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Die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung

"Volkswirtschaftlicher Ertrag von Kindertagesstätten"

Gutachten im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Die Untersuchung der volkswirtschaftlichen Effekte von Kindertagesstätten zeigt, dass Ausgaben für Kindertagesstätten aus volkswirtschaftlicher Perspektive Investitionen darstellen. Der volkswirtschaftliche Ertrag dieser Investitionen beläuft sich auf bis zu 4 Euro für einen investierten Euro.

Eine durchschnittliche Investition von 5.200 Euro für einen Kindertagesstättenplatz pro Jahr führt zu einem durchschnittlichen Ertrag von 20.000 Euro.

Der Nachweis dieses volkswirtschaftlichen Ertrags von Kindertagesstätten in West-Deutschland wurde durch eine Untersuchung an der Universität Bielefeld geführt. Damit können Kosten-Ertrags-Relationen, die das Sozialdepartement der Stadt Zürich im Jahr 2000 zur Messung des volkswirtschaftlichen Ertrags von Kindertagesstätten, ermittelt hatte, bestätigt werden.

Untersuchungsdesign:

Für die Untersuchung wurden auf der Investitionsseite die Betriebskosten von Kindertagesstätten berechnet und den durch sie entstandenen volkswirtschaftlichen Erträgen gegenübergestellt. Diese wurden erzielt durch die Berufstätigkeit der Mütter, die Beschäftigung des Personals in den Kindertagesstätten und die Vermeidung von Arbeitslosigkeit von Alleinerziehenden und den somit gesparten Ausgaben für Hilfen zum Lebensunterhalt.

Untersucht wurde der Ertrag von Kindertagesstätten unter der Annahme, dass durch die Kindertagesstätte die Erwerbstätigkeit der Mütter ermöglicht wird. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass das Erwerbsverhalten der Männer unabhängig von der Familiensituation ist, während sich die Erwerbstätigkeit der Mütter in Abhängigkeit von der Zahl und dem Alter der Kinder deutlich verändert. Deshalb wird angenommen, dass die Erwerbstätigkeit der Mütter erheblich vom verfügbaren Betreuungsangebot abhängig ist.

In der Studie wird untersucht, welche Wirkungen es hätte, wenn die Kindertagesstätten geschlossen würden. Diese Auswirkungen für alle Betroffenen entsprechen dem Ertrag, den die Einrichtungen heute bewirken.

Datenmaterial:

Das Gutachten basiert auf der Auswertung einer repräsentativen Teilstichprobe des Sozioökonomischen Panels (SOEP) für Westdeutschland für das Jahr 1999 und zwei Fallstudien in jeweils 10 Einrichtungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Teilstichprobe des SOEP:

Die Teilstichprobe des SOEP besteht aus 249 Haushalten, in denen die Mütter einer Erwerbstätigkeit nachgehen. 61% der untersuchten Haushalte nutzen Halbtags- und 39% Ganztagsbetreuung.

Zur Berechnung der durchschnittlichen Kosten für jeweils einen Halb- und einen Ganztagsplatz (differenziert nach Kindern im Alter von unter drei und über drei Jahren) wurden die Betriebskostendaten von insgesamt 500 nordrhein-westfälischen Einrichtungen verwendet . Da keine verlässlichen Daten zu den durchschnittlichen Betriebskosten eines Platzes in einer Kindertagesstätte für Westdeutschland vorliegen, sind die Kostenstrukturen von Nordrhein-Westfalen zu Grunde gelegt worden. Nach dem gleichen Verfahren sind beispielsweise die Ausgaben für die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz in Deutschland im Auftrag des Deutschen Bundestag berechnet worden. Je nach Platzart und Betreuungszeit bewegen sich die zu Grunde gelegten durchschnittlichen Betriebskosten für einen Platz pro Jahr zwischen 4.100 und 10.300 Euro.

