigen Büchse der Pandora zusammenwirft – leben die zentralen Elemente des amerikanischen Nationalismus, befestigt und aufgewertet durch die beispiellose wirtschaftliche und militärische Macht des Landes, in unserer unmittelbaren Gegenwart deutlich erkennbar weiter fort. Man muss sich die Macht dieser Überzeugungen und dieses Sendungsbewusstseins nüchtern vor Augen führen, damit man die geistige Landschaft des wichtigsten Verbündeten kennt.

Zu 2. Zwei Ozeane haben die USA zwei Jahrhunderte lang geschützt. Nur einmal, im zweiten Unabhängigkeitskrieg gegen England von 1812 bis 1814, als die amerikanischen Falken Kanada als 14. Bundesstaat erobern wollten, stand der Feind im eigenen Land. Englische Truppen haben damals die soeben errichtete kleine Hauptstadt Washington niedergebrannt. Auch deshalb, da fast 200 Jahre lang kein Feind mehr das Land erreicht hatte, kam der 11. September als ein solcher Schock.

Anders in Europa: Seit der Entstehung des europäischen Staatensystems am Ende des 15. Jahrhunderts sind von den anfänglich 450 Herrschaftsverbänden bis zum Ersten Weltkrieg nur 20 übrig geblieben. Die andern wurden zerstört und zerstückelt, von den Mächtigen aufgefressen, oder sie verfielen aus Schwäche. Krieg und Zerstörung, irgendwo in Europa, gehörten bis 1945 zum Alltag. Die lange Friedensepoche seither ist eine ganz und gar außerordentliche Erfahrung.

Allmählich haben die Europäer in ihrer politischen Theorie Zähmungsinstrumente entwickelt: die konfessionelle Toleranz am Ende der Religionskriege, das Völkerrecht zur Regulierung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Im Gegensatz zu Nordamerika, wo sich die puritanisch-aufklärerische Utopie von der friedlichen Harmonie aller Staaten unter der Leitung des neuen auserwählten Volkes bis heute gehalten hat, besteht das Erbe Europas aus einer zumindest skeptischen, oft pessimistischen Grundauffassung. Man kann Konflikte nur einhegen, zeitweilig pragmatisch zähmen, nie aber kann man den ewigen Zustand friedfertiger Glückseligkeit, eine diesseitige Perfektion der Ruhelage erreichen. In der europäischen politischen Theorie ist eigentlich kein Platz für den Glauben an eine „neue Weltordnung“ als paradiesischer Endzustand. Nur der italienische Faschismus und der Nationalsozialismus haben wie zuvor der Staatskommunismus solche Ordnungsentwürfe in pervertierter Form verfochten.

Aus den letzten 500 Jahren meist blutiger Geschichte glauben die Europäer gelernt zu haben, dass pragmatische Bescheidenheit eine Tugend ist, während utopische Endzeitvorstellungen – von der Zeit nach der Vertilgung des Bösen – auf ihre tief verwurzelten Bedenken stoßen, weil übermäßige Ansprüche nur neue Konflikte auslösen. Die Skepsis der Europäer ist selbstverständlich auch dadurch genährt worden, dass sie selber die schlimmsten Exzesse des Nationalismus und zweier totaler Kriege buchstäblich am eigenen Leibe erlebt haben, während das glückliche Amerika zwei gerechte Kriege, wie sie ihm erscheinen durften, jenseits der schützenden Meere gewonnen hat. Und kaum hatte sich die Illusion verbreitet, dass Europa nach unendlich vielen Opfern und nach dem Erlöschen des nationalistischen Vulkans im Jahre 1945 seinen inneren Frieden endlich gewonnen habe, als in Südosteuropa Nationalitätenkonflikte von einer barbarischen, atavistischen Natur erneut ausbrachen.

