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Vortrag des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler zur Eröffnung der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" am 27. Januar 2002 in der Ravensberger Spinnerei Bielefeld. (Die Ausstellung wird bis zum 17. März 2002 im Historischen Museum der Stadt Bielefeld gezeigt.)


Wehrmacht und Nationalsozialismus

Ich freue mich über Ihr Interesse, das Sie offensichtlich hierher geführt hat. Am Anfang möchte ich zunächst erklären, was ich nicht vorhabe, erst später, was ich im wesentlichen beabsichtige.

1. Ich möchte nicht die Militärexperten, die es hier sicher gibt, belehren. Vielmehr geht es mir darum, jene Zuhörer zu erreichen, die mit einem allgemeinen Interesse, aber ohne genauere Vorkenntnis hierher gekommen sind.

2. Ich möchte nicht Schritt für Schritt in die Ausstellung einführen. Wer Neugier und etwas Geduld mitbringt, wird durch die Informationstexte und die Bilder der Ausstellung zuverlässig in ihre Problematik eingeführt.

3. Ich möchte nicht das aussichtslose Spiel weiterbetreiben, endlich herauszufinden, wie hoch der genaue Prozentsatz derjenigen Wehrmachtsangehörigen gewesen ist, die während des Krieges in Osteuropa, in Russland, aber auch in Südosteuropa, Italien und Frankreich Kriegsverbrechen nachweislich begangen haben - Kriegsverbrechen im präzisen Sinn des bis Kriegsende gültigen deutschen Militärstrafgesetzbuchs und des internationalen Kriegsrechts, etwa der Haager Landkriegsordnung. Das ist empirisch ein aussichtsloses Unternehmen, da das deutsche Militär bis zum Mai 1945 rund 18 Millionen Männer in Uniformen gesteckt hat, knapp ein Viertel der Gesamtbevölkerung des „Großdeutschen Reiches“.

Diese Millionen machten - um ein Problem kurz zu skizzieren, das von der Ausstellung wieder belebt worden ist - außerordentlich unterschiedliche Kriegserfahrungen in einem Gebiet unter deutscher Besatzungsherrschaft, das zeitweilig von Narvik bis Kreta, von der Atlantikküste bis zur Krim reichte. Wer jahrelang in Norwegen oder Dänemark, in Südfrankreich oder auf Rhodos stationiert blieb, besaß dort auffällig gute Überlebenschancen. Wer dagegen an die Ostfront in Russland geschickt wurde, dessen Überlebenschancen sanken rapide und gleichzeitig stiegen die Chancen, in widerrechtliche Aktionen verwickelt zu werden.

Es ist mithin kein Wunder, dass es extrem unterschiedliche Kriegserinnerungen gab und gibt. Und da, statistisch gesehen, in jeder deutschen Familie mindestens ein Mann - ob Vater oder Ehemann, ob Sohn oder Bruder oder alle zusammen - bei der Wehrmacht war, häuften sich zuhause zum einen die Berichte über ganz „normale“ Kriegserlebnisse, denen zufolge die eigene Einheit an keinem Unrecht beteiligt gewesen sei. Zum andern war die verheimlichte Erinnerung an eigene grausame Kriegsverbrechen so bedrohlich, dass sie in der Regel völlig verschwiegen und verdrängt wurde.

So konnte sich in nahezu jeder Familie der Eindruck festsetzen, dass die Wehrmacht durchweg „sauber“ gekämpft habe. Irgendein männliches Familienmitglied stand stets dafür gerade, mit dem ganzen Gewicht der Erfahrungen eines mehrjährigen Kriegsteilnehmers. So wurde, noch ehe die Generäle ihre verklärenden Erinnerungen veröffentlichten, die Kriegsführung der Wehrmacht unter das große Tabu gestellt, dass in einer Zeit namenloser Verbrechen wenigstens sie einen unbefleckten Ehrenschild bewahrt habe. Diese Überzeugung infrage zu stellen hieß Unfrieden, ja Empörung in nahezu jede Familie hineintragen. Die zähe Verteidigung des Tabus bis hin zu den empörten Reaktionen auf die erste und zweite Wehrmachtsausstellung beweist, wie tief diese Schutzbehauptung verankert war und mancherorts noch immer verankert ist.

Der wahrhaft Schuldige an der Front und im Hinterland war dagegen schnell ausgemacht. Auf ihn konnten sich fast alle sofort einigen. Wie es ein fast genialer Buchtitel vor 44 Jahren genau erfasste: „Die SS - das Alibi einer Nation“. Dieser Titel traf mit traumwandlerischer Sicherheit das Bedürfnis zahlloser Deutscher - um es in der Sprache der Ökonomie auszudrücken - die schrecklichen sozialen Kosten des großen Gemetzels zu externalisieren: Die SS blieb der große Schurke, der für das Morden allein verantwortlich war. Zugleich bildete ihre unbestreitbare Schuld eine Art von Schutzpanzer, um die Vergehen der Wehrmacht von sich fernhalten zu können.

So unstrittig nun die Unterschiede der Kriegserfahrungen in einem 18-Millionen-Herr gewesen sind, so unstrittig sollte aber auch eigentlich die Position sein, dass die Streitkräfte nicht fünfeinhalb Jahre lang an dem Krieg eines Regimes, das einen welthistorisch einzigartigen Rassen- und Vernichtungskrieg mit unbeirrbarer Zielstrebigkeit betrieb, im Zustand der andauernden künstlichen Unschuld teilnehmen konnten. Sie waren ja nicht nur das gehorsame Instrument, ohne dass die verbrecherischen Pläne nicht hätten ausgeführt werden können. Vielmehr unterstanden sie auch einer Führung, wie ich im folgenden argumentieren werde, welche die Zielvorstellungen der Führerdiktatur weithin teilte und sie bereitwillig zu verwirklichen übernahm.

Überall ist das Militär ein hierarchisch gegliederter Kampfverband, in dem die Befehle von oben nach unten verlaufen und dort in der Regel auf Gehorsam treffen. Wer über die Wehrmacht und den Nationalsozialismus spricht, muss daher davon ausgehen, dass es bei diesem Verhältnis im Wesentlichen zuerst einmal um das höhere Offizierkorps, nicht aber primär um den sogenannten einfachen Landser geht, der bereitwillig oder widerwillig Befehle ausführte. Die Bereitwilligkeit von Hunderttausenden, befehlsgemäß an Mordaktionen teilzunehmen, wirft ihre eigenen Probleme auf, auf die ich noch eingehe. Sie können jedenfalls nicht auf der Linie des miserablen Traktats von Daniel Goldhagen geklärt werden, wonach die Deutschen als „Hitlers willige Vollstrecker“ seit Jahrhunderten nur darauf gewartet hätten, dass ihnen die Tore für den Massenmord endlich geöffnet würden. Also etwa so, dass jeder deutsche Soldat im Grunde dazu bereit gewesen sei, sich im Vernichtungskrieg und Rassenwahn, seinem tiefverwurzelten Hass auf Juden und Slawen folgend, endlich auszutoben. Die Dinge sind schwieriger zu klären.