Im Rahmen der beiden Fallstudien konnten insgesamt 300 Eltern (Fragebogenrücklauf 30%), deren Kind eine Kindertagesstätte besucht, befragt werden. Von zentralem Interesse waren dabei vor allem der persönliche Nutzen, den Eltern dadurch erfahren, dass ihre Kinder eine Kindertageseinrichtung besuchen und zum anderen das zusätzliche Mehreinkommen der Familien durch die Müttererwerbstätigkeit. Zur Ermittlung des individuellen Nutzens wurden die Eltern gefragt, welche Effekte die Schließung der Kindertageseinrichtungen für ihre familiale Situation hätte.

Für die beiden Fallstudien konnten für die Kostenberechnung die Betriebskosten von vier Trägern der 20 untersuchten Einrichtungen ausgewertet werden.

Ausgewählte Ergebnisse der Kosten-Ertrags-Analyse von Kindertagesstätten in Westdeutschland:

Auf der Basis der repräsentativen Teilstichprobe des SOEP zeigt sich, dass durch eine durchschnittliche Investition von 5.200 Euro für einen Kindertagesstättenplatz pro Jahr ein durchschnittlicher Ertrag von 20.000 Euro bewirkt wird. Der volkswirtschaftliche Ertrag für jeden investierten Euro beläuft sich somit auf 3,8 Euro.

Die Ergebnisse der Kosten-Ertrags-Analysen für die Fallstudien bestätigen diese Relation. Sowohl für Niedersachsen als auch für Nordrhein-Westfalen beläuft sich der Ertrag für jeden investierten Euro auf 4 Euro.

Exemplarische Kosten-Ertrags-Analyse für eine typische Kindertagesstätte auf der Grundlage der repräsentativen Teilstichprobe des SOEP:

Modelleinrichtung:

25 Halbtags- und 20 Ganztagsplätze werden von Familien genutzt, in denen die Mutter erwerbstätig ist. Drei Mütter, die einen Ganztagsplatz nutzen, sind alleinerziehend.


Kindertagesstätte Musterland
25 Halbtagsplätze Betriebskosten pro Platz/Jahr: 4.100 Euro)
20 Ganztagsplätze (Betriebskosten pro Platz/Jahr: 6.200 Euro()

Betriebskosten insgesamt / pro Jahr: 225.000 Euro

Volkswirtschaftlicher Ertrag:

Insgesamt/pro Jahr: 859.000 Euro Ertrag. Mit durchschnittlich 5000 Euro Betriebskosten pro Platz werden 19.000 Euro volkswirtschaftlicher Ertrag erwirtschaftet. Für jeden investierten Euro werden 3,8 Euro Ertrag erzielt.

Veränderte Beispielrechnung für Kindertagesstätte Musterland:

Annahme: Nur 70% der Mütter, die Halbtagsbetreuung nutzen, sind erwerbstätig.

Kosten-Nutzen-Relation:

Mit durchschnittlich 5000 Euro Betriebskosten werden 17.000 Euro Ertrag erzielt. Für jeden Euro werden 3,4 Euro Ertrag erwirtschaftet.

Ausgewählte Ergebnisse der Elternbefragung:

Zunahme der Konsumausgaben:

Ein großer Teil der befragten Eltern würde zusätzliches Familieneinkommen, dass durch eine Ausdehnung der Betreuungszeiten erworben werden könnte, für zusätzliche Konsumausgaben verwenden:

Zunahme der Konsumausgaben: Ein großer Teil der befragten Eltern würde zusätzliches Familieneinkommen, dass durch eine Ausdehnung der Betreuungszeiten erworben werden könnte, für zusätzliche Konsumausgaben verwenden:
Mehr als 41% der Familien würden das zusätzliche Einkommen für eine allge-meine Erhöhung des Lebensstandards verwenden.
27% der Befragten würden ein Haus bauen oder kaufen.
Mehr als 28% würden das zusätzliche Einkommen für Reisen nutzen.
20% würden mehr Kleidung kaufen.
30% würden ihre private Altersvorsorge ausbauen.
Knapp 25% würden größere Anschaffungen tätigen.

