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:: 1. Rechtserosion


Wenn eine Veränderung der Problemlösung von der Streitentscheidung durch normgeleitetes Urteil hin zu „informalen“ Beilegungsformen zu beobachten ist, stellt sich die Frage nach dem veränderten Stellenwert des Rechts, und dies mindestens unter drei Aspekten:

(1) Ist nicht Recht für seine faktische Geltung auf Bekräftigung durch Bezugnahme angewiesen? Recht, das nur in den Büchern schlummert, aber nie „gebraucht“ wird, weil sich jede Rechtsfrage durch Verhandlungen und Vergleiche löst oder besser auflöst, muß an Stellenwert verlieren.

(2) Dass rechtsgebundene gerichtliche Entscheidungen ergehen, führt nicht nur zur Rechtsbekräftigung. Damit wird über bestimmte Lebenssachverhalte entschieden und gesagt, ob und inwieweit die in Betracht gezogenen Normen auf das Leben anwendbar sind. Die zur Entscheidung von Einzelfällen herangezogenen Rechtssätze werden konkretisiert. Der Informationsgehalt von Recht lädt sich also auf. Aber das Recht wird in seiner Anwendung durch die Gerichte auch mit wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen konfrontiert; es wird fortgebildet; es lernt sozusagen.

(3) Recht und Rechtsnormen spielen nicht nur im gerichtlichen Prozeß eine Rolle. Recht hat auch mit allgemeiner Kommunikation und privater Konfliktaustragung zu tun. Dieser Aspekt hat in den vergangenen Jahren stärkeres Interesse in der Rechtssoziologie gefunden, (4)nachdem dieses Fach eigentlich als Ausgangpunkt den Sachverhalt verdeutlicht hatte, daß Recht mit anderen, nämlich sozialen Normen konkurriert und die Verhaltenssteuerung viel stärker an ihnen ausgerichtet ist als Juristen glauben.

Die hier angedeutete Problematik kann man vielleicht insgesamt in die (etwas überzogen formulierte) Frage kleiden: Was wird aus dem Recht, wenn es nur noch faule Kompromisse gibt? Ihre Dramatik wird man jedoch nicht überschätzen dürfen.


pictureVerantwortlich für den Inhalt dieser Seite: Prof. Dr. Fritz Jost