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Reden

 

Rede des ehemaligen Rektors der Universität Bielefeld Prof. Dr. Gert Rickheit im Rahmen des Jahresempfangs mit Rektoratsübergabe

11.05.2001, 18.00 Uhr, Audimax


Sehr verehrte Frau Ministerin Behler,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

gestatten Sie mir einige kurze Rückblicke auf meine 4 ½-jährige Amtszeit, die ich an vielen Stellen mit Dank für Unterstützung und Kooperation verbinden möchte. Bei meinem Amtsantritt am 1. Oktober 1996 fand ich trotz allgemein großer Probleme des deutschen Hochschulsystems sehr gute Voraussetzungen für diese Arbeit vor. Die Universität Bielefeld verfügt über einen internationalen Ruf in der Forschung Dank ihres besonderen, vor allem interdisziplinär geprägten Profils. Gleichzeitig ist sie bei den Studierenden beliebt, wie die Einschreibungszahlen auch im Vergleich zum Bundestrend zeigen. Darüber hinaus ist für sie eine bemerkenswerte Konsenskultur charakteristisch, die maßgeblich von Ihnen, lieber Herr Grotemeyer, in 23jähriger Amtszeit geprägt wurde. Hier geht es fast immer um unaufgeregte, sachgerechte Problemlösungen, ohne dass dabei Konflikte unter den Tisch gekehrt werden. Ich hoffe, dass sich dies auch bei der Ausarbeitung unserer neuen Grundordnung wieder bewähren wird!

Trotz dieser guten Voraussetzungen gab es selbstverständlich mehr als genug zu tun. Es ging darum, auch in den Umbruchzeiten, in denen die Hochschulen jetzt zweifellos leben, die Vorzüge dieser Universität zu erhalten und sie der Gegenwart anzupassen. In diesem Zusammenhang gab es intensive Diskussionen um unser Profil, um Fragen der Hochschul-Autonomie und selbstverständlich um die Studienreform - jetzt vor allem unter dem Aspekt der Internationalisierung und der gestuften Studiengänge. In der Hochschulautonomie sind wir durch das neue Hochschulgesetz und die darin gegebenen Experimentiermöglichkeiten ein deutliches Stück voran gekommen. Ein Rückschlag war allerdings die Einrichtung eines Landesbetriebs, der zentral und weit weg von den Hochschulen den Immobilienbesitz des Landes verwaltet und damit unnötige Schwerfälligkeit und Bürokratisierung verursacht.

Auch wenn der Verdacht, dass es der Politik bei dem auch in der Öffentlichkeit interessiert verfolgten Qualitätspakt möglicherweise nicht allein um Qualität als nicht zuletzt um Einsparungen ging, nie ganz ausgeräumt wurde und das Vorhaben bei uns oft mit „Qual.pakt“ abgekürzt wurde, war dies doch ein wichtiger Anlass, über das eigene Profil und Weichenstellungen für die nächsten 10 Jahre universitätsweit nachzudenken. Dies ist in einem wirklich vorbildlich konsensuellen Verfahren geschehen, obwohl dabei auch schmerzliche Einschnitte gemacht werden mussten. Selbstverständlich ging es dabei auch darum, die traditionellen Stärken dieser Universität zu erhalten, und dazu gehört selbstverständlich als Strukturmerkmal die Interdisziplinarität. Ich kann hier nur ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit einige Andeutungen machen. Diese Universität ist traditionell stark in den Geistes- und Sozialwissenschaften, und wir wollen diese Stärken z.B. mit einem neuen Sonderforschungsbereich in der Geschichtswissenschaft fortschreiben, der von den Fachgutachtern bereits positiv bewertet wurde. Ein anderes, auch von Politik und weiterer Öffentlichkeit mit Interesse verfolgtes Feld ist die Konflikt- und Gewaltforschung. Aber auch die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer haben sich längst an der Universität mit Erfolg etabliert. So ist im November vergangenen Jahres ein geplanter SFB unter der Leitung der Experimentellen Physik und in Zusammenarbeit mit den anderen Naturwissenschaften sehr positiv vorbegutachtet worden. Einen großen Boom gibt es seit einiger Zeit auch in Bielefeld in der Bio-Gentechnik. Wir haben uns hier nach dem Urteil der Deutschen Forschungsgemeinschaft