Wir haben es daher in der internationalen Politik häufig mit einem – glücklicherweise durch politische Freundschaft gemilderten – Zusammenstoß unterschiedlicher Mentalitäten oder Weltbilder zu tun. Amerika sucht noch immer gern die finale Lösung. Wilsons Ziel: eine sichere Entwicklung für die Demokratie auf der ganzen Welt, garantiert durch den Völkerbund; Roosevelts Ziel: die harmonische Koexistenz der neuen Vereinten Nation; Kennedys Ziel: die geeinte freiheitliche Welt gegenüber der kommunistischen Bedrohung; das Ziel der beiden Bushs: die „neue Weltordnung“ unter amerikanischer Dominanz und dem Kuratel des amerikanischen Freihandels. Die Europäer dagegen glauben weit eher an Stückwerk-Reformen, wie Karl Popper gern sagte. Sie steuern pragmatische, vielleicht kurzlebige, doch zeitweilig belastbare Lösungen an, sie sind in der Regel zurückhaltend gegenüber grandiosen Konzeptionen. Heute vermögen sie aufgrund ihrer historischen Erfahrungen nicht zu glauben, dass es eine endgültige Schlacht, ein biblisches Armageddon, gegen den Terrorismus überhaupt geben kann: in Afghanistan und Somalia, im Irak und Iran und wer weiß, wo sonst noch auf der Welt. Für sie gibt es keine „Achse des Bösen“, da Saddams Diktatur ein anderes Regime verkörpert als das allmählich liberalisierungswillige der persischen Mullahs, erst recht als der erstarrte Staatskommunismus in Nordkorea. Jedes dieser Länder verlangt eine eigene Strategie, die ihren Besonderheiten gerecht wird. Dabei prallt stets die europäische Skepsis auf einen fundamentalistischen Grundzug der amerikanischen Politik, wenn es um ihren jeweils letzten Erzfeind geht.

Zu 3. Amerika und Europa stehen seit geraumer Zeit einem Spannungsherd gegenüber, der durch den Islam, in zugespitzter Form durch den fundamentalistischen Islamismus, verkörpert wird. Der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington, einer der großen alten Männer an der Harvard Universität, hat 1996 mit seinem furoremachenden Buch über den „Clash of Civilizations“, den „Kampf der Kulturen“, die Prognose ausführlich begründet, dass nach dem Verfall des Staatskommunismus außerhalb Chinas, Koreas und Kubas die alte bipolare Welt des Kalten Krieges nicht mehr existiert, aber auch die naive Vision von einem „Ende der Geschichte“ ewiger Kämpfe, da das westliche Modell global gesiegt habe, keine gehaltvolle Analyse bietet. Vielmehr sieht Huntington in den Zusammenstößen, Reibungen, Konflikten zwischen den großen Kulturkreisen auf der Basis unterschiedlicher Religionen und divergierender Weltbilder die Hauptquelle künftiger internationaler Auseinandersetzungen.

Das Buch wurde eine Bestseller, fand aber auch leidenschaftliche Kritiker, die diese nüchtern begründete Gefahr potentieller Friktionen nicht wahrhaben wollten. Ob sie die 580 Seiten tatsächlich in Ruhe gelesen haben, sei dahingestellt. Seit dem 11. September jedenfalls hat Huntingtons Analyse und Prognose eine ungeahnte Aktualität gewonnen.

Warum? Der Islam ist die einzige noch immer auffällig rasch expandierende Weltreligion. Sie erfasst jetzt mehr als eine Milliarde Menschen und wird in nächster Zeit die Anhänger des Christentums weit überholen. Aus Mohammeds synkretistischer Verschmelzung unterschiedlicher religiöser Elemente – auch vielfach aus der israelischen und christlichen Religion, in deren Tradition des Prophetentums er sich bewusst stellte – ist ein militanter, expansionslustiger Monotheismus hervorgegangen, der seine Herkunft aus der Welt kriegerischer arabischer Nomadenstämme nicht verleugnen kann. Das Weltbild des Islam stilisiert die diesseitige Welt als unablässigen Kampf zwischen dem „Haus des Friedens“, der „Umma“ des Islam, und dem „Haus des Krieges“, dem Bereich der Ungläubigen. Wann immer und wo immer möglich müssen die Ungläubigen unterworfen und bekehrt werden, im Grenzfall durch den Dschihad, den Heiligen Krieg aller Muslims. Das galt wortwörtlich seit dem 7. Jahrhundert, als der Islam in einem gewaltigen Anlauf durch Nordafrika sogar bis nach Spanien expandierte, bis hin zur Vertreibung der muslimischen Türkei vom Balkan im 19. Jahrhundert. Und es gilt noch immer, etwa in Nigeria und im Sudan, auf den Philippinen und in Indonesien, inzwischen dem größten muslimischen Staat der Erde.

Die okzidentale Trennung von Papst und Kaiser, von Religion und weltlicher Herrschaft, die in Europa im Mittelalter mühsam erkämpft worden ist und den modernen, säkularisierten Staat erst auf seine eigene Bahn gesetzt hat, wird vom Islam seit jeher negiert. Alle Dimensionen des Lebens unterliegen seinem Anspruch nach dem religiösen Gesetz: der Scharia. Muslimische politische Herrschaft ist gehalten, die Scharia zu befolgen, in der barbarische Bräuche der arabischen Stämme – die Steinigung der Ehebrecherin z.B. und das Abhacken der Diebeshand – bis heute weiterleben.