Konsequenzen der Schließung der Einrichtungen für die erwerbstätigen Mütter (62% aller befragten Mütter):
Mehr als 53% müssten ihre Erwerbstätigkeit vollständig und mehr als 22% teilweise aufgeben.
Mehr als 48% gehen davon aus, dass sie durch das Aufgeben der Erwerbstätigkeit den Anschluß an berufliche Entwicklungen verlieren würden.
Lediglich für 10% hätte die Schließung der Einrichtungen nach eigener Ein-schätzung keinerlei Konsequenzen.
Auffällig ist, dass lediglich 3% der Väter angeben, dass sie bei der Schließung der Kindertageseinrichtungen ihre Erwerbstätigkeit vollständig und das etwa 8% der Väter angeben, dass sie ihre Erwerbstätigkeit teilweise aufgeben müssten. Eine Schließung der Einrichtungen hätte demnach fast ausschließlich Konsequenzen für die Erwerbssituation der Mütter.

Konsequenzen der Schließung der Einrichtungen für die finanzielle Situation der Familien:

28% der Familien geben an, dass sie durch die Schließung der Einrichtung und dem damit verbundenen Verlust eines Arbeitsplatzes entweder von Sozialhilfe oder von Arbeitslosengeld leben müssten und somit aus volkswirtschaftlicher Perspektive Kosten verursachen würden.
Knapp 26% könnten laufende Kredite nicht zurückzahlen.
Fast 72% müssten nach eigener Einschätzung ihren Lebensstandard einschränken, d. h. dass ein großer Teil der Familien ihr Konsumverhalten einschränken würde.
Lediglich 12% geben an, dass sie keine finanziellen Konsequenzen durch die Schließung der Einrichtungen zu erwarten hätten.

Wünsche der Eltern an die Angebotsstrukturen der Kindertagesstätten:
Knapp 50% der Haushalte mit erwerbstätigen Müttern möchten ihr Kind durchschnittlich zwei Stunden täglich länger betreuen lassen. Knapp 24% dieser Mütter würden diese zusätzlichen Betreuungszeiten für eine Ausdehnung der Berufstätigkeit nutzen.
Knapp 48% der Haushalte mit nicht erwerbstätigen Müttern möchten ihr Kind durchschnittlich mehr als zwei Stunden täglich zusätzlich betreuen lassen.
Knapp 38% dieser Mütter möchten mit einer Ausdehnung der Betreuungszeiten den (Wieder-)Einstieg in die Erwerbstätigkeit realisieren.
Mehr als 53% der befragten Mütter, die nicht erwerbstätig sind, möchten gern berufstätig sein. Insgesamt möchten 84% aller befragten Mütter erwerbstätig sein bzw. sind bereits erwerbstätig.

Fazit:

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Ausgaben für Kindertagesstätten aus volkswirtschaftlicher Perspektive als Investitionen verstanden werden müssen, wenn die angebotenen Betreuungszeiten die Erwerbstätigkeit der Mütter ermöglichen. Eine solche Angebotsstruktur von Kindertagesstätten führt zu einer volkswirtschaftlichen Wertschöpfung, da sie nicht nur die verfügbaren Nettoeinkommen der Familien und damit ihr Potential für Konsumausgaben erhöht. Darüber hinaus führt sie auch zu höheren Einnahmen für die öffentlichen Haushalte durch die zusätzliche Einkommenssteuer sowie Beiträge zu den Sozialversicherungen. Auch werden Sozialleistungen, wie Hilfe zum Lebensunterhalt, eingespart.

Die Ergebnisse der Elternbefragung zeigen, dass ein erheblicher Teil der erwerbstätigen Mütter eine Ausdehnung der Betreuungszeiten wünscht, um ihre Erwerbstätigkeit zu erweitern und dass ein Teil der nicht-erwerbstätigen Mütter eine Erweiterung der Betreuungszeiten wünscht, um wieder in die Berufstätigkeit einsteigen zu können. Auf diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass Investitionen in den Ausbau der zeitlichen Angebotsstrukturen von Kindertagesstätten zu einer höheren Erwerbsbeteiligung von Müttern führen und somit ebenfalls zur Erzielung zusätzlicher volkswirtschaftlicher Wertschöpfung beitragen werden.

Kathrin Bock-Famulla