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Durch den internationalen Flugverkehr verbreiten sich die mikroskopisch kleinen Widerstandskämpfer über die ganze Welt. Pneumokokken beispielsweise ließen sich auf Island gut therapieren, bis vor einigen Jahren eine Familie aus Reykjavik nach einem Urlaub in Spanien mit Pneumokokken zurückkehrte. In Spanien sind etwa die Hälfte der Stämme mehrfachresistent. Jetzt liegt die Rate der gegen mehrere Medikamente unempfindlichen Pneumokokken in der isländischen Hauptstadt bei 80 Prozent. Mitte der fünfziger Jahre produzierten Firmen in den USA rund eine Million Kilo Antibiotika. Heute ist es die 25fache Menge. Doch davon findet nur die Hälfte in der Behandlung von Infektionskrankheiten beim Menschen Verwendung. Die anderen fünfzig Prozent landen in der Landwirtschaft - und damit direkt oder indirekt auf unseren Tellern. Als Hauptproblem gilt, dass in der Tierhaltung oft Antibiotika benutzt werden, die sehr ähnlich wirken wie die in der Humanmedizin eingesetzten. Dabei haben Tierärzte den geringsten Anteil am Antibiotikaverbrauch, die Hauptmasse der Medikamente mischen die Landwirte selbst ins Futter, weil die Tiere die Nahrung dann besser zu verwerten scheinen und schneller wachsen. So bekommen gering dosierte Gaben über einen langen Zeitraum geradezu ideale Bedingungen für die Entwicklung diverser resistenter Mikroben. Das gefährdet jeden, der mit den Tieren zu tun hat, die Landwirte ebenso wie Mitarbeiter in Schlachtereien und Verbraucher, die das Fleisch zubereiten oder es halbgar verzehren. Antibiotika im Fleisch können direkt Resistenzbildungen bei Bakterien in Gang setzen, die den Menschen besiedeln.

In den USA, wo Antibiotika in der Landwirtschaft immer verboten waren, sind die Resistenzraten trotzdem viel höher als in Deutschland. Der Grund: Antibiotika sind dort frei erhältlich, niemand muss sich beim Arzt ein Rezept holen. Anfang der vierziger Jahre ließen sich noch nahezu alle Stämme des Eiterbakteriums Staphylococcus aureus mit Penicillin behandeln, zehn Jahre später tauchten erste Resistenzen auf. Mittlerweile sind 15 Prozent der Staphylokokken mit gängigen Mitteln nicht mehr zu bekämpfen. Die Wissenschaftler warnen: Es tickt eine biologische Zeitbombe.

Gerade auf Intensivstationen, wo mit hohen Antibiotikadosen gearbeitet wird, sind die Anordnungen der Ärzte "nicht immer sinnvoll", der Kenntnisstand der Mediziner "nicht optimal" - eine Einschätzung, die auch Experten wie der Berliner Infektionsmediziner Helmut Hahn teilen. Dank restriktiver Verschreibungspolitik gehören die Skandinavier in Europa zu den Musterknaben in Sachen Antibiotika: In Dänemark und Schweden liegen die Raten von Staphylokokken, die gegen das Medikament Methicillin resistent sind, bei lediglich 0,1 und 0,3 Prozent. In Italien dagegen, wo Antibiotika als eine Art "Volksheilmittel" rezeptfrei zu erhalten sind, ist die Resistenzrate um ein Hundertfaches höher, nämlich 34,4 Prozent. Deutschland rangiert mit 5,5 Prozent im Mittelfeld.

Das Problem wird die Wissenschaft noch lange beschäftigen. Nach Ansicht von US-Forscher Martin Rosenberg ist im Moment nur die "Spitze des Eisberges" sichtbar. Das Bild hat der Wissenschaftler bewusst gewählt: Das Wort "Eisberg" erinnert ihn an das Schicksal der Titanic.

Während bei den meisten bakteriellen Infektionserregern die Identifizierung schnell durchgeführt werden kann, besteht bei sehr langsam wachsenden – also schwer kultivierbaren – Erregern wie bspw. bei Mycobacterium tuberculosis mehr den je der Bedarf an einer schnellen, akkuraten Methode der Differenzierung bzw. der Resistenzerfassung. Die Tuberkulose, die „weiße Pest“ gehört zu den wichtigsten und häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Etwa 10.000.000 Neuerkrankungen werden jährlich durch die WHO verzeichnet. Ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung trägt den Erreger in sich! Während in den westlichen Ländern die Rate der resistenten Stämme noch relativ gering ist, stellen Patienten aus Hochrisikogebieten, wie bspw. den Nachfolgestaaten der GUS ein Reservoir für die Einschleppung hochresistenter Mykobakterien dar. Der Standardtest um zu überprüfen, ob die Mykobakterien, die bei einem Patienten gefunden werden, resistent sind oder nicht, dauert mehrere Wochen. Wertvolle Zeit, denn ein Patient hat vielleicht schon andere Menschen angesteckt!



picture Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite: Prof. Dr. Markus Sauer