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"Abgestaubt" - aus dem Universitätsarchiv

„Die Zukunft wird unser sein: Chile wird siegen!“ – Kommunikation und Kompromiss am Beispiel des Chilewandbildes in der Unihalle


Am 11. September 1973 kam es mit Unterstützung der USA bzw. des CIA zu einem blutigen Putsch der chilenischen Generäle gegen die Volksfrontregierung unter Salvador Allende, bei der neben dem Präsidenten mehrere Tausend Anhänger der Volksfrontregierung starben. Der Kampf gegen die Militärdiktatur Augusto Pinochets wurde von linken politischen Kräften in aller Welt, die die Volksfrontregierung Allendes schon mit großen Sympathien begleitet hatten, zum allgemeinen Symbol des Kampfes gegen Militärdiktatur, Faschismus und Kapitalismus.

 
Flugblatt des MSB (Marxistischer Studentenbund) Spartakus Bielefeld vom September 1973 zum Putsch in Chile. (Quelle: Universitätsarchiv)


An der Universität Bielefeld, wie an anderen Universitäten auch, organisierten der AStA und die ihn tragenden linken Hochschulgruppen immer wieder Aktionen, die ihre „Solidarität mit dem chilenischen Volk“ zum Ausdruck bringen sollten. In der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1976 kam es nach konspirativ durchgeführten Vorbereitungen zur Bemalung der als Informationswand vorgesehenen 16 Meter langen Stirnwand der Universitätshalle am Audimax durch Mitglieder des AStA nach einem Entwurf der exilchilenischen „Brigade Salvador Allende“. Der durch diese „unrechtmäßig zustande gekommene“ Aktion ausgelöste Konflikt zwischen den Studierendengremien und der Universität bzw. innerhalb der Universitätsgremien ist auch ein Beispiel für die durch eine hohe Kommunikationskultur geprägte Konfliktlösung in der zum damaligen Zeitpunkt gerade erst gegründeten und fertiggestellten „Reformuniversität Bielefeld“.

 
Das Chilewandbild in der Universitätshalle (Foto: Universitätsarchiv)

Der Text unter dem Wandbild lautet: „11. September 1973. Faschistischer Putsch: Leid, Kampf, Terror ~ Das Volk kämpft: Widerstand, Kampf, Es bildet sich die Antifaschistische Front, Die Arbeiterklasse: Motor dieser Einheit ~ Die Zukunft wird unser sein: Chile wird siegen!“

 
Neue Westfälische, 13.12.1976.
(Texte und Fotos aus der Neuen Westfälischen sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion.)

Die Lokalpresse Neue Westfälische und Westfalen-Blatt kamen am 13. Dezember 1976 zu einer positiven Würdigung des Wandbildes („Mehr Farbe in die Uni“; „Schmuck für die ansonsten triste Eingangshalle“), während das Rektorat in seiner 237. Sitzung am 14. Dezember 1976 die Bemalung der Stirnwand des Auditorium Maximum durch den AStA in einem Beschluss verurteilte: „Das Rektorat verurteilt ... das eigenmächtige, die geregelten Zuständigkeiten der Selbstverwaltung der Universität mißachtende Vorgehen des AStA. Es stellt fest, daß die Bemalung somit unrechtmäßig und auf undemokratische Weise zustande gekommen ist.“ Dabei sorgte insbesondere die Darstellung der auf die Bevölkerung gerichteten Gewehrläufe vor dem Hintergrund der amerikanischen Flagge für Kritik.

Die Fachschaftsleiterkonferenz (Vorgängerin des Studentenparlaments), die sich in der Sitzung vom 16. Dezember 1976 mit der Bemalung und dem Rektoratsbeschluss befasste, kam verständlicherweise zu einem anderen Ergebnis: „Die FLK begrüßt die Initiative des AStA ... Sie weist in diesem Zusammenhang besonders darauf hin, daß es für jeden Demokraten und Antifaschisten eine Selbstverständlichkeit ist, aktiv den Kampf des chilenischen Volkes gegen die faschistischen Henker zu unterstützen. Sie hält es deshalb für unvertretbar, das Wandbild wegen seiner politischen Tendenz zurückzuweisen. Angesichts der geschichtlichen Wahrheit hält sie insbesondere die Kritik an der Art und Weise der Darstellung der US-Flagge für unberechtigt und weist sie zurück. ... Die FLK fordert alle universitären Gremien auf, zur Wandmalerei und deren Inhalt Stellung zu beziehen.“

Ausschnitt aus dem Chilewandbild in der Universitätshalle (Foto: Universitätsarchiv)

Auch im Senat wurde in der 74. Sitzung vom 22. Dezember 1976 unter dem Tagesordnungspunkt „Kunst am Bau“ auf Antrag des AStA über das Wandbild debattiert. Nach einer längeren Diskussion fasste der Senat bei einer Enthaltung den einstimmigen Beschluss, der die auf Ausgleich angelegte Kommunikationskultur widerspiegelte: „Der Senat wertet die Art und Weise des Zustandekommens des Bildes an der Stirnwand des Auditorium Maximum als einmalige spontane Demonstration der Studentenschaft der Universität Bielefeld. ... Der Senat ist der Ansicht, daß das Bild als gesamtes bestehen bleiben soll; er möchte damit zum Ausdruck bringen, daß an der Universität Bielefeld die stillschweigende Duldung des Faschismus kein Platz hat.“

Schließlich beriet auch das Rektorat in seiner 239. Sitzung vom 5. Januar 1977 erneut das Thema unter Berücksichtigung des vorausgegangenen Senatsbeschlusses: „Das Rektorat erkennt es als berechtigt an, in den zentralen Fragen der künstlerischen Gestaltung unseres unmittelbaren Arbeits- und Lebensraumes eine breite gesamtuniversitäre Willensbildung und Entscheidungsfindung herbeizuführen. ... Die endgültige Bestimmung der widerrechtlich bemalten Wand steht weiterhin zur Disposition und ist vom Ergebnis der gesamtuniversitären Willensbildung abhängig.“

Das Wandbild schmückt auch heute noch die Stirnwand des Audimax, von den späteren Studierendengenerationen allerdings weitgehend unbeachtet und in Unkenntnis seiner Entstehungszusammenhänge. Auffallend ist jedoch, dass das Wandbild in den vergangenen Jahrzehnten nahezu unangetastet geblieben ist und bei Wandschmierereien und wilden Plakatierungen respektvoll ausgespart bleibt. Lediglich im Frühjahr 1977 kam es zu Schmiereien auf dem Wandbild, die vom AStA auf eigene Kosten entfernt wurden, da "dieses Bild inzwischen zur künstlerischen Ausstattung der Universität gehört".

Eine Anekdote am Rand: Das Wandbild ist mittlerweile bis in die höchsten politischen Kreise bekannt. Die ehemalige sozialistische Präsidentin Chiles, Verónica Michelle Bachelet Jeria (Präsidentin von 2006 bis 2010), die nach dem Putsch 1973 mit ihrer Mutter in die DDR geflohen war und dort Medizin studiert hatte, erfuhr während eines Staatsbesuchs in Deutschland im August 2009 durch einen ehemaligen Professor der Bielefelder Universität von der Geschichte des Wandbilds in der Unihalle und war derart interessiert, dass sie sich von ihm mit Bildern und weiteren Informationen versorgen ließ.

Bleibt zu hoffen, dass das Wandbild nicht nur die politischen Diskussionen in den universitären Gremien in den 1970er Jahren überstanden hat, sondern auch die Modernisierung des Universitätshauptgebäudes in den kommenden Jahren überlebt.

Martin Löning
27. Juni 2010