Indem es heute an erster Stelle um die Frage geht, warum die Führungsspitze der Wehrmacht so unzweideutig auf den Kurs des NS-Regimes einschwenkte, möchte ich dazu beitragen - und das ist meine eigentliche Absicht, mein Hauptziel - ,dass Sie besser als bisher verstehen, warum überhaupt ein so gewaltiger Militärapparat auch im Vernichtungs- und Rassenkrieg im Sinne der nationalsozialistischen Ziele angesetzt werden konnte.

Dieses Verständnis zu fördern ist eine der wesentlichen Aufgaben des Historikers, und ich muss dafür ein wenig zurückgreifen, nicht weil das unserer Berufskrankheit entspricht, sondern weil man sonst die fatale Affinität von Nationalsozialismus und Wehrmachtführung, die weitreichende Übereinstimmung gemeinsamer Ziele nicht verstehen kann. Es bringt nichts, gleich in den Krieg seit 1939 hineinzuspringen. Wir müssen zuerst einmal das mentale Gepäck aus den Erfahrungen der vorhergehenden Jahre kennen lernen, um das Verhalten seit 1939 begreifen zu können. Denn die Köpfe waren voller Erinnerungen und Hoffnungen, voller Ressentiments und Hassgefühle, längst ehe der neue Weltkrieg begann. Diese Mentalität müssen wir kennen. Allein das moralische Urteil über die Exzesse des Krieges fällt ja außerordentlich leicht, zumal für jene von uns, die nur die lange europäische Friedensepoche seit 1945 kennen.

Der Ausgangspunkt für unser Thema muss ganz unstreitig 1918 sein. Das Riesenheer des Kaiserreichs musste damals nach vier Kriegsjahren kapitulieren. Die hochfliegenden Hoffnungen auf einen Siegfrieden waren Anfang 1918 noch einmal aufgelebt. Denn Russland war soeben wegen der bolschewistischen Revolution im Frieden von Brest-Litowsk aus dem Ring der Alliierten ausgeschieden. Der fatale Zweifrontenkrieg hörte damit auf. Alle Kräfte konnten, schien es, jetzt auf die Westfront konzentriert werden, wo die amerikanischen Truppen nur langsam eintrafen. Im Westen standen 169 alliierte Divisionen 192 deutschen Divisionen gegenüber, aber im Osten waren noch anderthalb Millionen Männer in 50 deutschen Divisionen stationiert. Anstatt ihre große Mehrheit sofort nach Westen zu werfen, entschloss sich die 3. Oberste Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg, unterstützt von fast allen Parteien, Interessenverbänden und einer großen politischen Öffentlichkeit, mit 40 Divisionen zu einem aberwitzigen Eroberungsfeldzug nach Osten aufzubrechen, der deutsche Truppen erstmals auf die Krim und in den Kaukasus, an das Schwarze und das Asowsche Meer führte.

Voller Verblendung glaubte man, dass jetzt ein riesiges Ostimperium gewonnen sei, geschützt durch neue Satellitenstaaten von Finnland über die drei baltischen Länder und die Ukraine bis hin zu Georgien - jenes blockadefeste kontinentale Großreich, das nicht nur die Militärs für den nächsten Krieg für unabdingbar hielten. Für Hitlers Generation, und das heißt auch für 13 Millionen Soldaten, hatten daher deutsche Einheiten schon einmal, sogar ziemlich mühelos, dort gestanden, wo sie 24 Jahre später wieder auftauchen sollten. An der Westfront aber fehlten jene 40 Divisionen des Ostheeres, das durch den Kontinentalimperialismus weiter gebunden blieb. Die letzte deutsche Offensive scheiterte daher nach verblüffenden Anfangserfolgen. Der englische Oberkommandierende Haig glaubte fest, dass nur weitere sechs deutsche Divisionen im März und April 1918 genügt hätten, um die alliierte Front völlig aufzusprengen. Durch diese Lücke hätten vier Millionen kriegserfahrene Soldaten vorstoßen können. Dann wäre, vor dem Eintreffen der amerikanischen Verbände, der Ausgang im Westen wieder offen, nach dieser Katastrophe für die Alliierten vielleicht doch noch ein Verhandlungsfrieden möglich gewesen.

Stattdessen kam die völlige Niederlage, die Auflösung des Westheeres, schließlich die auf Drängen Ludendorffs eingeleitete Kapitulation. Aus euphorischen Siegesträumen herausgerissen, kurz vor der Verwirklichung phantastischer Kriegsziele, die im Osten schon erreicht schienen, brach der deutsche Widerstand endgültig zusammen. Und nicht nur das: Statt des Sieges folgte die Novemberrevolution der Arbeiter- und Soldatenräte, spontan gebildeter Kampforganisationen, die zeitweilig die Macht übernahmen. Nicht nur die Westfront zerbrach, sondern auch die „Heimatfront“ zerfiel. Daraus entstand die ominöse Dolchstoßlegende der Militärs, wonach die Heimat der siegreichen Front in den Rücken gefallen sei und dadurch den greifbar nahen Sieg verhindert habe.

Dieses doppelte Trauma: nach einem vierjährigen Krieg gegen eine überlegende Allianz die äußere Niederlage und dazu der innere Zusammenbruch, hat die deutsche Öffentlichkeit, die politischen Parteien von der Rechten bis zur Linken, nicht zuletzt aber besonders das Militär und seine Führung zwei Jahrzehnte lang geprägt.

Zweieinhalb Millionen Tote, nahezu ein Fünftel aller eingezogenen Männer - umsonst gestorben. Fast fünf Millionen Verwundete - umsonst verstümmelt. Und dazu dann noch der Versailler Frieden, auffällig milde im Vergleich mit dem Frieden von Brest-Litowsk, den die 3.

Oberste Heeresleitung im Vorjahr den Bolschewiki diktiert hatte (zur Erinnerung: Russland verlor ein Drittel seiner Bevölkerung, mehr als die Hälfte seiner Industrie, 90% der Kohlenlager, je ein Drittel seines Ackerlandes und Eisenbahnnetzes). Aber allgemein wurde er als karthagischer Frieden empfunden und zur Quelle eines unstillbaren Ressentiments gegen die gesamte Nachkriegsordnung. Er führte zu einer hartnäckigen Verweigerung des Friedens. Von 13 Millionen Soldaten ließ dieser Vertrag nurmehr ein 100.000-Mann-Heer, eigentlich nur eine bewaffnete Schutzpolizei, übrig. Nur 4.000 Offiziere von 84.000 durften in ihrem Beruf bleiben - ein neuer als demütigend empfundener Absturz der ehemals größten Militärmacht des Kontinents.

