Interviews & Features    

 
· Einleitung
· Struktur politischer Diskussionen
· Rhetorische Strategien im Golfkrieg 1991
Kriegsbefürworter
· Kriegsgegner
· Fazit
· Die Quellen
· Die Autoren
· Feedback




Die politische Diskussion über den jüngsten Irak-Konflikt weist trotz gewisser Unterschiede (u.a. kein vorausgegangener Angriff seitens des Irak, Erfordernis der Terrorismusbekämpfung) viele Ähnlichkeiten mit der Auseinandersetzung im Jahr 1991 auf. Insbesondere war die Ausgangsituation vergleichbar, dass die Öffentlichkeit in vielen Ländern der Welt und zunächst auch in den USA einen Krieg gegen den Irak kritisch beurteilte. Wer angesichts der sich politisch zuspitzenden Lage Ende 2002/ Anfang 2003 auf eine faire Diskussion über das Für und Wider eines Kriegs gegen den Irak gehofft hatte, der musste bald enttäuscht zur Kenntnis nehmen, dass zunehmend bestimmte, auf positionsdynamische Überlagerungseffekte abzielende Emotionalisierungs- und Konfliktstrategien den öffentlichen Diskurs bestimmten. In diesem Sinne sind zahlreiche Äußerungen von Kriegsbefürwortern zu problematisieren, weil in ihnen inakzeptable Beschimpfungen, Diskreditierungen, Vorwürfe oder sogar Drohungen gegenüber Kriegsgegnern formuliert wurden. War schon die viel diskutierte Bemerkung des amerikanischen Verteidigungsministers Rumsfeld über das alte Europa (Rumsfeld 05/02/2003) und die Gleichsetzung von Deutschland mit Kuba und Libyen (Rumsfeld 23/01/2003) wenig hilfreich, so diente es erst recht nicht der Verständigung, wenn in der amerikanischen Presse Deutsche und Franzosen der Feigheit (Achse der Wiesel) gescholten und der französische Präsident Chirac als Ratte verunglimpft werden (siehe Younge / Henley 2003 für eine Sammlung von Beschimpfungen). Ohnehin erweisen sich bei näherer Betrachtung die meisten der erhobenen Vorwürfe als ungerechtfertigt. So liegen dem häufig an Deutschland gerichteten Vorwurf eines Antiamerikanismus zwei unzulässige Schlüsse zugrunde: weder darf man vom Verhalten eines kleinen Teils der deutschen Bevölkerung auf das der ganzen Bevölkerung schließen noch resultiert aus einer kritischen Haltung gegenüber der Politik der US-Regierung eine negative Einstellung zu den USA. Illegitim war auch der u.a. vom US-Kongresspolitiker Lantos gegen Belgier, Deutsche und Franzose erhobene Undankbarkeitsvorwurf (Lantos 12/02/2003), weil es keinen logischen Zusammenhang zwischen der Verpflichtung zu Dankbarkeit gegenüber Amerika und dem Recht gibt, andere Auffassungen als die US-Regierung zu vertreten. Vielmehr wird mit diesem Vorwurf lediglich der Dissonanzvermeidungseffekt genutzt. Den schon bekannten Inkonsequenzvorwurf gegen Friedensdemonstranten formulierten diesmal der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, und die Journalistin Lea Rosh. Letztere monierte in stereotyper Formulierung: „Wo bleiben die Proteste gegen die Ermordung der Kurden, gegen die Ermordung der Schiiten?“ (Rosh 20/02/2003) Darf man aber aus der Tatsache, dass Demonstranten gegen einen Sachverhalt demonstrieren und gegen einen zweiten nicht, darauf schließen, dass sie mit dem zweiten Sachverhalt einverstanden sind?



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Prof. Dr. Walther Kindt und Dr. Swen Osterkamp