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Rede der Ministerin für Schule, Wissenschaft und Forschung NRW Gabriele Behler zur Rektoratsübergabe an der Universität Bielefeld
 
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ich freue mich, heute wieder einmal hier in der Universität zu sein. Dafür gibt es gleich zwei Gründe: Der traditionelle Jahresempfang ist verbunden mit einem Rektoratswechsel.
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Ein solcher Amtswechsel ist natürlich eine gute Gelegenheit für eine Zwischenbilanz, mit einer Würdigung der Vergangenheit und mit einem Ausblick in die Zukunft.
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Keine Angst, meine Damen und Herren, ich werde damit jetzt aber nicht zu einer üblichen Festtagsreden über Vergangenheit und Zukunft ansetzten. Mit ein bisschen Schulterklopfen hier und ein bisschen Nostalgie dort.
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Ich werde und ich kann auch nicht den Regeln der traditionellen Festtagsrede folgen, wie sie Georg Christoph Lichtenberg schon zu seiner Zeit mit einem seiner Aphorismen gewissermaßen "aufgespießt" hat. Quintessenz dieser Reden ist nämlich - so Lichtenberg - die Banalität der "Weltweisen". Und die klingt so: "Das Gegenwärtige, sagt ein großer Weltweiser, von dem Vergangenen geschwängert, gebiert das Künftige."
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Schön wär´s. Dann hätte ich es mit meiner Festrede einfach. Ich könnte loben und für die Zukunft sagen: einfach weiter so.
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Aber dieser Satz stimmt heute in Bezug auf die Hochschulen in NRW nicht mehr und auch nicht in Bezug auf die Universität Bielefeld und ihre Zukunft.
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Denn wir stehen in NRW am Beginn einer ganz neuen Etappe in der Entwicklung und in der Ausrichtung der Hochschulen. Und da wächst das Künftige eben nicht mehr so leicht aus der Gegenwart und der Vergangenheit. Sondern es bedarf des Umbruchs, der Neuorientierung und auch - unausweichlich - der Unruhe. Wäre das nicht so ,dann hätten wir uns in der Tat den Qualitätspakt und den Expertenrat sparen können.
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Übrigens: ein paar Jahre nach Lichtenberg waren auch die Festredner, und gerade die bei Universitätsfesten, tatsächlich schon wesentlich weiser. Ich darf daran erinnern, was Wil-helm von Humboldt gesagt hat: "Nur der Wechsel ist wohltätig". Und in der Tat: Die Geschichte der deutschen Universitäten im 19. und 20. Jahrhundert war im wesentlichen die ihrer ständigen Veränderung.
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Aber ich will den Blick zurück dennoch nicht vergessen, und das umso weniger, als ich mich persönlich Bielefeld und seiner Universität sehr verbunden fühle.
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Sie alle kennen die Geschichte zwar, zumal die Universität Bielefeld unter anderem ja auch eine der Speerspitzen der modernen Geschichtswissenschaft ist.
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Ich erzähle sie aber dennoch kurz noch einmal. Das ist das Vorrecht des Festredners.
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Also: Es war einmal eine Zeit, da gab es in Nordrhein-Westfalen nur drei Universitäten und auch noch die Technische Hochschule in Aachen, aber die war damals noch rein in-genieur- und naturwissenschaftlich ausgerichtet. Münster war der einzige westfälische Uni-Standort, und OWL war wüst und leer.
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Der Staat beschloss einen bildungspolitischen Aufbruch und investierte in bis dahin unbekanntem Ausmaß in die Bildung und auch die Hochschulbildung, zumal der tiefgreifende Strukturwandel weg von der Schwerindustrie - von Kohle und Stahl - in vollem Gange war.
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Bildung und Hochschulbau waren damals Synonyme für wirtschaftliche Zukunft und mehr gesellschaftliche Gleichheit.
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Neben dem Ruhrgebiet bot sich da gerade auch Bielefeld als neues wissenschaftliches Zentrum an. Und nach dem Regionalprinzip, das die Landesregierung in der Folgezeit beim Auf- und Ausbau der nordrhein-westfälischen Hochschullandschaft konsequent angewandt hat, wurden auch noch weitere Hochschulen in das einst so hochschulferne OWL geholt.
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Das Zentrum dieser Wissenschaftsregion war - und ist auch heute noch - die Universität Bielefeld, und das lag insbesondere auch an ihrer besonderen Ausrichtung als Reform- und Forschungsuniversität und an ihrer rationale Organisation von Forschung und Lehre, ohne die Hindernisse veralteter Strukturen.