Die vom westlichen Vorbild faszinierte Revolution Kemal Atatürks hat die muslimische Türkei säkularisiert und eine bislang ziemlich milde Form des Islam geschaffen. Das galt auch bisher für die Diktatur Sukarnos und Suhartos in Indonesien, die Entwicklungsdiktaturen in Ägypten, Jordanien und Syrien. Aber im Sudan, in Nigeria, in Saudi-Arabien mit seinem extrem orthodoxen Steinzeitislamismus, dem Wahabitum, ist die Fusion von religiöser und politischer Herrschaft, sind die Exzesse der Scharia tagtäglich zu beobachten. Die friedliche Koexistenz westlicher Staaten mit islamischen Ländern hat daher seit jeher gravierende Probleme aufgeworfen, aber sie ist durch eine wohl verstandene Interessenpolitik meistens ermöglicht worden.

Diese Konstellation hat sich durch den islamischen Fundamentalismus grundsätzlich verändert. Alle Fundamentalismen unserer Tage sind keineswegs uralte Erbstücke der großen Weltreligionen, vielmehr relativ junge Abwehrhaltungen gegen die Überwältigung durch die westliche Modernisierung, wobei überall einige Traditionsbestände extrem einseitig hochstilisiert werden. Das gilt für den katholischen Fundamentalismus in Irland, den protestantischen Fundamentalismus im „Bible Belt“ der USA, den israelischen und hinduistischen Fundamentalismus und eben auch für den islamischen Fundamentalismus. Er hat sich unter den mehr als 280 Millionen Arabern in den letzten Jahren rapide ausgebreitet und empfindet das Vordringen der westlichen Modernisierung als traumatische Überwältigung, unter dem Säkularisierungsdruck auch als radikale Gefährdung seines religiösen Weltbildes. Blicken wir einmal nicht auf die islamischen Staaten im Pazifik oder in Schwarzafrika, sondern auf den Nahen Osten, treffen wir daher auf eine Region extremer Spannungen. Die größten Ölreserven der Welt haben den obszönen Reichtum einer winzigen Elite geschaffen, die überall in extrem autoritärer Form regiert, aber die Vorzüge eines exzessiven westlichen Lebensstils durchaus genießt. Unter ihnen öffnet sich ein erschreckendes System sozialer Ungleichheit, an deren unterstem Ende Millionen von importierten Gastarbeitern leben.

Wegen des Ölreichtums haben diese Länder sozialstatistisch ein relativ hohes durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen, faktisch aber gibt es nur eine schroffe Ungleichverteilung und eine minimale Entwicklung im Sinne des fest verankerten, breit gefächerten Wirtschaftswachstums. Es sind weithin Länder im Zustand krasser Rückständigkeit, es gibt kein einziges demokratisches Regierungssystem, es gibt nicht einmal die Anfänge des Sozialstaates, der durch Transferleistungen das Schicksal der Benachteiligten abmildert und Spannungen entschärft. Gleichzeitig zaubert aber die Medienwelt tagtäglich die attraktiven Verlockungen des Westens herbei, die von den Rechtgläubigen als fundamentale Bedrohung empfunden werden können.

In dieser Situation ist ein klassischer Mechanismus eingerastet. Anstatt die soziale Ungleichheit Schritt für Schritt abzumildern, die Diktatorialregime allmählich umzubauen, die Korruption der Herrschenden zu korrigieren, das Bildungssystem und die Infrastruktur auszubauen – so wie das Japan und den südostasiatischen „kleinen Tigern“ gelungen ist -, wird die Unfähigkeit zur selbsttätigen Veränderung, die zweifellos eine niederdrückend schwierige Aufgabe verkörpert, in eine Externalisierung des Bösen umgesetzt: Der christliche Westen erscheint als Inkarnation dieses Bösen, als Erzfeind, welcher der arabischen Welt die Demütigung der Stagnation und Rückständigkeit zumutet. Daran ist richtig, dass der relative Abstand des Entwicklungsniveaus zwischen dem Westen und der arabischen Welt, gemessen mit den üblichen ökonomischen Indikatoren, heute weitaus größer ist als vor 40, 50 Jahren. Diese Erfahrung wirkt umso deprimierender, als der Islam sein Selbstverständnis als die allein seligmachende, allen anderen Weltreligionen weit überlegene Glaubenslehre aggressiv verteidigt. Das ist der Nährboden für den fundamentalistischen Islamismus bis hin zu Al-Quaida, der voll religiöser Heilsgewissheit gegen die westliche Verkörperung des Bösen aufbegehrt.