zu einem der Spitzenstandorte in Deutschland entwickelt. Gerade die hier früh praktizierte Verbindung von Biowissenschaften und Informatik hat sich als außerordentlich erfolgreich erwiesen. Diese Forschungen werden übrigens hinsichtlich ihrer Risiken sozialwissenschaftlich begleitet. Dass es sich bei den Stärken in der Forschung nicht nur um Eigenlob handelt, wurde zuletzt gerade bei den Spitzenplätzen im Ranking von Centrum für Hochschulentwicklung und STERN deutlich, auch wenn man so etwas nicht überbewerten darf und aus unserer Sicht auch weitere Fächer als nur Erziehungswissenschaften, Mathematik und Geschichte solche Spitzenplätze verdient hätten. Es wurden allerdings auch nicht alle Fächer untersucht.

Dafür, dass die Universität ihren Ruf in der Forschung insgesamt halten konnte, war entscheidend, dass jetzt laufende Generationswechsel bisher gelungen ist. Viele renommierte Wissenschaftler sind in den letzten Jahren aus dem Dienst ausgeschieden oder werden dies demnächst tun. Auch durch frühzeitige Planungen zwischen Fakultäten und Rektorat konnten in vielen Fällen äußerst qualifizierte Nachwuchswissenschaftler gewonnen werden. Trotzdem haben auch wir dabei die Konkurrenz ausländischer und süddeutscher Hochschulen mit ihren attraktiven Angeboten deutlich gespürt. Dies ist ein großes Problem, und ich apelliere an dieser Stelle an die Politik, die Hochschulen besonders an dieser Stelle nicht allein zu lassen, sonst droht in Deutschland der Absturz in die Zweitklassigkeit!

Ich möchte nicht den Anschein erwecken, als sei Lehre an dieser Universität zweitrangig. Im Gegenteil: Forschung und Lehre sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne gute Forschung ist auf Dauer auch keine gute Lehre möglich und umgekehrt. Es war von Anfang an Kennzeichen dieser Universität, Studierende möglichst schnell nah an die Forschung heranzuführen. Vieles von diesem Impuls hat sich erhalten. Wer als Studierender deutliches Interesse an Forschungsprozessen zeigt, wird auch in dem Massenbetrieb, der wir längst wie die anderen Hochschulen geworden sind, von den Wissenschaftlern immer noch mit offenen Armen aufgenommen! Wissenschaftliche Ausbildung bezieht sich auch auf die Lehramtsstudiengänge. Die im Zusammenhang mit der Universität wohl öffentlichkeitswirksamste Diskussion ging um Vorschläge im Rahmen des Qualitätspaktes, die Primarstufenlehrerausbildung trotz ihrer anerkannten Qualität aus Bielefeld abzuziehen. Die Universität hat hier eindeutig Stellung bezogen und nicht zuletzt mit Hilfe von Politikern aus der Region sowie der Einsicht im Wissenschaftsministerium den Verbleib dieses Studienganges erreicht. Obwohl die Diskussion um die Reform des Oberstufenkollegs zum Teil recht kontrovers verlief, haben Ministerium und Universität zusammen mit der wissenschaftlichen Leitung des OS eine Lösung gefunden, die breite Zustimmung erhalten hat.

