Interviews & Features    

 
Einleitung
· Vertragstheorien
· Vertragstheorien vor dem Hintergrund der Selbstmordattentate
· Rückkehr zum Naturzustand?
· Schlussgedanken
· Die Autorin
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:: Eine Stellungnahme zu den Attentaten in Amerika am 11. September 2001

Diese gemeinsame Welt erlebt ihren bislang nicht oder kaum vorstellbaren globalen Naturzustand. Die Staaten - alle - dachten, ihn abwenden, präventiv verhindern und bekämpfen zu können. Die Ereignisse in den Vereinigten Staaten haben politikmüde Bürger und Bürgerinnen globalisierend wachgerüttelt; mit neometaphysischen Eingeständnissen drängen sie in die Gotteshäuser aller Konfessionen. Voller Scham muss sich jeder eingestehen: Wir haben uns zu lange nicht eingemischt, zu lange geschwiegen, uns um eigene Selbstverwirklichung gekümmert und dabei die Belange Anderer aus den Augen verloren. Jeder wird eigene rechtfertigende Erklärungen und Entschuldigungen dafür haben.

Aber gewiss sind sich alle, und das begründet die kollektive Scham zurecht: Schon lange vor den Attentaten in New York, Washington und Pittsburgh hatten wir hinreichenden Anlass, an der Stärke unserer eigenen nationalen Staaten zu zweifeln. Organisierte, mafiöse und terroristische Kriminalität sind seit Jahr und Tag nicht nur geläufige Begrifflichkeiten, sondern empirische Wirklichkeit. Wir haben schon lange Kenntnis über politisch motivierte Straftaten und ihre Ausmaße, die durchaus mit dem aktuellen Geschehen vergleichbar sind. Wir wissen auch um die Möglichkeit staatlicher Regierungskriminalität und wissen um die Ohnmacht, wenn man ihr ausgesetzt ist.

Und doch bleibt etwas Anderes, etwas offenbar Unaufklärbares in unseren Reaktionen angesichts der nunmehr erfolgten Anschläge in Amerika. „Mammut-Verbrechen“ – wie Helmut Schmidt diesen Anschlägen zutreffend einen Namen gibt. Aber selbst diese Bezeichnung erklärt dennoch nicht die tiefe und ehrliche Antwort der Solidarität vieler Millionen Menschen. Auf der Suche nach Erklärungen mag jeder auf seine Weise vorgehen. Sich wechselseitiger friedlicher Gemeinschaft mit Anderen versichern zu wollen, könnte in diesem Zusammenhang zum neuen Schlüsselerlebnis für viele Menschen werden.

Langfristig bedarf ein Sich-selbst-Vergewissern rationaler Erklärungen für dieses berechtigte Interesse. Ein Ort für rational deutende Aufklärung sind die Universitäten. Die Geisteswissenschaften sollten sich an der Suche beteiligen. Sie sollten sich allerdings davor hüten, etwa kurzfristig erlangtes Medienwissen als hinreichende Diskussionsgrundlage der Studierenden oder aufkommendes subjektives Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung anzuerkennen. Vielleicht besteht eine Chance, die Wissenschaft des Denkens aus ihrem professoralen, elitär befangenen und empfindsam eitlen Dasein herauszuführen.



pictureVerantwortlich für den Inhalt dieser Seite: Prof. Dr. Regina Harzer
Dieser Beitrag erschien erstmals in Festschrift für Klaus Lüderssen zum 70.Geburtstag am 2. Mai 2002, hrsg. von Cornelius Prittwitz u.a., Baden-Baden 2002, S. 481 ff.
Die Online-Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Nomos Verlages.