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Ich will aber hier nicht die großen Erfolge der Universität Bielefeld im Einzelnen aufzählen. Die kennen Sie ja selbst sehr gut.
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Auf die Aufbruch- und Aufbauphase folgte jedenfalls eine Zeit, in der man den Akademiker weniger als wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hoffnungsträger sah denn mehr als einen weiteren Tropfen im Meer eines akademischen Proletariats.
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An ein Umsteuern in der Hochschulpolitik hat man damals be-stenfalls gedacht, getan hat man jedenfalls nichts, und man hat die Hochschulen mit den Strukturen von gestern auf die Herausforderungen von morgen treffen lassen.
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Ich will die weitere Schilderung abkürzen. In den späten 90er Jahren blickten wir in NRW jedenfalls stolz auf die dichteste Hochschullandschaft in Europa - und zu der trug das ehemals leere OWL Wesentliches bei. Wir hatten viel erreicht. Vielmehr als andere. Aber zugleich waren auch unsicher, wie wir uns denn mit diesem Kapital in Zukunft und im Vergleich den anderen behaupten würden.
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Ich zitiere ein paar sprechende Buchtitel aus dieser Zeit:
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1996 - "Ist die Uni noch retten?" von Michael Daxner - Tendenzielle Antwort dieses Bandes war: Es wird eher schwierig.
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1999 - ein Wechsel im Denken bahnte sich an: "Die blockierte Universität. Warum die Wissensgesellschaft eine andere Hochschule braucht". Das Buch war wiederum von Michael Daxner. Die Grundtendenz lautete: Die Hochschulreform ist tot - es lebe die Hochschulreform!
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2000 - "Die entfesselte Hochschule" von Detlef Müller-Böling. Die Grundaussage hier: "Die Luft der Freiheit weht" ( Wahlspruch von Stanford). In Deutschland müsse die Luft vielleicht etwas milder wehen als anderswo. Aber wehen muss sie. Und dazu bedarf es einer Reform, innerhalb der sich die Hochschule stärker öffnet, hin zur Gesellschaft und hin zur Wirtschaft und ihren Bedürfnissen. Müller-Böling scheute sich sogar nicht, das Wort "Dienstleistungsunternehmen" zu benutzen.
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Ich denke, diese Buchtitel beschreiben in etwa den Weg in die Phase, die wir jetzt erreicht haben. Es ist eine notwendige Reform. Es ist eine Phase der Reform im Interesse der Hochschulen in NRW und ihrer Zukunftsfähigkeit. Es geht vor allem um neue Profile, neue Abschlüsse, neue Ausrichtungen, um Öffnung und mehr Eigenverantwortung und auch um mehr Excellenz anstelle von mittelmäßiger Universalität.
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Die Phase hat bei manchen schon ihren Namen. Sie nennen sie: Ökonomisierung, neoliberalistische Hochschulpolitik oder Zurichtung der Hochschulbildung auf den internationalen Markt.
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Sie meinen, es sei die Phase, in der die öffentlichen, von der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft errichteten Bildungs- und Wissenschaftsinstitutionen sich allmählich verabschiedeten und Bildung und Wissenschaft zu Spielbällen der internationalen Märkte würden. Sie sprechen von der durchsichtigen "Funktionsweise der Rede von den leeren Staatskassen".
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Internationalisierung - das ist in der Tat ein ganz wesentliches Element der Reform, die wir zur Zeit in NRW durchführen. Dass mit den Staatskassen ist zumindest insofern richtig, als der Staat in der Tat anders mit dem Geld umgehen muss, wenn er sich um 52 Hochschulen kümmern soll statt nur um drei. Und mit seiner alten Art, die dabei auftauchenden Lenkungsprobleme durch eine immer höhere Regelungsdichte zu kom-pensieren, kommt er da auch nicht mehr zurecht. Aber der Rest dieser Einschätzung ist einfach Unsinn.
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Ziel der Reform ist vielmehr, die staatliche Verantwortung für die Hochschulen in einem heute vertretbaren und machbaren Maß zu erhalten und die Hochschulen so stärken, dass sie als staatliche Einrichtung in der internationalen Konkurrenz behaupten können - und sie sich eben nicht privatisieren müssen. Bildung und Wissenschaft sollen staatliche Aufgaben bleiben. Sicher: Sie sollen der Gesellschaft und der Wirtschaft nutzen, und dies stärker als bisher, aber zugleich sollen sie sich selbst und ihren Forschungs- und Bildungsaufgaben verpflichtet bleiben können.
