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"Abgestaubt" - aus dem Universitätsarchiv

in gekürzter und veränderter Form in: BUZ, 222/2006 vom 3.4.2006, S.8

"Ostwestfalen-Universität wird von dem gesamten Heimatraum getragen" Über drei Jahre älter als die Universität Bielefeld – Vor 40 Jahren wurden die Westfälisch-Lippische Universitätsgesellschaft gegründet

„ ... Stadt und Land Bielefeld sollten die größtmögliche Initiative einsetzen, um Herrn Minister Dufhues den Gedanken klarzumachen, daß auch der Raum Bielefeld/Sennestadt/Teutoburger Wald für die Errichtung einer Universitätsstadt als ein geradezu ideales Gebiet geeignet wäre. ... Trotzdem ist es die Ansicht des Unterzeichneten, daß zum mindesten ein Kreis verantwortlicher Wissenschaftler, Juristen und Wirtschafter sich schnell zusammenfinden müßte zu einer ersten unverbindlichen Aussprache, vorläufig unter Ausschluss der Presse, um die Idee zu erörtern und um evtl. konkrete Beschlüsse zu fassen, um diese Angelegenheit zu fördern.“ So der Vorstand der ASTA-Werke in Brackwede, Ewald Kipper, in einem Schreiben an den Bielefelder Oberstadtdirektor Heinz-Robert Kuhn vom 9. Dezember 1960.

Der Brief des Industriellen Ewald Kipper machte die Idee einer Universität in Bielefeld und die Absicht, eine Fördergesellschaft zu gründen „aktenkundig“, denn er ist das früheste Dokument, das sich mit der Gründung einer Universität in Ostwestfalen befasst. Kipper, der als Direktor der AStA-Werke in Brackwede einem Betrieb der chemischen Industrie vorstand, bemühte sich ellerdings in erster Linie um die Errichtung einer Medizinischen Akademie, die dann Keimzelle einer Teil- oder Volluniversität werden sollte.

Die Universitätsplanungen in Ostwestfalen gerieten in der Folgezeit nahezu in Vergessenheit, bis sich drei Jahre später die Pläne der Landesregierung für eine weitere Universität in Ostwestfalen verdichteten und konkretisierten. Die Bielefelder Tageszeitungen, insbesondere das Westfalen-Blatt und die Westfälische Zeitung, forcierten vor dem Hintergrund eines Bewerberwettstreits um den Standort der zu gründenden Universität – Bewerber waren die Städte Detmold, Paderborn, Herford, Bielefeld, Soest und Sennestadt – die Gründung einer Bielefelder Förderergesellschaft und suchten , in der Wirtschaft und anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen nach Bündnispartnern für den Bielefelder Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl. Lange vor der endgültigen Standortentscheidung wurde Hinnendahl im Frühjahr 1965 aktiv und arrangierte zunächst ein Treffen der Förderer in Bielefeld "im kleinen Kreis". Man vereinbarte mit der Vereinsgründung bis zur Standortentscheidung zu warten, sich aber schon jetzt zum Gründungsausschuß zu konstituieren. Vorsitzender eines Arbeitsausschusses zur Bildung einer Gesellschaft der Freunde und Förderer einer westfälisch-lippischen Universität sollte sich in enger Abstimmung mit am Aufbau der Universität beteiligten Personen nach Ansicht der Teilnehmer mit Rudolf-August Oetker ein Vertreter der Wirtschaft werden. Ein konstituierte formlos am 10. Juli 1965 im Bankhaus Lampe. Obwohl bei der formlosen Konstituierung dieses Ausschusses die Frage des Standorts zunächst keine Rolle spielte, war durch die Zusammensetzung klar, daß nur eine Universität im Raum Bielefeld-Herford unterstützt werden sollte. Der Arbeitsausschuss sah seine Rolle als parteipolitisch neutraler geistiger und materieller Förderer der Universität in Ostwestfalen und fungierte schon bald als wichtiger Ansprechpartner für die Planer der Universität um Kultusminister Mikat und Helmut Schelsky.

Unmittelbar nach der Grundsatzentscheidung der Landesregierung für den Standort Bielefeld-Herford am 9. November 1965 drängte Oberbürgermeister Hinnendahl dann auf eine förmliche Konstituierung des Vereins. Ob das Drängen Hinnendahls zu diesem Zeitpunkt bereits seinem Wissen darüber entsprang, dass im Kabinett lediglich die reine Bielefelder Lösung am heutigen Universitätsstandort verfolgt wurde, ist unklar. Bei der Sitzung des Gründungsausschusses der Universitätsgesellschaft am 29. Dezember 1965 beschloss man einstimmig die Gründung der "Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft e.V. – Verein der Freunde und Förderer", zu deren Vorsitzenden die Anwesenden Oetker wählten. Ein Satzungs- und Organisationsausschuß sollte bis zur nächsten Sitzung eine möglichst offene Satzung ausarbeiten, da sich bei der Gründung der Bochumer Fördergesellschaft eine zu starre Satzung als sehr hinderlich erwiesen habe. Der Verein sollte mit Vorstand, Kuratorium und Mitgliederversammlung drei Organe erhalten.