Wie hat nun, um das Problem einzugrenzen, die neue Reichswehr auf die Niederlage und auf Versailles reagiert? Historiker gehen häufig - wie mir scheint zu recht - von der Voraussetzung aus, dass Menschen immer aus eingreifenden Lebenserfahrungen lernen. Die Frage ist nur: wie. Im besten Fall lernen sie realitätsnah, häufig aber nur annäherungsweise der Wirklichkeit entsprechend, oft auch so verzerrt, soweit weg von den tatsächlichen Bedingungen, dass wir von einem pathologischen Lernen sprechen. Nach einem vierjährigen Gemetzel im großen Stil - mit den bisher verlustreichsten Schlachten der Weltgeschichte von Verdun und an der Somme mit jeweils einer Million Toten - konnte man die Konsequenz durchaus für realistisch halten, unter allen Bedingungen auf die Wiederholung eines solchen großen Massakers zu verzichten. Diesen Schluss hat aber nur die winzige Minderheit redlicher Pazifisten und ein Teil der Sozialdemokratie gezogen. Bis weit in das demokratische und liberale Lager hinein zog dagegen eine große Mehrheit den historisch vertrauten Schluss, bei der ersten passenden Gelegenheit den nächsten Krieg zu führen, um die Ergebnisse des Weltkriegs zu korrigieren. Frankreich das Elsass und Lothringen noch einmal zu entreißen, von den Engländern die Kolonien zurückzugewinnen, vor allem aber im Osten den abgrundtief verhassten polnischen Neustaat, an den soeben die preußische Beute aus den polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhunderts gefallen war (Westpreußen, Posen, Teile von Oberschlesien), zu zerschlagen und die preußischen Ostprovinzen wieder zu gewinnen.

All das, hieß es bald, gehe nur unter zwei Bedingungen. Zum einen müsse Deutschlands militärische Macht noch moderner, noch überlegener als im Ersten Weltkrieg aufgebaut werden. Zum andern müssten alle ökonomischen und gesellschaftlichen Ressourcen weit besser genutzt, die „Heimatfront“ absolut stabil gehalten werden, um das zweite Ringen endlich siegreich bestehen zu können.

Man hat oft an dem 100.000-Mann-Heer der Weimarer Republik seinen konservativen Charakter betont: Unter den Berufssoldaten überwogen ostelbische Männer vom Lande, Städter und erst recht Sozialdemokraten bildeten eine vergleichsweise noch geringere Minderheit als im kaiserlichen Heer. Unter den übernommenen 4.000 Offizieren machte der Adelsanteil fast ein Viertel aus und lag fast so hoch wie die 30% vor 1914. Dieses Bild vom Rückzug in ein konservatives Schneckenhaus führt jedoch ganz in die Irre. Ausschlaggebend für die Zukunft war der Kern des neuen Offizierkorps. Aufgenommen wurden vor allem Stabsoffiziere, nicht populäre Haudegen. Diese Stabsoffiziere hatten eine vorzügliche kriegstechnische Ausbildung hinter sich, einen geschulten analytischen Verstand, die Bewährung an zahlreichen schwierigen Aufgaben im Krieg erlebt. General Hans v. Seeckt, bald der informelle Chef der Reichswehr, hat mit seiner Auswahlkommission diesen Typus des planungsfähigen, durchaus modernen, technokratischen Stabsoffiziers rigoros bevorzugt. In den relativ kleinen Gremien dieser Reichswehroffiziere, rein technisch gesehen eine höchst kompetente militärische Planungselite, setzten sich in kurzer Zeit Zielvorstellungen durch, die einen unerhörten Sprung in der Geschichte des deutschen Militärwesens markierten. Tatsächlich war es ein qualitativ neuartiger Militarismus, der dort vordrang. Während der alte preußisch-deutsche Militarismus auf einer Verklärung der gesellschaftlichen Sonderrolle des Militärs namentlich seit den drei Einigungskriegen der Bismarckzeit beruhte, nahm der neue Militarismus seit 1919 die gesamte Gesellschaft für seine Kriegspläne lückenlos in Anspruch.

Um welche Ziele ging es dabei?

Deutschland müsse so schnell wie möglich wieder aufrüsten, um sich auf den großen Revisionskrieg rechtzeitig einzustellen. Das 100.000-Mann-Heer galt daher als kurzlebige Übergangslösung. Sofort gab es daneben 350 bis 400.000 Männer in den Freikorps, Hunderttausende, zeitweilig eine Million Männer in bewaffneten Einwohnerwehren. Auch als beide verboten wurden, gab es die heimlich aufgebaute „schwarze“ Reichswehr, Grenzschutzverbände und bald große paramilitärische Einheiten wie den „Stahlhelm“ und die SA - ebenfalls wieder Hunderttausende mit leichtem Zugang zu den Waffenarsenalen der Reichswehr. Kurzum: Inoffiziell hat die Weimarer Republik selten weniger als eine Millionen Männer unter Waffen gehabt, heimlich finanziert von republiktreuen Regierungen, die sich den Forderungen der Militärspitze fügten, welche die Grundlage für ein künftiges Massenheer legen wollte. Ich kenne keinen europäischen Staat im 19. und 20. Jahrhundert, der nach einer drastischen Niederlage sofort wieder so furios für den Revisionskrieg gerüstet hat.

Für die Gesamtplanung gab der gescheiterte, aber weiter verehrte führende Kopf der 3. Obersten Heeresleitung, General Ludendorff, das entscheidende Stichwort, als er in einem ungemein einflussreichen Erfolgsbuch die Natur des künftigen Krieges als „totalen Krieg“ charakterisierte. Total sollte der Einsatz aller militärischen Mittel, vor allem aber auch der ökonomischen, gesellschaftlichen, psychischen und mentalen Ressourcen der „Heimatfront“ ausfallen, um bei der zweiten Kraftprobe den Sieg zu gewährleisten. Im letzten Weltkrieg hatte Deutschland die totale Mobilisierung nicht erreicht, obwohl sie angeblich möglich gewesen sei. Aber das Zögern der Politiker und der Zerfall der „Heimatfront“ hatte, hieß es, den Endsieg gegen die nur äußerlich überlegenen Alliierten verhindert.

Auf diesen Fluchtpunkt ihrer Planungsarbeit konnten sich die strategisch denkenden Offiziere einigen. Das Konzept eines totalen Krieges erschien ihnen als durchdachtes, folgerichtiges Ergebnis ihres Lernens aus den Erfahrungen des Weltkriegs. Selbstbewusst, mit dem ganzen Hochgefühl des Überlegenen, sahen sie sich an der Spitze des internationalen militärstrategischen Denkens. Mit ihrer radikalen Konsequenz glaubten sie sich auch jenen wenigen Offizieren weit überlegen, die sich allein auf einen Verteidigungskrieg gegen eventuelle polnische, tschechische, französische Übergriffe mit kleinen mobilen Einsatzverbänden einstellen wollten.