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Dass es dazu aber gewisser, auch tiefgreifender Reformen bedarf, das hat man doch an den Universitäten schon selbst seit Jahren gewusst. Die genannten Buchtitel sprechen sozusagen Bände.
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Ich brauche hier das ABC der nordrhein-westfälischen Reform nicht noch einmal zu buchstabieren.
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Ich will hier denn auch nur sagen, dass für mich gerade die Universität Bielefeld ein gutes Beispiel dafür ist, dass wir doch gute Voraussetzungen haben, uns - wenn auch mit geänderten Strukturen - mit dem Leistungsvermögen der staatlichen Hochschulen im internationalen Wettbewerb zu behaup-ten.
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Also Lichtenbergs Diktum über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kann man hier in Bielefeld doch ruhigen Gewissens auch durchaus ohne den ironischen Unterton lesen.
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Denn für die Zukunft hat die Universität Bielefeld sozusagen etliche dicke Pluspunkte, etwa in der Genomforschung oder der Bioinformatik. Die Universität Bielefeld hat gute Aussichten, dass sich hieraus eine Graduate School als eines der zunächst fünf Excellenzzentren des Landes entwickelt.
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Im Übrigen hat ja der Expertenrat hat in seinem Abschlussbericht lobend erwähnt, dass die Interdisziplinarität ein wesentlicher Leitgedanke dieser Hochschule ist. Dieses Leitbild ist nach seiner wie auch nach meiner Ansicht ein entscheidende Faktor zur Steigerung der Leistungsfähigkeit in allen wissenschaftlichen Disziplinen.
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Der Expertenrat hebt zu Recht hervor, dass dieses Leitbild an der Universität Bielefeld als gelebte Philosophie verinnerlicht ist- und nennt das Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) als hervorragendes Beispiel dafür.
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Überhaupt fällt ja die gesamte Beurteilung der Uni Bielefeld durch den Expertenrat außerordentlich positiv aus. Etwa in Bezug auf die hier bereits eingeleiteten Maßnahmen zur Qualitätssicherung in Forschung und Lehre.
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Letztlich hat der Expertenrat denn auch nur kleine Änderungen beim Studienangebot vorgeschlagen. Das betrifft lediglich einige wenige Studienfächer, deren Einstellung die Hochschule größtenteils selbst vorgeschlagen hat.
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Und was den Abzug von 78 Stellen angeht - das lässt sich auch wegen des guten Entwicklungsstandes dieser Hochschule leichter verkraften, zumal die Universität schon über die vorangegangenen Jahre hin eine intensive Planung und Weichenstellung für die Zukunft betrieben hat.
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Natürlich muss ich auch etwas zu den kritischen Punkten des Gutachten des Expertenrats sagen.
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Große Unruhe hat ja der Vorschlag ausgelöst, die gesamte Primarlehrerausbildung einzustellen. Ich habe allerdings bereits mehrfach erklärt, dass wir diesem Vorschlag nicht folgen werden. Bielefeld wird seine erfolgreiche und leistungsstarke Lehrerbildung behalten.
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Denn die Lehrerbildung ist hier bestens organisiert: Schon 1980 wurde das Zentrum für Lehrerbildung gegründet. Damit wurde schon früh und anders als an anderen klassischen Standorten die Integration der alten PH-Ausbildung in die universitäre Ausbildung vollzogen.
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Es war ja kein Zufall, dass Hartmut von Hentig gerade hier seine Schulversuche Laborschule und Oberstufenkolleg ansiedelte. Beide mussten und müssen sich zwar – ebenso wie alle anderen Hochschuleinrichtungen - einer strengen Überprüfung und damit auch einer in mancher Beziehung schmerzlichen Umstrukturierung stellen, ein interessantes Forschungsfeld u.a. auch für die Lehrerbildung werden sie bleiben.
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In diesem Zusammenhang will ich auch den jüngst im Stern veröffentlichten Universitätstest nennen: Die Erziehungswissenschaftler haben sicher mit großer Genugtuung zur Kenntnis genommen, dass gerade ihre Disziplin - neben der Geschichte und Mathematik - beim Ranking ganz vorne liegt. Das hat mich in meiner Entscheidung bestärkt, die Primarlehrerausbildung in Bielefeld zu belassen.
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Allerdings sollte man den Hinweis des Expertenrats nicht übergehen, dass die künftige Ausgestaltung des Lehrerbildungsangebots in enger Abstimmung und Kooperation mit der Universität Paderborn erfolgen muss.
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Hier gilt der Grundsatz, dass nicht alle Fächer an allen Standorten angeboten werden können und müssen. Ich glaube, dass bei gutem Willen der Beteiligten durch die Zusammenarbeit der beiden Hochschulen sehr viel erreicht werden kann.
