Universitätsarchiv

 
Hintergrundbild
Hintergrundbild
Uni von A-Z
Universität Bielefeld > Universität > Einrichtungen > Weitere Einrichtungen > Universitätsarchiv
  

"Abgestaubt" - aus dem Universitätsarchiv

aus: BUZ, 215/2003 vom 19.11.2003, S. 38f

"Für einen politischen AStA" - Die Wahl des 1. AStA der Universität Bielefeld im Februar 1972

Am 5. Juni 2003 wurde in der konstituierenden Sitzung des Studierendenparlaments (Stupa) der Universität Bielefeld der neue – mittlerweile 30. – AStA. Nach 30 Jahren AStA-Arbeit soll hier an den 1. AStA der Bielefelder Universität erinnert werden. Über seine Wahl am 14. Februar 1972 berichtete die Neue Westfälische mit den nüchternen Worten: "AStA der Uni Bielefeld gewählt" und für das Westfalen-Blatt lag die Besonderheit des 1. AStA in der Vorsitzenden: "Junge Studentin gibt im AStA den Ton an". Ein Blick in die Unterlagen des Universitätsarchivs zeigt wie 1972 alles anfing.

Kaum hatte sich die Fachschaftsleiterkonferenz (FLK) als Vorgängerin des heutigen Studentenparlaments im Dezember 1971 auf den Wahltermin vom 1. bis 3. Februar 1972 geeinigt, entbrannte nach der Weihnachtspause ein kurzer, aber heftiger Wahlkampf der Studentengruppen, in dem sich linke, liberale und konservative Studentengruppen aufs heftigste bekämpften. Wahlkampfthemen waren insbesondere die um den Jahreswechsel 1971/72 vieldiskutierten "Grundsätze über die Mitgliedschaft von Beamten in extremen Organisationen", der sogenannte Radikalenerlass, wonach Mitglieder "extremer Organisationen" aus dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden konnten: Darüber hinaus ging es um die bevorstehende Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes und die "verfasste Studentenschaft" sowie die Studienbedingungen an der erst 1969 gegründeten und sich nun mitten im Aufbau befindlichen Universität. Schließlich wurden in Flugblättern, Wahlplattformen und Wahlplakaten konkrete soziale Aspekte des Studentenalltags thematisiert, wie zum Beispiel die Wohnungsnot in Bielefeld oder die Erweiterung des Mensaangebots um ein preiswertes Abendessen ("kalte Platte"). Aus heutiger Sicht prominenteste Kandidatin war Marie-Luise Beck, Ausländerbeauftragte der Bundesregierung und Grünen-MdB, die auf der Liste des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) in der Fakultät für Rechtswissenschaft antrat.

Wahlaufruf der Sozialistischen Aufbauorganisation zu den FLK-Wahlen im Februar 1972.

Gewählt wurde getrennt nach Fakultäten. In den drei Gründungsfakultäten (Mathematik, Rechtswissenschaft und Soziologie) waren je fünf Sitze, in der erst im Oktober 1971 gegründeten Fakultät für Pädagogik, Philosophie und Psychologie (PPP) mit nur acht eingeschriebenen Studenten waren drei Sitze zu vergeben. Lediglich der SHB konnte in allen drei Gründungsfakultäten (Mathematik, Rechtswissenschaft und Soziologie) Mandate erringen (insgesamt sieben). Der Marxistische Studentenbund Spartakus (MSB) kandidierte bei den Mathematikern und den Soziologen und erhielt jeweils einen Sitz in der FLK. Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), die einzige heute noch existierende politische Studentengruppe, trat nur bei den Juristen an und erhielt zwei Mandate. Ebenfalls nur bei den Juristen kandidierte der Liberale Hochschulbund (LHB) und konnte ein Mandat erringen. Die Sozialistische Aufbauorganisation (SAO) kandidierte bei den Soziologen und erhielt zwei Mandate, während die AFU (Aktion Fortschrittliche Universität) als unabhängige Liste bei den Mathematikern einen Sitz gewann. In der PPP-Fakultät wählten vier der acht wahlberechtigten Studenten und konnten damit drei Mandate in der FLK mit "unabhängigen" Kandidaten besetzen. Insgesamt waren 1204 Studenten wahlberechtigt, die Wahlbeteiligung lag bei 53%, ein Wert, von dem man bei heutigen Studentenparlamentswahlen weit entfernt ist.

Statt langwieriger Koalitionsverhandlungen, wie insbesondere in den 80er und 90er Jahren des öfteren üblich, wählte die FLK gleich in ihrer ersten Sitzung nach den Wahlen die Mitglieder des ersten AStA der Universität Bielefeld mit jeweils großer Mehrheit gegen die Stimmen des RCDS. Der AStA setzte sich aus vier Vertretern und einer Vertreterin des SHB sowie einem Vertreter des MSB zusammen. Vorsitzende wurde Anne Winkhoff vom SHB, die Soziologie im ersten Semester studierte. Nach der Wahl von der Neuen Westfälischen befragt, warum "gerade ein Mädchen Chef des ersten Bielefelder AStA geworden ist", meinte sie: "Wir sind bei der Wahl von ganz bestimmten Kriterien ausgegangen. Zum Beispiel: Wer hat die Zeit und die Möglichkeit, sich voll und ganz für die Arbeit des Studentenausschusses einzusetzen." Nach Aussagen des seinerzeitigen Finanzreferenten im AStA, Johannes Risse, hatten die weiteren AStA-Mitglieder des SHB in politisch und hochschulpolitisch bewegten Zeiten bereits Funktionen in der studentischen Selbstverwaltung, bei den Jusos oder in der Mutterpartei SPD inne.

Westfalen-Blatt vom 16. Februar 1972 zur Wahl des 1. AStA der Universität Bielefeld.

Der 1. AStA ging gleich mit großer Tatkraft ans Werk. Bereits vier Tage nach der Wahl kam es zur ersten Sitzung des AStA, auf der man sich unter anderem mit organisatorischen Fragen, wie der Beschaffung von Druckmaschinen und der Klärung des Raum- und Finanzbedarfs des AStA beschäftigte. Weit wichtiger aber wurde in den folgenden Monaten das Thema der Satzung der Studentenschaft und die Auseinandersetzung mit den "Berufsverboten". Die Satzung der Studentenschaft wurde schließlich im Mai 1972 verabschiedet, während die Berufsverbotsdiskussion in den 70er Jahren noch an Heftigkeit zunahm und nicht nur den 1. AStA der Universität Bielefeld beschäftigte.

Martin Löning, Universitätsarchiv