In der deutschen Öffentlichkeit fand diese den Endsieg verheißende Konzeption des totalen Krieges eine erstaunliche Zustimmung. Führende Intellektuelle wie die Juraprofessoren Carl Schmitt und Ernst Forsthoff, der bekannte Soziologe Hans Freyer forderten den totalen Staat zur Vorbereitung des totalen Krieges. Am nachhaltigsten wirkte sich das Plädoyer des Schriftstellers Ernst Jünger aus, eines der großen Verderber in der neueren deutschen Geistesgeschichte. Denn Jünger, der einzige Infanterieleutnant mit dem Orden Pour le Mérite und vielgelesener Autor, forderte beschwörend die sofortige „Rüstung bis ins innerste Mark“, die totale Mobilmachung schlechthin aller Kräfte bereits im Frieden, um den nächsten Krieg zu gewinnen. Dieser Krieg bilde für den „deutschen Menschen“, prophezeite er, „das Mittel, sich selber zu verwirklichen“. Kurz darauf gab es für Millionen Deutsche fünf Jahre lang die Gelegenheit, sich in diesem Sinne „selber zu verwirklichen“.

Wer aber konnte als unangefochtener Anführer diese totale Mobilmachung durchführen? Die Antwort gab der charismatische Führer einer radikalnationalistischen Massenbewegung - Adolf Hitler an der Spitze der NSDAP. Hitler teilte mit der gesamten Führungsriege der seit 1928 auch offiziell so genannten Hitler-Bewegung das Doppeltrauma der äußeren und inneren Niederlage. Auch er hielt mit seinem engeren Kreis an der Leitidee des großen Revisionskrieges fest, den er aber von Anfang an auch noch mit einem antirussischen Lebensraum-Imperialismus verbinden wollte. Hitler redete daher einer ungehemmten, von den Fesseln des Versailler Vertrages befreiten Aufrüstung das Wort. Vor allem aber versprach er die innere Einheit der künftigen nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ um die totale Indienstnahme der „Heimatfront“ zu gewährleisten.

Die Hitler-Bewegung hat von Anfang an enge Beziehungen zur Reichswehr besessen, besonders über Hitlers einzigen Duzfreund, Ernst Röhm, den späteren SA-Chef und das Mordopfer vom Sommer 1934. Die Reichswehr hat die neuen Rechtsradikalen durchweg wohlwollend behandelt. Aber als sie bei den Reichstagswahlen von 1930 6.4 Millionen Stimmen und 107 Abgeordnete im Reichstag gewonnen und anderthalb Jahre später sogar fast 14 Millionen Wähler anzogen und mit 230 Abgeordneten die mit Abstand größte Fraktion im Reichstag stellten, wurden sie zu einer unübersehbaren innenpolitischen Macht, die auf die Reichswehr eine zunehmende Faszination ausübte.

Welche Übereinstimmung der Grundauffassung und Ziele machte den Nationalsozialismus für die Militärspitze so attraktiv, ganz abgesehen von der Wirkung auf die Mannschaften und die jüngeren Offiziere, die, wie der Graf Stauffenberg, mit fliegenden Fahnen zum neuen Rechtstotalitarismus übergingen? Ich nenne ein halbes Dutzend der wichtigsten Punkte.

1. Identisch waren die Überzeugungen, dass in einem zweiten großen Krieg der Erste Weltkrieg radikal korrigiert werden müsse.

2. Dafür war eine zielbewusste Aufrüstung unabdingbar. Im Vorfeld übernahm die Hitler-Bewegung mit der SA und HJ die willkommene vormilitärische Ausbildung, die das Rekrutierungspotential frühzeitig vergrößerte.

3. Der Krieg musste als totaler Krieg geführt werden, um den Sieg zu gewährleisten. Entscheidend war dafür die geschlossene Front in der Heimat, welche der neue Messias der Deutschen mit seiner Bewegung zu garantieren versprach. Er übernahm auch die mentale Aufrüstung, die zu dem unerschütterlichen Glauben an den gerechten Endsieg führen sollte. Erstmals hatte die Militärführung den Eindruck, dass die Heimat als nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ vorbehaltlos hinter ihr stehe, ein neuer Dolchstoß mithin unmöglich sein werde.

4. Dass Hitler im Inneren alle Linksparteien ausschalten, die demokratische Republik durch ein straffes autoritäres Regime ersetzen wollte, hießen die Militärs ausnahmslos willkommen. Dieser Wechsel fügte sich in ihr Weltbild, wie sie sich den politischen Zustand des Gemeinwesens wünschten.

5. Denn erst das autoritäre System seit 1933, dann die Führerdiktatur kam dem politischen Denken, der traditionellen Mentalität des Offizierkorps durchaus entgegen. Lange auf den autoritären Monarchen als Kriegsherrn fixiert und eingeschworen, dann Hindenburg oder Ludendorff als „Ersatzkaiser“ stilisierend, fügte sich Hitlers Führerstaat nahtlos an. Dass Hitler seine charismatische Herrschaft nicht nur über seine Bewegung, sondern auf den gesamten Staat ausgedehnt hatte und blendende innen- und außenpolitische Erfolge in den sechs Friedensjahren errungen hatte, ließ viele an den Hitler-Mythos glauben. An der Spitze gab es bald mit Blomberg, Reichenau, Keitel eine Gruppe von geradezu hitlerhörigen Generälen.

6. Polen und Frankreich hielt diese Militärspitze ganz so selbstverständlich für künftige Gegner, wie das der Nationalsozialismus tat. Darüber hinaus teilte sie auch seine Auffassung, dass die Sowjetunion eine menschheitsbedrohende Gefahr verkörpere, die über kurz oder lang nach Möglichkeit eliminiert werden müsse. Der im Offizierkorps tiefverwurzelte Antisemitismus unterstützte die nationalsozialistische Lehre, dass der jüdische Bolschewismus die eigentliche Hauptgefahr verkörpere. Ein Sieg im Osten werden auch jenen Lebensrau sichern, über den man 1918, wie sich alle erinnerten, schon einmal verfügt hatte.

Aus solchen Gründen gehörte die Reichswehr zu denjenigen Machteliten, die im Winter 1932/33 massiv die Machtübergabe an Hitler betrieben. Sie begleitete den Regimewechsel extrem wohlwollend, gewissermaßen Gewehr bei Fuß. Hitler wusste, wovon er sprach, als er im Sommer 1933 auf einer Geheimkonferenz mit Parteibonzen einräumte, „ohne die Reichswehr stünden wir heute nicht hier“. Nur drei Tage nach der Übergabe des Kanzleramtes eröffnete Hitler mit verblüffender Offenheit der Generalität auf einem vertraulichen Treffen in Berlin seine Zukunftspläne: von der Aufrüstung bis zur Ostexpansion, den Krieg mit einkalkulierend - und fand ungeteilt Zustimmung.