Ein Thema, das die Universität in den nächsten Jahren weiter intensiv beschäftigen wird, ist die Internationalisierung. Es geht dabei auch um eine Reform der Studienstruktur; wenn wir ausländische Studierende stärker für ein Studium in Deutschland interessieren und gleichzeitig die Chancen unserer Absolventen auf dem ausländischen Arbeitsmarkt erhöhen wollen. Dazu ist es erforderlich, unsere Studienstruktur stärker internationalen Standards anzupassen. Das bedeutet, sich auf ein dreistufiges Modell mit Bachelor-, Master- und Promotionsstudium und einer stärkeren Modularisierung des Studiums einzulassen. Darüber haben wir in den letzten Jahren intensiv nachgedacht und erste Schritte in diese Richtung eingeleitet. In diese Umstrukturierung sollen auch die Lehramtsstudiengänge mit einbezogen werden, die wir im Rahmen der im neuen Hochschulgesetz vorgesehenen Experimentierklausel entwickeln und erproben wollen. Dabei wird keine Fakultät gezwungen, sich auf diese Struktur umzustellen, und das heißt auch nicht, dass unsere traditionellen Diplom- und Magisterabschlüsse etwa schlechter wären als der Master. Es hat sich aber gezeigt, dass sie im Ausland nicht im wünschenswerten Ausmaß Anerkennung finden.


Auch das Thema „Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis“ hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die Universität hat dazu verstärkte Anstrengungen unternommen und besonders in der Region zahlreiche Kooperationen aufgebaut. Ich erinnere als ein Beispiel von vielen nur an unsere Aktivitäten im Rahmen der Gesundheitsregion Ostwestfalen-Lippe. Zum Transfer gehört auch, wissenschaftliche Erkenntnisse in allgemeinverständlicher Form darzustellen und die Öffentlichkeit über all das Spannende, was hinter diesen dicken Mauern geschieht, fortlaufend zu informieren. Nur so wächst das notwendige Verständnis und Interesse an unserer Arbeit. Auch an dieser Stelle können wir noch viel von ausländischen Hochschulen lernen, und ich denke, wir werden das auch tun. Daher freut es mich besonders, dass mein Rektor- bzw. Präsidentenkollege, Hans Weiler, von der Stanford University zu dieser Feier gekommen ist. Wir können viel von seinen Erfahrungen lernen, die er als Präsident in Frankfurt an der Oder und als Professor in Stanford gemacht hat. Und ich freue mich, dass ich ihn für unseren neu einzurichtenden Universitätsrat gewinnen konnte.

Einen großen Fortschritt für die Öffentlichkeitsarbeit und die Erhöhung der Attraktivität des Standorts Bielefeld bedeutet die Einrichtung unseres Campus-Radios, das ausschließlich von Studierenden betrieben wird - übrigens mit Unterstützung der Universitätsgesellschaft. Das Engagement, aber auch die Professionalität dieser Studierenden ist einfach lobens- und bewundernswert! Bemerkenswert ist, dass die beliebteste Sendung zwischen 0 und 1 Uhr liegt und Mitschnitte aus beliebten Vorlesungen enthält. Sie sehen, liebe Frau Behler, wir erweitern somit freiwillig Ihre Lehrverpflichtungsverordnung!

Zum Schluss bleibt mir nur noch, allen denen Dank zu sagen, die mich in meiner Amtszeit unterstützt haben und die dazu beigetragen haben, dass mir dieses Amt viel Freude gemacht hat. Diese Arbeit war immer Teamarbeit, und daher geht mein Dank an die Prorektoren Philippe Blanchard, Christoph Gusy, Wolfgang Krohn, Dieter Timmermann, Walter Trockel und Joachim Wieland und an unseren Kanzler Karl Hermann Huvendick, der zur Mannschaftsleistung des Rektorats immer entscheidend beigetragen hat. Hinter ihm steht eine außerordentlich leistungsfähige Verwaltung, aus der ich stellvertretend - und alle anderen mögen sich ausdrücklich als mitgemeint betrachten! - nur Hartmut Krauß und Hans-Jürgen Simm als wichtige Berater des Rektorats nenne. Viel Freude hat mir auch die Zusammenarbeit mit meinen unmittelbaren Mitarbeiterinnen Marlies Wittemeier und Heide Kickert und meinem Referenten Hans-Martin Kruckis gemacht. Mein Dank geht auch an die Vertreter der Studierendenschaft, des Sprecherrats der wissenschaftlichen Mitarbeiter, der Personalräte und an das Studentenwerk mit seinem Leiter Günther Remmel für eine äußerst konstruktive Zusammenarbeit.