Gegenüber diesem Fanatismus besitzt der Westen, wie es scheint, nur relativ wenige Mittel. Er kann nicht alle Länder mit fundamentalistischen Bewegungen mit Krieg überziehen. Das mündete im Grenzfall in einen aberwitzigen neuen Kreuzzug gegen die arabische Welt. Dagegen kann er pragmatisch klug Liberalisierungstendenzen im Iran, in Jordanien, in Ägypten und anderswo unterstützen, den Welthandel weniger egoistisch regulieren, anstatt die arabischen Staaten durch die Drohung mit einem Krieg gegen den Irak zusammenzuschweißen. Und er könnte, ungleich entschiedener als bisher, dabei helfen, die offene Wunde des verschleierten Krieges zwischen Israelis und Palästinensern allmählich zu schließen. Denn tagtäglich flimmern über alle Fernsehschirme im Nahen Osten die Bilder dieses Krieges, nähren den Fundamentalismus und führen ihm neue Anhänger zu. Die einzige Demokratie und die überlegene Militärmacht des Nahen Ostens kann offenbar nur mehr durch massiven westlichen Druck gebremst werden.

Jede offene pointierte Kritik an Israel fällt einem Angehörigen meiner politischen Generation schwer. Aber die unheilvolle Entwicklung im Nahen Osten verlangt jetzt Kritik. Zum einen ist der zionistische Nationalismus in Israel auf die Wiedergewinnung des davidischen Großreichs fixiert, auf das „Eretz Israel“ vor 3000 Jahren. Deshalb wird der Landgewinn von 1967 so erbittert verteidigt, weil er das von Jahwe versprochene „gelobte Land“ eingebracht hat. Über ein wiedergewonnenes Gottesgeschenk kann man nicht pragmatisch verhandeln. Das ist jene religiös überhöhte Barriere, die in der israelischen Innenpolitik vernünftigen Verhandlungen entgegensteht. Zum andern kann nur westlicher Druck diese Barriere aufbrechen. So gesehen war es der verhängnisvollste Fehler, den die Regierung Bush bisher in ihrer Amtszeit begangen hat, sich in dogmatischem Unilateralismus ein ganzes Jahr lang auf völlige Abstinenz zurückzuziehen. Was immer der Likud, Scharon oder Netanjahu wollen – Amerika und Europa können nicht anders, als auf einen Palästinenserstaat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt und gleichzeitig auf eine arabische Sicherheitsgarantie für Israel hinzuarbeiten. Jeder Erfolgsschritt wird auch auf längere Sicht die Militanz des islamischen Fundamentalismus schwächen, obwohl ihn das westliche Modernisierungstempo weiter wach halten wird.

Zu 4. In dieser Situation erweist sich nun, dass auch die kemalistische Türkei nicht imstande ist, das Vordringen des Fundamentalismus im eigenen Land, geschweige denn in der türkischen Diaspora in der EU zu verhindern. Doch zugleich wurde der Türkei die Aussicht auf den Beitritt in die EU formal eröffnet. Zwei Gründe sprechen vor allem von einem außereuropäischen Standpunkt dafür. Da ist zum einen der strategische Gesichtspunkt der USA, den südöstlichen Stützpfeiler der NATO, einen bewährten Verbündeten, auch in die EU aufzunehmen. Das war Mrs. Albrights Argument in Helsinki, vor dem die europäischen Außenminister, Fischer an erster Stelle, eingeknickt sind. Da ist zum andern der Gesichtspunkt, dass die prowestlichen, kemalistischen Funktionseliten der Türkei ihren Westkurs gegen den Fundamentalismus im eigenen Land nur mit Aussicht auf Erfolg weitersteuern können, so argumentieren sie beschwörend, wenn dieser Kurs durch die EU-Mitgliedschaft honoriert wird.

Beide Gründe empfinde ich als ganz unzulänglich für eine derart gravierende Entscheidung. Denn welche Probleme sind mit ihr verbunden?

1. Das Grundsatzproblem liegt darin, dass die EU es bisher nicht riskiert hat, ihre Grenzen im Osten, Südosten und Mittelmeer zu definieren. Freundschaftliche Nachbarschaft darf nicht quasi-automatisch auf Vollmitgliedschaft in der EU hinauslaufen. Sie muss ein Privileg bleiben, Dutzende von anderen Möglichkeiten erlauben auch enge Beziehungen. Weißrussland, die Ukraine, Russland selber haben nie zu Europa gehört. Sie haben es, z.T. massiv, beeinflusst, aber die Antike, die Reformation und Renaissance, die Aufklärung haben sie nicht geprägt; es gab dort kein Bürgertum, keine autonomen Städte, keinen Adel und keine Bauernschaft wie in Europa. Also gibt es, so eng man die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit dem Ziel der Stabilisierung dieser Länder auch ausbauen sollte, keinen zwingenden Grund, sie jetzt, wie das in der Tat europäische Osteuropa, in die EU aufzunehmen, erst recht nicht ferne exotische Länder wie Georgien, das Genscher für einen geborenen Kandidaten hält.