Hatte sich die Reichswehr, bald darauf auf Wehrmacht umgetauft, bisher für einen souveränen Machtfaktor gehalten, der seine Autonomie zu behaupten wisse, stellte sich nunmehr in Windeseile heraus, dass sie zwar zu Recht an die Identität ihrer Leitideen mit Grundauffassungen der Hitler-Bewegung geglaubt, aber Hitlers Durchsetzungsvermögen und seine Fernziele fatal unterschätzt hatte. Der Prozess der Annäherung verwandelte sich unversehens in einen Prozess der Unterordnung der Wehrmacht unter die Leitungsansprüche des „Führers“. Obwohl dieser Prozess ihre vermeintliche Selbständigkeit zerstörte, hielt sie dennoch an dem Konsens der Zielvorstellungen fest. Die Etappen ihrer Instrumentalisierung sind schnell genannt.

Im August 1934 starb Reichspräsident v. Hindenburg. Hitler kombinierte sofort die Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in der neuen Stellung des „Führers“ und übernahm gleichzeitig damit das Oberkommando über die Wehrmacht. Damit unterstand sie auf einmal dem „großen Trommler“, den sie doch für ihre eigenen Zwecke nur hatte nutzen wollen. Sie musste seither dem „böhmischen Gefreiten“ gehorchen, wie Hindenburg und zahlreiche Offiziere den vor dem österreichischen Militärdienst nach München geflüchteten Wiener Asozialen bisher herablassend genannt hatten.

Von sich aus, nicht etwa auf Drängen Hitlers, bot General v. Blomberg, der neue Kriegsminister, im Kabinett die Vereidigung der Truppe auf Hitler als Person, nicht etwa als Amtsträger, an. Der neue Eid setzte unmissverständlich ein Reichsgesetz voraus. Er wurde jedoch ohne dieses Gesetz, also widerrechtlich, von allen Offizieren und Mannschaften geschworen; das Gesetz wurde erst später nachgereicht. Wer sich seither auf diesen ungesetzlichen Eid berief wie viele Offiziere, die von der kleinen militärischen Widerstandsgruppe zum Mitmachen aufgefordert wurden, billigte zum einen den Bruch des ersten Reichswehreids unter der Weimarer Republik und verklärte zum andern einen feudalistischen Eid auf einen Kriegsherrn, den „Führer“, ohne die Rechtsbasis des vorgeschriebenen Gesetzes - ein, um das mindeste zu sagen, sehr dubioses Verständnis von einem verpflichtenden Eid, der trotz seiner Defekte angeblich unverbrüchlich weitergalt. Im vorauseilenden Gehorsam, ohne Druck des NS-Regimes, entließ die Wehrmacht im Februar 1934 alle jüdischen Soldaten und schwenkte auf den Antisemitismus offiziell ein.

Die rapide Aufrüstung vertiefte die Symbiose zwischen Führerstaat und Wehrmacht, die bis 1939 statt 4.000 rund 84.000 Offiziere und mehr als eine Millionen regulärer Mannschaften besaß. Allerdings verschoben sich die Gewichte zunehmend zugunsten Hitlers, der nach einer Serie spektakulärer außenpolitischen Erfolge im November 1937 die Generalität unverblümt mit seinen Plänen zur Annexion von Österreich und der Tschechoslowakei und der gewaltsamen Lösung der Lebensraumfrage vertraut machte, ohne auf einen einzigen ernsthaften Einwand zu stoßen. Anfang 1938 entließ er kurzerhand den Kriegsminister v. Blomberg und den Generalstabschef v. Fritsch, übernahm selber den Oberbefehl über die Wehrmacht und unterstellte sich das neue Oberkommando der Wehrmacht, das seither alle Streitkräfte: Heer, Luftwaffe und Marine, dirigierte. Dass Hitler jetzt Herr im Haus der Wehrmacht war, konnte nicht mehr bezweifelt werden. Als er 1938 durch den „Anschluss“ Österreichs zum grenzenlosen Jubel der Österreicher und der Deutschen im Altreich den großdeutschen Traum verwirklichte und kurz danach die Tschechoslowakei zerschlug, erreichte sein Ansehen einen neuen Gipfel. Als Hitler seinen 50. Geburtstag am 20. April 1939 feierte, bildete den Höhepunkt ein waffenstrotzender, endloser Vorbeimarsch der Wehrmacht, eine wahre Unterwerfungsparade, mit der das Militär seinem Kriegsherrn huldigte. Als Hitler zwei Jahre später den Generalstabschef Halder entließ, konnte er den General folgenlos mit den Worten verabschieden, dass dieser in der Etappe bis 1918 nicht einmal das Verwundetenabzeichen zweiter Klasse erworben habe. So arrogant und kränkend konnte inzwischen der „böhmische Gefreite“ mit seinen Spitzenoffizieren umspringen.

Hitler hatte jahrelang alle Warnungen skeptischer Militärs beiseite geschoben: vor dem Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland, vor dem „Anschluss“ Österreichs, vor der Sudetenkrise, und immer hatte er Recht behalten. Gegen den Polenfeldzug, seit zwanzig Jahren ersehnt, gab es 1939 keinen militärischen Einspruch, auch wenn die britische und französische Kriegserklärung zeitweilig Betroffenheit auslöste. In einem neuartigen „Blitzkrieg“ wurde Polen in zwei Wochen besiegt, der alte preußische Osten dem Reich wieder angegliedert. Das Militär triumphierte ganz so wie die deutsche Öffentlichkeit. Acht Monate später begann der Westfeldzug. Der Generalstab, mit lauter Stabsoffizieren des Ersten Weltkriegs besetzt, hatte eine Wiederholung des Schlieffenplans entworfen: Der rechte deutsche Flügel sollte, siebenmal so stark wie der linke vor Elsass und Lothringen, durch Holland und Belgien nach Nordfrankreich durchbrechen, die französische Streitmacht einkesseln und Paris erobern. Alle wussten, dass dieser Plan 1914 in der Schlacht an der Marne bereits einmal völlig gescheitert war. Dennoch hielt der Generalstab daran fest. Hitler aber entschied sich für den Plan eines Außenseiters, des Generals v. Manstein, der einen Durchbruch durch die schwerbefestigten südbelgischen Bergtäler vorsah. Auf Vorschlag Hitlers sollten erstmals Fallschirmjäger eingesetzt werden und die Festungen durch ihren Überraschungsangriff vorn oben ausschalten. Der Coup gelang, die deutschen Kolonnen strömten nach Nordfrankreich, und nach sechs Wochen musste Frankreich kapitulieren. Anfang Juni besiegelte die deutsche Siegesparade in Paris die Niederlage. Dieser Sieg löschte für zahllose Deutsche die Schmach von Versailles aus. Was in vier Jahren Stellungskrieg nicht gelungen war, hieß es oft, hatte der „Führer“ mit der Wehrmacht in sechs Wochen geschafft.