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So viel zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Mit der Zukunft wird es wohl , eben weil dies eine Phase der grundlegenden Reform, nicht ganz so leicht. Das will ich zugeben. Dennoch: Die "Weltweisen" haben im Fall Bielefeld Recht - so spöttisch das Lichtenberg auch sehen mag. Das Künftige wächst aus der Gegenwart und der Vergangenheit. Und da ist gut und erfolgreich gearbeitet worden.
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Das hat auch sehr viel mit den Rektoren dieser Universität zu tun.
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Herr Professor Timmermann, Sie sind der vierte Rektor in der nun schon fast 32-jährigen Geschichte dieser Hochschule. Ich möchte sagen: erst der vierte.
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Auch das zeugt von der Kontinuität, mit der sich die Universität Bielefeld zu einem heute höchst bedeutenden Standort für Forschung und Lehre entwickelt hat.
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Sehr geehrter Herr Professor Grotemeyer, sie haben das Profil der Universität Bielefeld in den ersten 22 Jahren ihrer Geschichte geprägt. Meines Wissens hat kein anderer Rektor in Deutschland eine so lange Amtszeit erreicht. Deshalb trägt der heute zu verleihende Preis für gute Lehre zu Recht ihren Namen.
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Ihre beiden Nachfolger, Herr Professor Skowronnek und Herr Professor Rickheit, haben Ihr Erbe bewahrt und ausgebaut, wenn ihnen beiden auch nur jeweils eine Amtszeit beschieden war.
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Sehr geehrter Herr Professor Rickheit, Stabilität, Kontinuität und Berechenbarkeit kennzeichneten Ihre Amtsführung. Dabei waren Sie stets offen für Innovationen - insbesondere natürlich auch in Ihrem eigenen Forschungsgebiet. Sie sind während Ihrer Amtszeit als Rektor ein begeisterter Wissenschaftler geblieben. Bei allem Engagement für das Amt an der Spitze der Hochschule haben Sie immer noch Zeit für Ihre wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Klinischen Linguistik gefunden.
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Das ist umso bewundernswerter, als in Ihre Amtszeit der außerordentlich wichtige Neustrukturierungs- und Umdenkungsprozess fiel, der durch den Qualitätspakt eingeleitet wurde. Zuletzt war der umfangreiche Bericht an den Expertenrat eine mühevolle und in der Abstimmung der unterschiedlichen Interessen nicht immer leichte Aufgabe, die von Ihnen zu leisten war.
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Für Ihre Tätigkeit, die über die Bewältigung von Aufgaben ei-ner „normalen“ Amtszeit weit hinaus ging, gebührt Ihnen ein besonderer Dank. Sie waren für meine Mitarbeiter und auch für mich persönlich immer ein offener und wertvoller Ge-sprächspartner, der sich nie Argumenten verschloss, seine eigenen aber auch durchzusetzen wusste.
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Es ist auch wesentlich Ihr Verdienst, dass sich die Hochschule auf dem richtigen Wege befindet. Der Abschlussbericht des Expertenrats ist eine schöne Bestätigung Ihrer Arbeit.
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Für Ihre nunmehr ungestörte Rückkehr in den Schoß der Wissenschaft wünsche ich Ihnen weiterhin Erfolg.
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Besonders herzlich begrüße ich den neuen Rektor und seine Leitungscrew.
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Lieber Herr Professor Timmermann, sie sind ja schon seit dem 1. April im Amt, insofern kommen meine Gratulation und meine guten Wünsche für eine erfolgreiche Amtszeit eigentlich etwas zu spät.
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Mit Ihnen hat jetzt ein Bildungsplaner die Bühne des Hauses betreten. Das passt zu dieser neuen Phase der Hochschulent-wicklung.
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Ihre bisherigen Arbeitsschwerpunkte: Bildung und Beschäfti-gung, Effizienz im Bildungswesen, Bildungsmanagement und Qualitätsmanagement - um nur einige wichtige zu nennen - passen dazu auch.
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Umso zuversichtlicher bin ich, dass wir die gute Zusammenarbeit zwischen dem Wissenschaftsministerium und der Universität Bielefeld auch in Zukunft werden fortsetzen können.
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Und was die Zukunft sollten wir uns dabei im Falle Bielefeld dann wohl doch weniger an Lichtenberg als an Henry Ford I. orientieren. Ich weiß, Henry Ford zitiert man nicht so oft. Aber er sagt: "Du sollst die Zukunft nicht fürchten." Und das passt doch.
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