Universitätsarchiv

 
Hintergrundbild
Hintergrundbild
Uni von A-Z
Universität Bielefeld > Universität > Einrichtungen > Weitere Einrichtungen > Universitätsarchiv
  

"Abgestaubt" - aus dem Universitätsarchiv

aus: BUZ, 212/2002 vom 19.11.2002, S. 67f

"500 Studenten feierten Deutschlands beliebtesten Universitäts-Rektor" - Vor 25 Jahren wählte der Konvent Karl Peter Grotemeyer zum dritten Mal zum Rektor der Universität Bielefeld

Das Jahr 1977: Die Frauenzeitung "Emma" erscheint zum ersten Mal, Elvis Presley stirbt an Herzversagen, der Verpackungskünstler Christo darf das Reichstagsgebäude (noch) nicht einpacken. In Erinnerung bleibt das Jahr allerdings eher durch RAF-Attentate und den "Deutschen Herbst". Die deutschen Hochschulen erlebten eine Politisierung des Hochschulalltags und die Radikalisierung politischer Gruppen. Diskutiert wurden Wissenschaftsfreiheit, Berufsverbote und das allgemeinpolitische Mandat. An nordrhein-westfälischen Universitäten planten Studierende Streiks und Vorlesungsboykott. Hinzu kam, dass finanzielle Spielräume für die Verwirklichung von Reformvorhaben an den Universitäten infolge der Wirtschaftskrise nahezu nicht mehr vorhanden waren. Rektoren zählten zu den umstrittensten Persönlichkeiten in öffentlichen Wahlämtern.

An der Universität Bielefeld, 1969 mit weitreichenden Reformansprüchen gestartet und aufgrund sprunghaft gestiegener Studentenzahlen nun auf dem Weg zu einer "normalen Massenuniversität", drehten sich die Diskussionen 1977 um "Radikalenerlass" und das Fortbestehen des Oberstufen-Kollegs. Angriffe aus Teilen der Bielefelder Öffentlichkeit richteten sich gegen die Universität und ihr Selbstverständnis. Alles andere als eine gemütliche Zeit an der Spitze der Universität.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen verwundert es nicht, dass der Wahlausschuss dem Konvent mit Prof. Dr. Karl Peter Grotemeyer nur den amtierenden Rektor als Kandidat vorschlagen konnte. Das Protokoll der 20. Sitzung des Konvents der Universität Bielefeld vom 1. Juni 1977 vermeldet unter TOP 7 "Wahl des Rektors" lediglich: "Bei 55 anwesenden Konventsmitgliedern wurde Herr Grotemeyer mit 49 : 3 : 3 wieder gewählt. Im Anschluss an die Wahl trug Herr Webler als Mitglied des Konvents eine ausführliche Würdigung der Wiederwahl von Herrn Grotemeyer zum Rektor der Universität Bielefeld vor."

Weit weniger nüchtern ging es nach der Wahl zu. 500 Studierende und Mitarbeiter warteten in der Universitätshalle mit einem kleinen Volksfest für den wiedergewählten Rektor auf. Die Teutoburger Jäger, bis dahin hinter einer Balustrade verborgen, schmetterten ihren Glückwunsch, Studierende sangen zu Ehren des Rektors das vorrevolutionäre "Bürgerlied" und der Oberbürgermeister Bielefelds hatte sich an der Spitze eines "städtischen Gratulationscorps" eingefunden. Grotemeyer selbst bedankte sich bei den Konventsmitgliedern und Gratulanten und betonte, er werde versuchen das Vertrauen nach bestem Können und Vermögen zu rechtfertigen. Er wünsche und hoffe, dass Meinungsverschiedenheiten, Auseinandersetzungen und Konflikte in fairer Weise ausgetragen würden: "Das ist eine Art Grundkonsens an dieser Universität." Zur Freude der Anwesenden erkletterte Grotemeyer die Plattform einer mechanischen Hebebühne, um mit Hilfe eines Megaphons kundzutun: "Ich möchte nicht unterlassen, Sie auf das Bier da hinten in der Halle, hinzuweisen."

Die Presse würdigte die "ungewöhnliche Rektorwahl" (Die Glocke), hob hervor, dass eine dreimalige Wahl "einmalig in der Bundesrepublik" sei (BILD), und ging auf die Feierlichkeiten im Anschluss an die Wahl ein ("Ein sicher an deutschen Hochschulen einmaliges Ereignis", Neue Westfälische). Gelobt wurde immer wieder ein "ganz ungewöhnlich integrationsfähiger Mann".

Dass Rektorwahlen auch anders enden konnten, zeigten die Ereignisse an der Universität Bonn zwei Wochen später. Ein Abstimmungsboykott der Assistenten und Studenten verhinderte dort zunächst die Neuwahl des Rektors.

Karl Peter Grotemeyer wurde 1981, 1984, 1987 und 1989 mit teilweise noch klareren Mehrheiten vom Konvent für eine weitere Amtszeit als Rektor wiedergewählt und hat den "Rekord" in der Sparte "längste Rektoramtszeit in der bundesrepublikanischen Hochschullandschaft" ausgebaut.

Aber so richtig gefeiert wurde nur vor 25 Jahren ...

Martin Löning, Universitätsarchiv