Der Führer-Mythos, durch den „Anschluss“ und den Blitzkrieg in Polen bereits gesteigert, gewann eine neue Dimension. Hätte Hitler jetzt, ein Gedankenspiel, freie Wahlen unter Aufsicht des Völkerbundes abhalten lassen, hätte er 95%, wenn nicht gar alle Stimmen für sich gewonnen. Vor allem galt er jetzt auch in der Wehrmacht als idealer Feldherr, der außer seinen Fähigkeiten als charismatischer Führer der Nation ungeahnte militärische Talente bewies. In der Wehrmacht genoss Hitler seither ein ungeheueres Ansehen, hatte er doch ihre kühnsten Träume verwirklicht. Wie es der Geheimbericht eines Vertrauensmannes an die Exil-SPD ausdrückte: „Jedermann glaubt, der Führer kann alles. Viele lieben ihn“.

Der Polen- und der Frankreichkrieg wurden vom Militär als klassische Korrektur des verlorenen Weltkrieges angesehen. In Frankreich verlief er durchaus nach den Regeln des Kriegsrechts, französische und englische Gefangene wurden korrekt behandelt. In Polen aber begann schon am 3. September mit Himmlers Liquidierungsbefehl ein neuartiger Krieg: die Ausrottung der polnischen Intelligenz, 90.000 Männer wurden in kürzester Zeit durch Spezialeinheiten der SS erschossen, die hinter der Front operierten. Dann begann eine riesige Bevölkerungsverschiebung, um Platz für deutsche Umsiedler zu schaffen und um die Polen für Sklavendienste im Großdeutschen Reich verfügbar zu machen. Noch war die Wehrmacht nicht beteiligt. Es gab sogar einen einzigen Protest gegen unritterliches Verhalten im Hinterland, den General v. Blaskowitz äußerte. Ihm geschah nichts, er wurde an die begehrte Westfront versetzt.

So wie im Frühjahr 1940 die Besetzung von Norwegen und Dänemark als schnelles militärisches Kommandounternehmen abgelaufen war, verlief auch der unerwartete Balkanfeldzug im April und Mai 1941 wie ein neuer „Blitzkrieg“. Jugoslawien und Griechenland wurden in zwei Wochen besetzt. Die inneren Probleme in diesem neuen Besatzungsgebiet begannen aber kurz darauf.

Monatelang vorher hatte schon das Oberkommando des Heeres beflissen die Invasion Russlands geplant, längst ehe auf Hitlers Befehl der Plan „Barbarossa“, der Überfall auf die Sowjetunion, ausgearbeitet wurde, um eines seiner wichtigsten Ziele zu realisieren, die Ostexpansion zu einem Kontinentalreich mit riesigem Lebensraum, der endlich zum Kampf um die Weltherrschaft, die Hitler für eine Art von Wanderpokal in der Hand des Stärksten hielt, befähigen sollte. Damit erst wurde aus dem vertrauten Revisionskrieg ein neuartiger Krieg, dessen Wesen Hitler selber ganz offenherzig der Wehrmacht längst vor dem Einmarsch nach Russland eingeprägt hat.

Jeder Krieg hebt zahlreiche zivilisatorische Normen auf, welche die wölfische Natur des Menschen in Friedenszeiten zähmen. Mord und Totschlag gelten auf einmal als Dienst für das Vaterland. Wer möglichst viele tötet oder verstümmelt wird befördert, erhält Auszeichnungen und Orden, wird ein Kriegsheld. Alle Hemmschwellen werden abgesenkt, die Werte der zivilen Welt auf den Kopf gestellt. Mit Mühe versuchen das Militärstrafrecht und das internationale Kriegsrecht, das Wüten der Kriegsfurie einzudämmen und nach Kräften ein wenig zu regulieren.

Um jede Hemmung gegen den geplanten Vernichtungs- und Rassenkrieg aufzuheben, hat Hitler im Vorfeld von „Barbarossa“ berüchtigte Weisungen an die Truppe selber verteidigt. Der Krieg gegen die Sowjetunion sei, erklärte er, die „Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen“, daher genüge der militärische Sieg nicht, vielmehr müsse die Sowjetunion zerschlagen, die „jüdisch-bolschewistische Intelligenz“ beseitigt werden. Die Wehrmacht müsse daher, forderte Hitler am 30. März 1941 von der Generalität, „vom Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad“. „Es handelt sich um einen Vernichtungskrieg...wir führen keinen Krieg, um den Feind zu konservieren“. Am 14. Mai folgte ein Führerbefehl über die Aufhebung der regulären Kriegsgerichtsbarkeit, der, offensichtlich rechtswidrig, freie Bahn für den Massenmord ohne Ahndung schuf. Am 19. Mai forderte eine Anlage zu „Barbarossa“ dass „rücksichtslose“ Durchgreifen gegen „bolschewistische Hetzer“ und „Juden“. Am 6. Juni folgte Hitlers Kommissarbefehl, der die Abkehr vom Völkerrecht und von der Truppe verlangte, „auf der Stelle“ jüdisch-bolschewistische Funktionäre „zu erledigen“. An der neuartigen Natur dieses Vernichtungskrieges konnte daher schon Monate vor dem Ostfeldzug kein Zweifel mehr bestehen. Vernichtung, Ausrottung, Terror - sie erschienen als die Signatur des künftigen Ostkrieges. Das höhere Offizierkorps teilte weithin dieses Urteil, offener Widerspruch gegen die Intentionen Hitlers und die Verletzung des Militärstrafgesetzbuchs wurde nicht laut. Damit verharrte diese Mehrheit in der Abhängigkeit vom Willen der politischen Führung. Sie stimmte auch der Sonderstellung der SS im Hinterland sogleich zu. Gemäß Himmlers Befehl vom 13. März 1941 sollte sie dort mit „Einsatzgruppen“ Juden und die sowjetische Intelligenz ermorden.

Wie konnte es zu diesem Konsens kommen? Jetzt erweist sich erneut, wie notwendig der Rückgriff auf die Zeit seit dem Ersten Weltkrieg ist.

1. Denn die meisten höheren Offiziere hatten die Eroberung von Ludendorffs Ostimperium zustimmend miterlebt. Die Wahnidee vom östlichen Lebensraum für ein blockadefestes Kontinentalreich war attraktiv geblieben. In hybrider Überlegenheit hielten alle deutschen Planer von 1941, übrigens auch alle ausländischen Militärexperten, die russischen Truppen für minderwertig, zumal nach Stalins Säuberung des Offizierkorps leicht zu schlagen.