Wichtige Ansprechpartner besonders auf regionaler Ebene waren immer unsere Landtagsabgeordneten, nicht zuletzt Frau Gemkow, Frau Gießelmann, Herr Böcker und Herr Dr. Brunemeier. Die Beziehungen zur Stadt Bielefeld haben sich in letzter Zeit deutlich intensiviert, und das ist nicht zuletzt Ihr Verdienst, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister David. Die zahlreichen Kooperationspartner aus Wirtschaft und Verwaltung vor allem in der Region zu nennen, würde den Rahmen dieser kurzen Bemerkungen komplett sprengen. Hervorheben möchte ich die konstruktive Zusammenarbeit mit dem IHK-Präsidenten, Herrn Fritz Wilhelm Pahl, sowie dem Präsidenten des IHC, Herrn Karl Fordemann.

Eine besondere Rolle im Wechselspiel von Universität und Gesellschaft spielt der Freundeskreis der Universität. Daher danke ich der Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft mit ihrem Vorsitzenden Herrn Goldbeck und dem sehr engagierten Geschäftsführer, Herrn Professor Dr. h.c. Helmut Steiner für das große Verständnis für die universitären Belange. Danken möchte ich aber auch dem langjährigen Vorsitzenden der Universitätsgesellschaft, Herrn Gerd Seidensticker, der sich stets für die Belange der Universität im Allgemeinen und der Studierenden im Besonderen eingesetzt hat und der bei seinem Ausscheiden aus diesem Amt der Universität eine äußerst großzügige Spende hat zukommen lassen. Ebenso engagiert hat sich Frau Karen Leffers über viele Jahre für die Belange der ausländischen Studierenden – und dies nicht nur mit großem persönlichen, sondern auch finanziellen Einsatz.

Eine fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich auch mit den Hochschulen der Region, also mit den Universitäten Münster und Paderborn, der Kirchlichen Hochschule Bethel und der Musikhochschule Detmold sowie mit den Fachhochschulen Bielefeld und Lippe, deren Rektoren oder Prorektoren heute anwesend sind. Mein besonderer Dank gilt der Landesrektorenkonferenz, in der es immer möglich war – trotz der vielfältigen Probleme und der unterschiedlichen Bewertungen ministerieller Vorgaben, wie z.B. des Qualitätspakts – konstruktiv zusammenzuarbeiten. Dies war auch ein Verdienst der jeweiligen Vorsitzenden der LRK. Ich möchte mich daher bei Ihnen, lieber Herr Klein, für die stets souveräne und humorvolle Art, ihr Amt als LRK-Vorsitzender zu führen, sehr herzlich danken. Dieser Dank gilt auch Ihren Vorgängern im Amt, Herrn Meincke (Köln), Herrn Weber (Paderborn) und Herrn Bormann (Bochum).

Bielefeld liegt sehr weit von Düsseldorf entfernt. Trotzdem hatten wir nie Schwierigkeiten, unsere Anliegen bei der Landesregierung zu

Gehör zu bringen. Sie verehrte, Frau Behler, haben immer wieder großes Verständnis für die Probleme der Universität Bielefeld bewiesen und waren auch kurzfristig und informell immer wieder bereit, diese Probleme vor Ort zu diskutieren und sie, wo nur irgend möglich, mit großer Energie und Sachkenntnis zu lösen. Stellvertretend aus Ihrem Ministerium möchte ich mich bei Herrn Kleffner, Herrn Jenkner und Herrn Gollos, die Bielefeld gegenüber immer Kompetenz mit Aufgeschlossenheit verbunden haben.

Meine Damen und Herren, wie bereits gesagt: dieser Dank kann nur ein stellvertretender sein, und ich hoffe sehr, dass alle, die nicht namentlich genannt wurden, aber mitgemeint sind, dies auch so verstanden haben! Ich gehe gerne in Forschung und Lehre zurück und wünsche dem neuen Rektorat unter meinem Nachfolger Dieter Timmermann viel Erfolg und Kraft bei der Lösung der großen vor ihnen liegenden Aufgaben und der Universität Bielefeld eine entsprechend erfolgreiche Weiterentwicklung!

 
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