Die entschiedene Grenzdefinition steht auch im Mittelmeerraum an. Die maghrebinischen Staaten gehören nicht zu Europa, Israel auch nicht. Es war schon falsch, dem egoistischen Drängen Griechenlands im Hinblick auf Zypern nachzugeben.

Im Südosten aber besitzt das Grenzproblem seit der Entscheidung von Helsinki dramatische Züge. Was spricht außer den beiden erwähnten Argumenten für einen Beitritt der Türkei? Nichts, scheint mir, was die übergroßen Risiken, die damit verbunden sind, wettmachen könnte.

1. Die muslimische Türkei hat 450 Jahre lang gegen das christliche geprägte Europa nahezu unablässig Krieg geführt. Das ist im Kollektivgedächtnis der europäischen Völker, aber auch der Türkei tief verankert. A limine spricht nichts dafür, einen solchen Staat aus einem anderen Kulturkreis in die EU aufzunehmen. Das mag man noch als Vorurteil eines Historikers abtun.

2. Warum sollte aber ein muslimischer Staat zu Europa – das nun einmal durch völlig andere Einflüsse geprägt worden ist – hinzustoßen und seine Fundamentalismusprobleme danach ungehindert in die EU exportieren dürfen? In der Bundesrepublik z.B. werfen 32 000 in radikalen Organisationen organisierte türkische Muslims hinreichend Probleme auf.

3. Warum sollte, wie man schätzt, einem Potential von 40 Millionen arbeitslosen oder arbeitsarmen Anatoliern die Freizügigkeit in eine erweiterte EU eröffnet werden? Überall in Europa erweisen sich die muslimischen Minderheiten als nicht integrierbar und igeln sich in ihrer Subkultur ein. Sie kann man nur durch die strikte Verpflichtung zum Sprachunterricht, zum regelmäßigen Schulbesuch, zur Bindung der Staatsbürgerrechte an ein Examen (wie etwa in Holland) allmählich auflockern. Aber warum sollte man diese Diaspora millionenfach vermehren und damit die willige Bereitschaft zum multikulturellen Zusammenleben einer extremen Belastungsprobe aussetzen?

4. Warum sollte sich die EU freiwillig im Südosten so famose Nachbarn wie den Irak und Syrien schaffen und dazu noch das explosive Kurdenproblem in diesen Ländern freiwillig schultern? Die politische Raison rät dringend von einer solchen neuen Bürde ab, die durch keine anderweitigen Vorzüge wettgemacht würde.

5. Und schließlich das m.E. durchschlagende Argument: Die Osterweiterung der EU wird und muss kommen, damit diese Zone Europas endlich politisch stabilisiert werden kann. Sie wird alle, buchstäblich alle Ressourcen der EU bis zur Zerreißprobe beanspruchen. Wie kann man, da diese enorme Belastung längst klar zu erkennen ist, politisch so von Sinnen sein, dass man sich eine völlig Überlastung aller restlichen Machtressourcen auflädt, wenn die EU-Mitgliedschaft der Türkei geradewegs die Zerreißprobe heraufführen würde? Der Preis für Europa wäre unerträglich, der überzeugende Gewinn ist bisher nicht erkennbar. Selbstverständlich kann und sollte die EU großzügige Verträge bis hin zu einem Assoziationsabkommen mit der Türkei schließen, um ihr auf dem Weg in die westlich geprägte Moderne zu helfen. Aber Vollmitgliedschaft in der EU? Das ist die Fehlentscheidung eines Versprechens, das so bald wie möglich revidiert werden sollte.

Der 11. September verkörpert eine schreckliche Zäsur. Keiner weiß es, aber jeder fürchtet es, dass er eine Kriegsform fundamentalistischer Fanatiker ankündigt. Die ernüchternde Wirkung könnte aber auch dazu beitragen, dass wir die Mentalität des amerikanischen Nationalismus genauer beachten, Europas skeptische Traditionen entschiedener verteidigen und uns der Herausforderung des islamischen Fundamentalismus endlich illusionslos stellen, auch und gerade, was eine abstruse Erweiterung der EU nach Südosten angeht. Nur eins sollten wir nach dem 11. September nicht tun: für eine Vogel-Strauss-Politik optieren und den Dingen einfachen ihren Lauf lassen.

 
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