2. Tief verankert in der Mentalität war nicht nur die Verachtung der Slawen, wie das der Vorstellung vom west-östlichen Kulturgefälle entsprach, sondern auch die Bereitschaft, die gleichzeitig gefürchtete „russische Dampfwalze“ endgültig zu stoppen und das menschenfeindliche Sowjetsystem zu zerstören. Hatte doch schon 1918 die Aufforderung des Kaisers an seine Offiziere, jeden Bolschewik wie auf einer „Treibjagd zu erschlagen“, viel Beifall unter ihnen gefunden.

3. Wie man die Slawen für minderwertig hielt, führte auch der traditionelle Antisemitismus des Offizierkorps zur Verachtung der Juden, erst Recht der fremdartigen sogenannten Ostjuden. Bereits im Schulungsheft des Oberkommandos der Wehrmach für 1939 wurde die Wehrmacht angehalten, das „Weltjudentum“ zu bekämpfen, „wie man einen giftigen Parasiten bekämpfen muss“. Mit dieser Einstellung ließ sich keine feste Opposition gegen den rassistischen Antisemitismus der Nationalsozialisten und gegen die anlaufenden Vernichtungsaktionen gegen russische, polnische, deutsche, schließlich alle europäischen Juden aufbauen.

Es ist dieser zwischen der Mehrheit des höheren Offizierkorps und der NS-Führung bestehende Konsens über die Notwendigkeit eines antibolschewistisch-antijüdischen Vernichtungskriegs, der die Grundlage für die Kooperation von Wehrmacht und SS bzw. Einsatzgruppen bildete. Gewiss war der eine oder andere erschrocken, ekelte sich, empörte sich gar im kleinen Kreis. Aber den Hauptteil der schmutzigen Arbeit übernahmen ja die „Einsatzgruppen“ mit ihren einheimischen Folterknechten, und mit den Kameraden in schwarzer Uniform musste man schließlich befehlsgemäß zusammenarbeiten. So kam es in kürzester Zeit zur Massenerschießung von mindestens einer halben Millionen Juden, wobei Wehrmachtseinheiten nicht nur den „Einsatzgruppen“ zuarbeiteten, sondern auch die Liquidation selber übernahmen. Bei den berüchtigsten Massaker, als bei Babi Jar unweit Kiews mehr als 30.000 Juden erschossen wurden, teilten sich Wehrmacht und SS einmütig in die blutige Aufgabe.

Diese Zusammenarbeit ordneten die Befehle der militärischen Oberbefehlshaber ausdrücklich an. General Walter v. Reichenau, Chef der 6. Armee, verlangte am 10. Oktober 1941: „Der deutsche Soldat im Ostraum“ sei „Träger einer unerbittlichen, völkischen Idee“ und Verfechter einer „gerechten Sühne am jüdischen Menschentum“. Er müsse als „Rächer“ zur „erbarmungslosen Ausrottung artfremder Heimtücke aktiv beitragen“. General v. Manstein, in dessen Befehl das Judentum nur Vernichtung verdiente, schloss sich mit zahlreichen nachahmenden Kommandeuren diesem Stil an. In den offiziellen „Miteilungen für die Truppe“ hieß es bereits im Juni 1941: „Es hieße Tiere beleidigen, wollte man die Züge“ der „jüdischen Menschenschinder tierisch nennen. Sie sind die Verkörperung des Infernalischen“ und verkörpern den „Aufstand des Untermenschen gegen edles Blut“.

Auch ohne Kooperation mit der SS machte die Wehrmacht die Vernichtung slawischer und jüdischer „Untermenschen“ oft genug zu ihrer eigenen Aufgabe. Im Sommer und Herbst 1941 wurden in den großen Kesselschlachten dreieinhalb Millionen russische Kriegsgefangene gemacht. Bis zum Februar 1942 waren zwei Millionen von ihnen tot: in riesigen Lagern verhungert, an Seuchen gestorben, erschossen. Fraglos gab es das große logistische Problem, gleichzeitig mit der rasch voranrückenden eigenen Truppe Millionen von Kriegsgefangenen zu versorgen. Aber diese kriegsrechtliche Versorgungspflicht wurde an keinem Frontabschnitt ernstgenommen. Zwei Millionen russische Gefange wurden vielmehr kaltblütig zu Tode gebracht.

Vergleichbare Exzesse wies der Partisanenkrieg auf. Militärische Verbände aller Nationen tendieren bei der Bekämpfung von Freischärlern zur Missachtung des Kriegsrechts, wie diese durch ihre Zivilkleidung auch die Uniformierungspflicht missachten. Stalin ließ große Truppenverbände als Partisanen im Hinterland operieren, die Brücken sprengten, Autokolonnen und Urlauberzüge, besetzte Ortschaften überfielen. Die Vergeltung fiel gnadenlos aus: Hundert erschossene Geiseln für einen toten deutschen Soldaten, fünfzig für einen Verletzten oder sogar die Liquidierung ganzer Ortschaften als Abschreckungssignal. Hinter der Front gab es daher Hunderttausende von Opfern des Partisanenkriegs. Dieselbe Praxis griff in Jugoslawien und Griechenland um sich. Innerhalb weniger Wochen sind etwa in Jugoslawien mehr als 31.000 Geiseln erschossen worden. Bald traf auch die Meldung in Berlin ein: „Serbien ist judenfrei“, ein Werk der Wehrmacht, nur gelegentlich in Kooperation mit der SS ausgeführt. Überhaupt diente der Partisanenkrieg oft nur als Vorwand für die Judenvernichtung. Mit dem Befehl zur Partisanenbekämpfung waren Wehrmachtseinheiten aber mühelos zu gewinnen und nahmen dann folgerichtig an der Massenerschießung oder an der Deportation von Juden teil. Immer handelte die Wehrmacht auf Befehl ihrer überzeugten oder nur gehorsamen Offiziere. Warum aber führten die Soldaten, fast ausnahmslos, diese Befehle so gehorsam aus?

1. Der Ostkrieg hat zu einer beispiellosen Barbarisierung und Brutalisierung der Kriegsführung geführt. Ein gnadenloser Kampf auf beiden Seiten führte zur Verachtung des Lebens, zu Massakern im großen Stil, zur Missachtung aller Regeln des Kriegsrechts. Wenn eine Einheit schwere Verluste durch Partisanen erlitten hatte, war sie nur zu bereit, tagelang keinen Gefangenen zu machen.

2. Die Vorstellung vom slawischen „Untermenschen“ wurde von Millionen von Soldaten geteilt. Ihre Feldpostbriefe spiegeln ganz ungeschminkt diese Verachtung wider. Von dort war es nur ein kurzer Schritt zur tödlichen Behandlung von Gefangenen und Partisanen.

3. „Für das Judentum gibt’s nur eins: Vernichtung“ - diesem Satz in einem Feldpostbrief stimmten ebenfalls Hunderttausende von Soldaten zu, etwa in ihrer Post nach Hause und in Erzählungen daheim. Dieser Antisemitismus ebnete den Weg von der Kooperation mit den „Einsatzgruppen“ bis hin zu eigenen Massenerschießungen.

