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"Abgestaubt" - aus dem Universitätsarchiv

aus: BUZ, 218/2004 vom 15.12.2004, S. 86f

"Studenten wollten Arbeiter mit Schnaps in Stimmung bringen" oder "Den Architekten ist ein großer Wurf gelungen" - Vor 30 Jahren, am 9. Oktober 1974, feierte die Universität Richtfest für das Universitätshauptgebäude

Teilweise heftige Auseinandersetzungen im Preisgericht des Bauwettbewerbs, in denen es vor allem um die Entscheidung für eine lockere oder kompakte Bauweise der Universität Bielefeld ging, gingen der Entscheidung im Mai 1969 für den Entwurf der Berliner Planungsgemeinschaft um die Architekten Köpke, Kulka, Siepmann und Töpper voraus.

Im Juli 1971 begann man mit den Pfahlgründungen für das Universitätshauptgebäude und die Baustelle entwickelte sich zu einer der größten der Bundesrepublik, denn schließlich entstand das größte Bauwerk der Region. Am Südhang des Teutoburger Waldes wuchsen - von der Öffentlichkeit mitunter argwöhnisch beobachtet - die Türme und Zähne der Universität in die Höhe. Für die Einen ein grauer, monströser und abstoßender Betonklotz, war das Gebäude für die Anderen - insbesondere im Vergleich zur Architektur der gerade fertiggestellten Bochumer Universität - bestechend funktional, von einer "spezifischen Schönheit" und architektonisch reizvoll. Schließlich konnte der Bauherr, die nordrhein-westfälische Hochschulbau- und Finanzierungsgesellschaft, nach drei Jahren Bauzeit für den 9. Oktober 1974 zum Richtfest auf die Großbaustelle einladen.

Die Einladung erfolgte in unruhigen Zeiten an den deutschen Hochschulen. Vor dem Hintergrund einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise der öffentlichen Hand und gleichzeitig explosionsartig gestiegenen Studentenzahlen befürchteten die Studierenden eine Verschlechterung ihrer sozialen Lage durch die Einführung des Sozialbeitrags der Studentenwerke und die Einführung der Darlehensregelung beim BAföG. Der "Radikalenerlass" und die Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus sorgten zusätzlich für eine Politisierung der Hochschulen. Die Präsenz der Führungsspitze der NRW-Landesregierung - angekündigt waren Ministerpräsident Heinz Kühn, Wissenschaftsminister Johannes Rau und Finanzminister Hans Wertz - wollten die Studierenden nutzen, um beim Richtfest "ohne Einladung" gegen die "soziale Demontage" zu demonstrieren.

Blick von der Rednertribüne über die Einsatzkräfte der Polizei hinweg auf Bauarbeiter, demonstrierende Studenten und Ehrengäste.

Nachdem der AStA in einem Flugblatt Delegationen aus ganz Nordrhein-Westfalen zum Richtfest angekündigt hatte ("Jetzt ist Gelegenheit Rau zur Rede zu stellen! ... Rau kommt - wir auch!") und der Ortsvorstand des Marxistischen Studentenbundes (MSB) eine "heißen Mittwoch" versprochen hatte ("Machen wir den Mittwoch zu einem Richtfest unserer Forderungen!), meinte im fernen Düsseldorf Innenminister Willi Weyer nach Rücksprache mit dem Bielefelder Polizeichef die Sicherheit des Ministerpräsidenten nicht garantieren zu können. Die Folge war, dass Heinz Kühn seine Zusage zum Richtfest wegen einer Beiratssitzung der Westdeutschen Landesbank zurückzog und auch Johannes Rau absagte, da er Kühn vertreten müsse.

Einzig Hans Wertz fand am 9. Oktober den Weg zur Baustelle. Erschienen waren neben den 2000 Bauarbeitern, Bauingenieuren, Wissenschaftlern und Ehrengästen auch 200 Studenten - laut "Rote Blätter", der MSB-Hochschulzeitung, sogar 500 -, die diskutierend Flugblätter in drei Sprachen (deutsch, türkisch und serbokroatisch) verteilten und 90 Flaschen Schnaps an die Bauarbeiter ausschenkten, um den Schulterschluss zwischen Hand- und Kopfarbeitern herzustellen und um "auf ihre katastrophale soziale Lage aufmerksam zu machen". Mit ihnen tauchten allerdings auch über 100 Polizeibeamte mit Helm und Schutzvisier auf, die den Bereich der Redner hermetisch abriegelten und auch geladene Ehrengäste am Zutritt zur Mensa hinderten, in der die anschließende Feier stattfinden sollte. Unter den somit im Regen stehen gelassenen Ehrengästen war um ein Haar auch Rektor Karl-Peter Grotemeyer, der in seinem Anorak nicht als Magnifizenz erkennbar war ("Aber hören Sie mal, ich bin der Rektor!").

Rektor Grotemeyer während seiner Rede. Links hinter ihm ein zufriedener Finanzminister Wertz, sowie Universitätskanzler Firnhaber, Regierungspräsident Graumann und Bielefelds Oberbürgermeister Hinnendahl (von rechts nach links).

Das Richtfest selbst verlief dann ohne weitere Zwischenfälle und ohne jegliche Eskalation. Die Redner wiesen auf die enormen Investitionen von 450 Millionen Mark, die in den Universitätsbau geflossen seien, und die bereits geschaffenen 1000 Arbeitsplätze sowie die geglückte Architektur hin und äußerten die Hoffnung auf eine große Zukunft der "Reformhochschule" Bielefeld. Lediglich Rektor Grotemeyer ging in seiner Rede auf die anwesenden Studenten, Wissenschaftler und Bauarbeiter ein und versprach, die sich fremden Welten der Bauarbeit und der wissenschaftlichen Arbeit einander näher zu bringen: "Die Universität wird versuchen, ein wenig der Verpflichtung nachzukommen, die sie denjenigen schuldet, die das neue Gebäude errichtet haben, indem sie alle Anstrengungen unternimmt, eine 'offene Universität' zu werden."

Laut Bielefelder Universitätszeitung (11/74 vom 14. Oktober 1974) vollbrachte das Studentenwerk als Restaurationsbetrieb beim Richtfest eine erstaunliche Leistung, wie die Liste der konsumierten Dinge eindrücklich bestätigt:
  • 13.000 Tafeln Schokolade (wurden gegen gelbe Verpflegungskarten ausgegeben)
  • 12.000 Schnäpse
  • 30 Hektoliter Bier
  • rd. 2.000 Portionen Gulasch
  • rd. 2.000 Bratwürste
  • 2.000 "westfälische Präsente"

Obwohl die lokale Presse die "Fraternisierung" zwischen Arbeitern und Studenten sowie die Kosten des Baus und nicht den Polizeieinsatz in den Mittelpunkt der Berichterstattung stellte, hatte letzterer noch ein Nachspiel. Es kam zum ersten Krach zwischen der Bielefelder Polizei und der Universität. Der AStA-Vorsitzende Jürgen Grumbach kritisierte den "völlig überflüssigen Großeinsatz der Polizei auf dem Baugelände", und Rektor Grotemeyer sprach in einer Erklärung von "unliebenswürdigen Notstandsreaktionen" beim Richtfest. Dem "Nachspiel" folgte wieder konzentriertes Arbeiten. Im Mai 1975 erfolgte die Übergabe des ersten Bauabschnittes, im September 1976 die des dritten und letzten Bauabschnittes des Universitätshauptgebäudes, das auch nach 30 Jahren noch die Gemüter erhitzt.

Martin Löning, Universitätsarchiv