Der Bonner Universitätskanzler Eberhard Freiherr von Medem und der Vorsitzende Rudolf August Oetker vor der Gründungsversammlung am 29. Januar 1966. (Foto: G. Rudolf / Universitätsarchiv)

Der Einladung Oetkers zur rechtlichen Konstituierung der Universitätsgesellschaft am 29. Januar 1966 folgten dann mehr als 70 prominente Personen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft aus ganz Ostwestfalen-Lippe. Anwesend im Bankhaus Lampe waren auch die Mitglieder des Gründungsausschusses der Universität sowie Vertreter der Städte Paderborn und Detmold, worin die Presse einen Beleg dafür sah, „daß heute der gesamte ostwestfälisch-lippische Raum in Einmütigkeit hinter den Plänen des Landes Nordrhein-Westfalen stehe. Erneut wurde Oetker zum Vorsitzenden gewählt, der Bielefelder Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl zu seinem Stellvertreter und ein Mitarbeiter der Fa. August Oetker, Werner Glahe, zum Geschäftsführer. Den Vorstand ergänzten der Regierungspräsidenten Ernst Graumann, der Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses des Bundestages, der SPD-Abgeordnete Ulrich Lohmar, der Vorsitzenden der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld Heinz zur Nieden, der Herforder Oberbürgermeister und CDU-Bundestagsabgeordnete Kurt Schober sowie Helmut Schelsky und der Bonner Universitätskanzler Eberhard Freiherr von Medem in ihrer erwarteten Funktion als Rektor und Kanzler der neuen Universität.

In seiner Rede vor der Gründungsversammlung betonte Oetker, dass die zu gründende Universität von allen Städten und Gemeinden des ostwestfälisch-lippischen Raumes und allen Teilen der Bevölkerung, unabhängig von Konfessionen, Berufsständen, politischer und weltanschaulicher Richtung getragen werden müsse. Die ebenfalls am 29. Januar 1966 verabschiedete Satzung enthält als Vereinszweck lediglich – und darin unterscheidet sich die Satzung von 1966 kaum von der heutigen Satzung der Gesellschaft – die Ziele, die westfälisch-lippische Universität zu fördern und die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis zu vertiefen. Die Gesellschaft sah – und sieht sich auch heute noch – als Gesprächspartner der Universität aus der Praxis, der Fragen und Wünsche aus der Praxis an die Universität weiterleitet und Anstoß zur Durchführung konkreter Projekte gibt.

Die rechtliche Konstituierung (Gründungsversammlung) der "Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft - Verein der Freunde und Förderer e. V." am 29. Januar 1966 in Bielefeld, Bankhaus Lampe. Prof. Dr. Helmut Schelsky (im Vordergrund am Rednerpult) stellt das von ihm erarbeitete Strukturkonzept für die "Universität im ostwestfälischen Raum" vor. (Foto: G. Rudolf / Universitätsarchiv)

Mit der Gründung der Universitätsgesellschaft am 29. Januar 1966 entstand in den Augen der Presse das neben dem Gründungsausschuss der Universität wichtigste Gremium für die neue Hochschule. Kultusminister Mikat verband seine Glückwünsche zur Gründung der Gesellschaft gleich mit dem Wunsch, die Planung der Universität durch finanzielle Mittel der Gesellschaft voranzubringen und mit der Bitte beim Ankauf der Osthoffschen Villa, die als erster Verwaltungssitz der Universität dienen sollte, mitzuhelfen. Besonders in den Aufbaujahren war die Universitätsgesellschaft in materieller und ideeller Hinsicht eine der treibenden Kräfte und Förderer der Universitätsneugründung. Die von der Universitätsgesellschaft zunächst allein, dann gemeinsam mit der Universität veranstalteten festlichen Universitätsbälle waren gesellschaftliche Ereignisse, die viel dazu beitrugen, dass sich Universität und Stadt begegneten, kennen lernten und voneinander profitierten. Die Gesellschaft wurde so zu einem unverzichtbaren Bindeglied zwischen den Menschen außerhalb und innerhalb der Universität. Die Mitgliederentwicklung der Gesellschaft verlief darüber hinaus überaus positiv. Am Tag der Standortentscheidung am 6. Juni 1966, hatte sie 38 natürliche und 22 nicht-natürliche Mitglieder. Bereits vor der Inbetriebnahme der Universität im November 1969 war diese Zahl auf über 300 Mitglieder gewachsen.

Martin Löning, Universitätsarchiv