Auch wenn wir die Mentalität des bereitwilligen Tötens wenigstens etwas genauer zu verstehen suchen, bleibt doch die unabweisbare Frage: Weshalb haben sich nicht mehr Offiziere und Soldaten, unlängst noch friedliche Bürger in ihren Städten und Dörfern, dem widersetzt? Der in der Ausbildung eingeschärfte § 47 des Militärstrafgesetzbuches, das bis zum Mai 1945 unverändert in Kraft blieb, lautete: „Wird durch die Ausführung eines Befehls... ein Strafgesetz verletzt, so ist ... der befehlende Vorgesetzte allein verantwortlich“. Untergebene könne die Strafe des „Teilnehmens“ treffen, falls ein Befehl überschritten wurde oder ihnen bekannt war, dass der Befehl eine Handlung betraf, die ein „allgemeines oder militärisches Verbrechen ... bezweckte“. Wäre dieser § 47 angewandt worden, hätte ein großer Teil der Generalität und des Offizierkorps, hätten viele Soldaten bestraft werden müssen. Warum beriefen sie sich so extrem selten auf ihn?

1. Der Befehl besitzt seine eigene Durchsetzungsgewalt. Weder Offiziere noch Mannschaften denken unter Kriegsbedingungen in der Regel an Befehlsverweigerung mit ihren möglicherweise tödlichen Folgen.

2. Auch bei ungesetzlichen Handlungen gab es einen hohen Gruppendruck. Man scheute den Vorwurf, als Feigling der Situation nicht gewachsen zu sein, zumal wenn dieser Vorwurf von Kameraden kam, auf die man beim nächsten Kampf oder nach einer Verwundung angewiesen war.

3. Der Hass auf einen meist unsichtbaren Gegner im Partisanenkrieg stieg mit der Höhe der eigenen Verluste. Dieser Hass tobte sich oft aus in den sogenannten Befriedungsaktionen, wenn ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner erschossen wurden. Zwar gibt es in jedem Millionenheer auch Sadisten, die im Krieg freie Bahn gewinnen, aber der allgemeine Hass scheint als Grundstimmung ungleich wichtiger gewesen zu sein.

4. Diese Gründe spielten in vielen Kriegen des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle, ob in Algerien oder Vietnam, auf dem Balkan oder in Tschetschenien. Bei der Wehrmach kamen jedoch starke zusätzliche Motive noch hinzu: die Verachtung des slawischen „Untermenschen“, der weitverbreitete Antisemitismus, die ausgeprägte Führergläubigkeit. Nach jahrelangen Erfolgen musste man offenbar selber auch solche Schmutzarbeit für Hitler ausführen.

5. Nicht zuletzt aber bedurfte es einer ungewöhnlichen Zivilcourage, die Teilnahme an den Vernichtungsaktionen zu verweigern. Es gab seltene Fälle dieses Protestes: Einige ältere Polizisten und Polizeioffiziere in den Mordkommandos im Hinterland wollten das blindwütige Morden nicht mitmachen. Die Folge: Sie wurden versetzt. Einige jüngere SS-Offiziere, die von der Front zu den Wachmannschaften der Vernichtungslager versetzt wurden, widersetzten sich. Die Folge: Sie wurden an die Front zurückversetzt. Das war gefährlich genug, aber mir ist kein einziger Fall eines gravierenderen kriegsgerichtlichen Urteils bekannt. Aber: Es bedurfte einer gewaltigen Anstrengung, um in dieser Grenzsituation der Befehlsverweigerung seinen Mann zu stehen. Die meisten vermochten es nicht, die genannten Motive waren stärker.

Eins möchte ich betonen: Ich beurteile das Verhalten dieser Soldaten nicht von oben herab, vom hohen Podest der Wissenschaft oder vom sicheren Port des Nachgeborenen in einer langen Friedenszeit. Ich war gerade dreizehn, als das „Dritte Reich“ zusammenbrach, ein begeisterter Pimpf nach dem Wehrertüchtigungslager, wo Winnetou und Old Shatterhand endlich ernsthaft weitergespielt wurden. Der Zufall der Geburt sorgte dafür, dass ich nicht drei Jahre älter war und daher auch nicht, wie die beiden letzten Jahrgänge unseres Gymnasiums, zur Waffen-SS eingezogen wurde. Wie hätte man sich dort verhalten? Panisches Töten im Partisanenkrieg - das kann ich mir vorstellen. Natürlich hofft jeder, er hätte sich dem Erschießen von Frauen und Kindern verweigern können. Aber weiß man das selber sicher genug? Seit dieser Zeit habe ich jedenfalls eine tiefe Skepsis beibehalten, wie verführbar und kommandierbar man unter Kriegsbedingungen selber hätte sein können.

Das bringt mich zu der abschließenden Überlegung. Es geht bei der Wehrmachtsaustellung nicht nur darum, dass die Wehrmacht an einem Vernichtungskrieg teilgenommen hat, dass Hunderttausende auch an seinen Exzessen beteiligt waren. Vielmehr geht es in erster Linie um die deutsche Gesellschaft, die diese 18 Millionen Soldaten, ihre Väter und Männer, ihre Söhne und Brüder, hervorgebracht hat. Warum sollten sie anders gewesen sein als die große Mehrheit der hitlergläubigen Deutschen? Hatten nicht Millionen Hitler gewählt, seine Volksabstimmungen nicht eine erdrückende Zustimmung erfahren, seine innen- und außenpolitischen Erfolge nicht begeisterten Jubel ausgelöst, den Traum von Großdeutschland erfüllt, das nationale Trauma des verlorenen Krieges geheilt? War aber nicht auch eine halbe Million jüdischer Deutscher protestlos misshandelt und vertrieben, die Verachtung der Slawen angefacht, der Stolz der rassischen Überlegenheit genährt worden? Nur eine hauchdünne Schutzwand scheint diese Gesellschaft vom Übergang zur offenen Gewalt getrennt zu haben, ehe das Regime und sein totaler Krieg diese letzte Schranke beseitigten.

Der Kern der Opposition gegen die Wehrmachtsausstellung ist daher nicht nur das geschilderte Verhalten der Wehrmacht als Instrument der Führerdiktatur, nicht nur die Teilnahme von Hunderttausenden ihrer Angehörigen an Vernichtungsaktionen. Nein, das Geheimnis ihrer Anstößigkeit liegt darin, dass mit der Wehrmachtsausstellung die deutsche Gesellschaft selber, aus der diese 18 Millionen Männer hervorgegangen sind, noch einmal auf den Prüfstand gestellt wird. Erst wenn wir diesen außerordentlich schmerzhaften Schritt zur kritischen Überprüfung der deutschen Gesellschaft, deren Geschöpf die Wehrmacht war, noch einmal tun, hat die Ausstellung, wie mir scheint, ihr eigentliches Ziel erreicht.

 
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